Aktivisten-Wiki Die grüne Liste

Das von der Heinrich-Böll-Stiftung zusammengestellte Online-Verzeichnis "Agent*In" führt Gegner feministischer Positionen auf. Kritiker beklagen den "Pranger".

Von Kathleen Hildebrand

Ein etwas mulmiges Gefühl kommt auf, wenn man diese Liste sieht: Dutzende Namen stehen da, alphabetisch geordnet in vier Spalten. Jeder ist verlinkt zu einer Seite über die Person. Das sieht nach Wikipedia aus, doch was auf den Seiten steht, konzentriert sich auf einen sehr engen Aspekt: die antifeministischen Positionen der aufgeführten Personen und Organisationen. "Ultrakatholisch" sei dieser, jene Zeitschrift gehöre zur "Neuen Rechten", ein anderer vertrete monarchistische Ideen.

Das Online-Lexikon "Agent*In" ist letzte Woche online gegangen. Die Abkürzung steht für "Anti-Gender-Networks Information". Es ist ein Wiki, das die Netzwerke, Organisationen und öffentlichen Vertreter von antifeministischen Positionen offenlegen soll. Katholische Organisationen wie Opus Dei und die Legionäre Christi sind darunter, die AfD und Gruppierungen der Neuen Rechten. Aber auch einzelne Journalisten aus bürgerlichen Medien. Das Gunda-Werner-Institut der Heinrich-Böll-Stiftung hat es von einer Gruppe freier Autoren und Wissenschaftler erstellen lassen. Bislang gibt es 177 Einträge.

Kritiker sprechen von einem "Pranger", von "Stasi-Methoden" und "Vorboten des Totalitarismus"

Am Tag nach dem Start kamen im Netz die ersten Reaktionen. Ein "Pranger" sei das Lexikon, es verleumde, verwende Stasi-Methoden. Besonders der Artikel über Harald Martenstein vom Zeit Magazin macht einige zornig. Darin steht, dieser vertrete "heteronormative Positionen", befürworte also die Einhaltung traditioneller, heterosexueller Geschlechterrollen.

Eric Gujer, Chefredakteur der NZZ, schrieb dazu am Freitag in einem Newsletter seiner Zeitung: "Wer den grünen Zeitgeist infrage stellt, und sei es ironisch, der darf angeprangert werden." Am Montag kommentierte Henryk M. Broder in der Welt, er sehe in Agentin.org einen Vorboten des Totalitarismus. "Klar ist, (die Seite) agiert wie ein Geheimdienst der Guten, der bestimmte Ansichten durchsetzen und andere in Verruf bringen will."

Mit dieser Kritik hatten die Macher gerechnet: "Wir waren nicht überrascht", sagt Henning von Bargen, Leiter des Gunda-Werner-Instituts. Geschlechterforscher und Aktivisten würden aus bestimmten Ecken immer als Denunziatoren bezeichnet. Die Angriffe gegen sie nähmen zu, seit es Pegida und die AfD gibt.

Warum sein Institut, das zu politischen Aspekten von Geschlechterthemen arbeitet, das Wiki gemacht hat? "Wir wollen öffentlich verfügbare Informationen systematisieren, zeigen: Was und wer hängt da wie zusammen, welche Positionen und Ideologien werden vertreten? Das ist politische Bildungs- und Aufklärungsarbeit." Für die ist die Heinrich-Böll-Stiftung laut selbstgegebenem Auftrag zuständig. Das Leitbild der Stiftung in geschlechterpolitischen Fragen sei "geschlechterdemokratisch", steht auf der Webseite des Gunda-Werner-Instituts: "gleiche Rechte, gleiche Chancen, gleiche Zugänge von Männern und Frauen zu wirtschaftlichen Ressourcen und politischer Macht".

Den "Pranger"-Vorwurf findet von Bargen absurd. "Was wir tun, hat in keinster Weise mit Diffamierung zu tun", sagt er. Das Wiki richte sich an Menschen, die sich für Geschlechterfragen interessieren, an Journalisten und Aktivisten, die wissen wollen, welche Gruppen und Personen antifeministische Positionen verbreiten wie die, dass die "Gender-Ideologie" Ehe und Kernfamilie abschaffen wolle. Oder dass Feminismus gleichzusetzen sei mit Männerhass.

Es stimmt ja: Mit solchen Behauptungen wird man längst nicht mehr nur in obskuren Internetforen konfrontiert. Sie sind in den Kommentarbereichen seriöser Medien zu lesen und in Talkshows zu hören. "Wir beobachten, dass seit etwa fünf bis zehn Jahren ein geschlechterpolitischer Backlash stattfindet", sagt von Bargen. "Positionen, die das Rad der Geschichte, was die Frauenbewegung betrifft, zurückdrehen wollen, sickern in die Mitte der Gesellschaft ein." Sein Institut unterstütze die, die für eine geschlechtergerechte Welt kämpfen.

Auch Andreas Kemper verwahrt sich gegen den "Pranger"-Vorwurf. Der Soziologe hat das Wiki zusammen mit einem Team von Autoren erstellt. "Wir tragen zusammen, was öffentlich zugänglich anderswo bereits steht - und decken die Netzwerke auf, die dahinterstehen. Die Leute, die wir nennen, leben zum Teil davon, dass sie diese Positionen vertreten. Das sind Profis." Ein Pranger diene der Bestrafung, sagt Kemper. "Wir bestrafen aber niemanden, wir haben ja auch keine Sanktionierungsmacht." Dass die Öffentlichkeit eine gewisse Art von Sanktionierungsmacht hat, lässt sich andererseits nicht bestreiten. Die Liste zielt durchaus darauf, dass Vertreter antifeministischer Positionen nicht mehr zufällig in den Medien zu Wort kommen.

Ist "Agent*In" eine Antwort auf "Wikimannia", das Hetzportal der Antifeministen?

Das ist ein durchaus legitimes Anliegen. Dennoch bleibt ein Unbehagen. Zum einen liegt das an der Form der "schwarzen Liste". Viele Einträge auf Agentin.org sind zudem noch äußerst dürr, meist wird nicht einmal erklärt, warum die jeweilige Person aufgeführt ist. Verbindungen zu katholisch-konservativen Organisationen und ein, zwei Zitate genügen den Autoren oft schon. Zum anderen ist es nun mal nicht verboten, Antifeminist zu sein. Die Liste aber legt nahe, dass hier Falsches geschieht, das aufgedeckt werden muss.

Man kann das Wiki also auch als Teil einer Dynamik sehen, in der sich Debatten über Geschlechterfragen in den vergangenen Jahren im Netz radikalisiert haben. Agentin.org lässt sich mit der Liste vielleicht zu sehr auf die Formen ein, die diese Debatten angenommen haben. Vielleicht in einem Maße, das einer parteinahen Stiftung nicht ansteht.

Nur schwebt das Lexikon eben keineswegs im luftleeren Diskursraum. Am Montag schrieb der Tagesspiegel-Redakteur Bernd Matthies in einer Glosse: "Ein Gedankenspiel: Wie wäre es mit einer steuerfinanzierten Namensliste von rechts außen, auf der Gender-Professorinnen, schwule Blogger und linksfanatische Schmalspur-Terroristen nebeneinander zur Observation freigegeben werden? Eklige Vorstellung, finde ich."

Doch so ein Wiki gibt es seit 2009, wenn auch - und das ist ein wichtiger Unterschied - nicht steuerfinanziert: Es heißt Wikimannia und umfasst 3900 Artikel. In dem zu Alice Schwarzer ist diese als Karikatur abgebildet, mit einer Nazi-Armbinde, bei der das Weiblichkeitssymbol an Stelle des Hakenkreuzes zu sehen ist. "Hass auf alles Männliche ist mein Lebensmotto", steht unter dem Bild.

Wikimannia ist ein Hetzportal. In dem Artikel "Geschichte der Familienzerstörung" geht es etwa um die Geschichte der Ehegesetzgebung seit 1957. Punkt fünf ist die Gesetzesänderung von 1997, die Vergewaltigung in der Ehe zum Verbrechen erklärte. Die meisten Artikel sind höhnisch und offen frauenfeindlich. Die Autoren von Agentin.org verzichten hingegen auf hetzerische Sprache. Bedeutsam ist auch, dass die Betreiber von Wikimannia anonym bleiben und sich rechtlicher Verfolgung, etwa wegen Beleidigung, entziehen.

Dennoch ist auch Agentin.org einiges vorzuwerfen: Die unpassende Listenform. Die oft noch fehlenden Erklärungen. Von einer Studie, die nicht suggeriert, man könne Ideologien mit verlinkbaren Schlagworten ordnen, könnte man mehr lernen.

Anfang dieser Woche hat Agentin.org übrigens einen eigenen Eintrag bei Wikimannia bekommen. Das Lexikon wird darin als "Prangerseite" gescholten. Der Widerspruch, dass die Betreiber einer hetzerischen Prangerseite sich über Leute beklagen, die etwas Ähnliches tun, nur weniger hetzerisch, scheint bei Wikimannia niemandem aufzufallen.

Nein, luftleer ist der Raum wirklich nicht, in dem diese Diskussion gerade stattfindet.