75 Jahre Streiflicht:Der Genius der Gummibärchen

Es liegt ein Schleier des Geheimnisses über der morgendlichen Streiflichtkonferenz, der hier exklusiv gelüftet werden soll, jedenfalls ein ganz klein wenig

Von Joachim Käppner

Das Streiflicht hat sich schon mit der "Sünderin" Hildegard Knef befasst (wohlwollend), mit dem Waschbären, der das Meer als blinder Passagier in einem Frachtschiff voller Dosenbier überquerte und sich von diesem ernährte (ebenso wohlwollend) und sehr oft mit FJS oder Donald Trump (womöglich nicht ganz so wohlwollend). Zugrunde lag dem stets die Streiflichtkonferenz in der Früh. Um ihren ordnungsgemäßen Ablauf zu gewährleisten, brauchte es jahrzehntelang nur fünf Dinge, die auf geheimnisvolle Weise miteinander verwoben waren: die Inspiration (daran mangelte es nie), eine Idee (daran bisweilen schon), einen Autor (als Freiwilligen zu bestimmen), das gerüchteweise seit dem Gründungstag 1946 beim jeweils zuständigen Streiflichtchef aufgestellte Einmachglas voller Gummibärchen (gemeinsam zu verspeisen) und das bequem in fußläufiger Nähe zu findende Weinhaus Neuner (gemeinsam gegen Mittag zur weiteren Erörterung und inhaltlichen Vertiefung des Themas aufzusuchen). Derzeit sind es jedoch nur noch drei Säulen, auf denen die Kolumne ruht: Der Bärli-Topf musste in Corona-Quarantäne, was insofern zum Frieden innerhalb der Streiflicht-Gemeinschaft beigetragen hat, weil die Debatten ein Ende fanden, wer denn wohl längst an der Reihe sei, ihn wieder aufzufüllen. Und das Weinhaus ist inzwischen weit fort, seit die SZ 2008 in eine Stadtregion hinauszog, die selbst der damalige Oberbürgermeister Christian Ude als "städtebauliches Wildsaugehege" bezeichnete.

Wie das Streiflicht selbst ist die ihm zugrunde liegende Konferenz von einem feinen Schleier des Geheimnisses umhüllt. Einem Spiegel-Reporter erschien es einst als paralleles, von den tagesaktuellen Erfordernissen einer Zeitung (Nachrichten! eilige Recherche! Enthüllungen!) unendlich fernes bajuwarisches Universum, in dem sich kluge Leute lauter Gedanken machen, für die allein sie bei seinem toughen Magazin umgehend gefeuert würden. Dieser Mann hatte in seiner Einfalt das Genie der Gummibärchen zur Gänze verkannt.

Die Konferenz dauert niemals mehr als 15 Minuten und ist die heiterste im ganzen Haus. Gravitätische Einlassungen wie in anderen Konferenzen dieser Welt üblich sind untersagt und werden mit Gummibär-Entzug nicht unter einer Woche bestraft. Es gibt sogar Menschen, die behaupten, ein gutes Streiflicht könne nur entstehen, wenn in der Runde kein einziges ernstes Wort gesprochen worden sei.

Manche Kollegen sprudeln dabei dermaßen vor Ideen, dass nur eine ernsthafte Intervention des Geschäftsführenden zu bremsen vermag. Andere Redakteure kommen in die Konferenz, um sich inspirieren zu lassen. Von unserem Freund G. wird gesagt, er habe über mehrere Jahrzehnte Zugehörigkeit zur Gruppe noch kein einziges Thema selbst gefunden, und es ist wahr. Dafür schreibt er über jedes ihm durch den Themenservice gereichten Stoff so, dass man nicht länger als maximal 30 Sekunden redigieren muss.

Bei den Themen selbst kann es vorkommen, dass persönliche Prioritäten immer wieder ihren Platz in der Kolumne verlangen. Unser Freund H. ist ein ausgewiesener Experte für ausgebüxte Kängurus, unsere Freundin M. für das Liebesleben des Pandabären. Wieder ein anderer hält, rätselhaft, Hannover für die hässlichste Stadt des Erdenrunds. Auch Churchills Papagei, der noch lange nach dem Ableben des großen Mannes dessen Flüche ("Bloody Naaaazis!") gerufen haben soll, ist ein beliebter Gast, ebenso wie Hägar der Schreckliche, dessen Weisheit die Runde tief geprägt hat.

Während des Lockdowns musste die kreative Kommunikation auf Whatsapp und Videocalls verlagert werden. Ohne ein regelmäßiges Weingummi-Deputat durch den Verlag an alle Schreiber und Schreiberinnen kann das keine Dauerlösung sein. Zum Verdruss des Streiflichtteams hat der Wandel der Arbeitsabläufe die Konferenz immer weiter in die Frühe gerückt. Heute verlangt das Newsdesk gebieterisch, das Thema sei bis 8.45 Uhr ins digitale Tagesverzeichnis einzutragen. Natürlich hat das Team zugestimmt, wer wären wir, den Wandel zu torpedieren. Seitdem beginnt der kreative Prozess im frühen Morgengrauen mit dem ersten Krähenkrächzen. Ob das Streiflicht dennoch ausgeschlafen erscheint, das muss bitte die Leserschaft entscheiden. Frühere Chefs hätten eingewandt, dies sei leider nicht möglich: Denn so früh hat das Weinhaus noch gar nicht geöffnet.

© SZ
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