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60. Internationales Filmfestival Thessaloniki:Ein Fieber als Metapher für Zerrissenheit

The Fever

Justino (Regis Myrupu, rechts) leidet unter einem rätselhaften Fieber. Seine Tochter Vanessa (Rosa Peixoto) kann ihm nicht helfen. Zumindest nicht im Hier und Jetzt.

(Foto: Festival)

Subtiler stellte in Thessaloniki der Wettbewerbsbeitrag "The Fever" den Rassismus dar, dem die indigene Bevölkerung in Brasilien ausgesetzt ist. Zentrales Thema in Maya Da-Rins Spielfilmdebüt, das von der deutschen Regisseurin Maren Ade mitproduziert wurde, ist das Ringen des indigenen Brasilianers Justino (Regis Myrupu) vom Stamme der Desana-Indianer um seine kulturelle Identität.

Der 45-Jährige arbeitet als Wächter auf dem Container-Hochseehafen der Dschungel-Millionenstadt Manaus, wo ihn die Kollegen herablassend "Indio" nennen. Vom Hafen im Zentrum der Stadt zu seiner armseligen Wohnung am Stadtrand hat er jeden Tag einen langen und mühsamen Arbeitsweg zu bewältigen. Doch zuhause fühlt sich Justino geborgen, obwohl er vor kurzem Witwer geworden ist. Denn er lebt in Harmonie zusammen mit seiner erwachsenen Tochter Vanessa (Rosa Peixoto), mit der er jeden Tag zu Abend isst.

Doch dann eröffnet ihm Vanessa, dass sie ein Stipendium für ein Medizinstudium in der Hauptstadt Brasilia bekommen hat. Justino weiß, dass dies eine Chance für die Tochter darstellt, die sie ergreifen muss, um ihrem unterprivilegierten Dasein zu entkommen. Doch durch ihren Fortzug wird ihn Vanessa allein in Manaus zurücklassen. Das ist wohl der Grund, warum er ein rätselhaftes Fieber entwickelt, das als Metapher für Justinos Zerrissenheit zu verstehen ist. Das Stadtleben sichert ihm zwar ein regelmäßiges Einkommen, es verwehrt ihm aber das Leben im Einklang mit der Natur, so wie er es aus seiner Kindheit im Amazonas-Dschungel kennt. Die Ärzte können Justino nicht helfen, und so zieht es ihn schließlich an den Ort, in dem er aufgewachsen ist, um eine Antwort aus der Tiefe des Waldes zu bekommen. Dabei lässt es Regisseurin Da-Rin offen, ob Justino tatsächlich in den Dschungel zurückkehrt, oder ob er das in einem Fiebertraum nur imaginiert. Für die melancholische Sehnsucht, die "The Fever" in einer Mischung überirdischer Fiktion und dokumentarischer Genauigkeit vermittelt, ging in Thessaloniki der "Spezialpreis der Jury" ("Silberner Alexander") an den Film.

Die Intoleranz, von der Orestis Andreadakis mit Blick auf den "Overview-Effekt" sprach, hatte der spanische Beitrag "Fire will come" zum Thema. Das Drama von Regisseur Oliver Laxe handelt von dem Pyromanen Amador Coro (Amador Arias), der für seine gelegten Brände ins Gefängnis wanderte, doch nun wieder auf freiem Fuß ist. Mit dem Bus fährt er zu seiner Mutter Benedicta (Benedicta Sánchez) in ein kleines Dorf in den Bergen Galiciens.

Die Menschen, die dort leben, begegnen Amador mit Misstrauen. Sie alle wissen von seinen Taten und fürchten neue von ihm ausgelöste Brände. So bleibt Amador in der Dorfgemeinschaft ein Außenseiter. Als es erneut zu einem Brand kommt, dessen aufopferungsvolle Bekämpfung durch die Feuerwehr in "Fire will come" eindrücklich gezeigt wird, geben die Dorfbewohner automatisch Amador die Schuld, obwohl diese durch nichts bewiesen ist.

Das Gift der Voreingenommenheit

Laxe thematisiert hier eine Voreingenommenheit, die in seiner galicischen Heimat immer wieder vorherrscht. Denn diese Region im Nordwesten Spaniens gehört zu dem Gebieten in Europa mit den meisten Waldbränden. Häufig würden diese absichtlich gelegt, um Profit aus ihnen zu schlagen, wie Laxe erklärt. Die Menschen suchten dann meist einen Sündenbock, dem man die Schuld geben kann, und so eine Figur stellt Amador dar.

Die ländliche Parabel von rustikaler Schönheit wurde in Thessaloniki mit dem Hauptpreis des Festivals, dem "Goldenen Alexander", bedacht. Die Jury gab damit zu verstehen, dass sie Intoleranz und Voreingenommenheit als universale Probleme betrachtet, mit denen Menschen weit über die Grenzen Galiciens hinaus zu kämpfen haben.

Fire will come

Feuer und Vorurteil: Szene aus "Fire will come".

(Foto: Tarantula)