Süddeutsche Zeitung

60. Internationales Filmfestival Thessaloniki:Ein Appell, zu handeln

Das Internationale Filmfestival Thessaloniki nimmt seine 60. Jubiläumsausgabe zum Anlass, um Rassismus und Intoleranz anzuprangern. Die Wettbewerbsfilme sollten als Mahnruf verstanden werden, gegen diese Missstände vorzugehen.

Allein der Umstand, dass ein Filmfestival zum 60. Mal stattfindet, spricht für seine Bedeutung. Tatsächlich ist das Internationale Filmfestival Thessaloniki in den Jahrzehnten seines Bestehens neben dem Filmfestival Sarajewo zur wichtigsten Filmschau auf dem Balkan herangereift. Und so wirkte es durchaus angemessen, dass das übergreifende Thema, das das Festival jedes Jahr als Leitschnur seiner Auswahl der Wettbewerbsfilme festlegt, bei der 60. Jubiläumsausgabe dieses Jahres einen hohen Anspruch formulierte: Nichts Geringeres als der "Overview-Effekt" sei der universale Betreff, der die Wettbewerbsfilme in diesem Jahr verbinde, kündigte der künstlerische Leiter Orestis Andreadakis vor Beginn des Festivals an.

Beim "Overview-Effekt" handelt es sich um eine der tiefgreifendsten und umfassendsten Einsichten, die Menschen haben können: Der Begriff wurde geprägt durch das gleichnamige Buch von Frank White aus dem Jahr 1987, in dem Astronauten und Kosmonauten beschreiben, was sie spürten, als sie zum ersten Mal den Planeten Erde aus dem Weltall sahen. Auf magische Weise empfanden sie alle dabei ein Gefühl der Ehrfurcht, ein tiefes Verstehen der Verbundenheit allen Lebens auf der Erde und ein neues Empfinden der Verantwortung für unsere Umwelt.

"Es geht um Gleichberechtigung", sagte Andreadakis, "um unseren Planeten, der aufgrund von Rassismus, Intoleranz, Kriegen und all diesen großen Problemen in Gefahr ist. Der Overview-Effekt ist auch ein Appell, zu handeln."

Tatsächlich kreisten die Wettbewerbsfilme um die Probleme, die Andreadakis ansprach. Die Intoleranz und Kälte, die in der US-amerikanischen Gesellschaft herrschen, beschrieben etwa das österreichische Roadmovie "Lillian" von Andreas Horvath und das US-Horrordrama "Swallow" von Carlo Mirabella-Davis sehr eindrücklich, während der bildgewaltige Thriller "Monos" von Alejandro Landes die blutrünstige Zerrüttung des menschlichen Daseins zum Thema hatte, die der erbarmungslose Bürgerkrieg in Kolumbien zur Folge hat.

Den offenen Rassismus, der in Peru herrscht, veranschaulichte Melina Leon in Thessaloniki mit ihrem kafkaesken Krimi-Thriller "Song without a Name", über einen wahren Fall von Menschenhandel mit Babys in dem südamerikanischen Land in den 1980er Jahren. Als Georgina Condori (Pamela Mendoza), eine indigene Landfrau aus den Anden, in einer vermeintlichen Geburtsklinik in Lima ihr Baby zur Welt bringt, nimmt ihr das Personal die neugeborene Tochter unter dem Vorwand weg, Routinekontrollen durchzuführen, doch gibt ihr das Kind nie zurück. Ohne Tochter wird sie schließlich aus der Klinik geschmissen.

Ein bitterer Sieg

Als Indigene von feindseligen Polizisten und gleichgültigen Bürokraten ignoriert, bittet die verzweifelte Georgina schließlich den Zeitungsreporter Pedro Campos (Tommy Parraga) um Hilfe.

Pedro ist selbst ein Außenseiter, der den konservativen Normen der peruanischen Gesellschaft nicht entspricht, was zum Teil auf seine versteckte Homosexualität zurückzuführen ist. Mit seinen Recherchen deckt er schließlich auf, dass korrupte Mediziner in falschen Geburtskliniken einen schwunghaften Handel mit geraubten Babys treiben.

Der Kampf des Reporters um Gerechtigkeit bringt einige Täter schließlich ins Gefängnis, aber es ist ein unvollständiger, bitterer Sieg, der den zugrundeliegenden Rassismus und die Ungleichheit als Grundübel des Problems nicht beseitigt. Es sei ihr vor allem um diesen Rassismus gegangen, den sie mit ihrem Film zum Thema habe machen wollen, sagte Regisseurin Leon in Thessaloniki: "Rassismus ist nie berechtigt", sagte sie, "aber in Peru ist er besonders absurd. Denn er richtet sich gegen die Mehrheit der Bevölkerung, die indigen ist. Und wir sind so durchmischt, dass wohl jeder Peruaner indigene Wurzeln hat." Für den Schwarz-Weiß-Film, der an Alfonso Cuaróns Oscar-prämiertes Meisterwerk "Roma" erinnerte, wurde Leon mit dem Spezialpreis der Jury für die beste Regie (Bronzener Alexander") ausgezeichnet.

Ein Fieber als Metapher für Zerrissenheit

Subtiler stellte in Thessaloniki der Wettbewerbsbeitrag "The Fever" den Rassismus dar, dem die indigene Bevölkerung in Brasilien ausgesetzt ist. Zentrales Thema in Maya Da-Rins Spielfilmdebüt, das von der deutschen Regisseurin Maren Ade mitproduziert wurde, ist das Ringen des indigenen Brasilianers Justino (Regis Myrupu) vom Stamme der Desana-Indianer um seine kulturelle Identität.

Der 45-Jährige arbeitet als Wächter auf dem Container-Hochseehafen der Dschungel-Millionenstadt Manaus, wo ihn die Kollegen herablassend "Indio" nennen. Vom Hafen im Zentrum der Stadt zu seiner armseligen Wohnung am Stadtrand hat er jeden Tag einen langen und mühsamen Arbeitsweg zu bewältigen. Doch zuhause fühlt sich Justino geborgen, obwohl er vor kurzem Witwer geworden ist. Denn er lebt in Harmonie zusammen mit seiner erwachsenen Tochter Vanessa (Rosa Peixoto), mit der er jeden Tag zu Abend isst.

Doch dann eröffnet ihm Vanessa, dass sie ein Stipendium für ein Medizinstudium in der Hauptstadt Brasilia bekommen hat. Justino weiß, dass dies eine Chance für die Tochter darstellt, die sie ergreifen muss, um ihrem unterprivilegierten Dasein zu entkommen. Doch durch ihren Fortzug wird ihn Vanessa allein in Manaus zurücklassen. Das ist wohl der Grund, warum er ein rätselhaftes Fieber entwickelt, das als Metapher für Justinos Zerrissenheit zu verstehen ist. Das Stadtleben sichert ihm zwar ein regelmäßiges Einkommen, es verwehrt ihm aber das Leben im Einklang mit der Natur, so wie er es aus seiner Kindheit im Amazonas-Dschungel kennt. Die Ärzte können Justino nicht helfen, und so zieht es ihn schließlich an den Ort, in dem er aufgewachsen ist, um eine Antwort aus der Tiefe des Waldes zu bekommen. Dabei lässt es Regisseurin Da-Rin offen, ob Justino tatsächlich in den Dschungel zurückkehrt, oder ob er das in einem Fiebertraum nur imaginiert. Für die melancholische Sehnsucht, die "The Fever" in einer Mischung überirdischer Fiktion und dokumentarischer Genauigkeit vermittelt, ging in Thessaloniki der "Spezialpreis der Jury" ("Silberner Alexander") an den Film.

Die Intoleranz, von der Orestis Andreadakis mit Blick auf den "Overview-Effekt" sprach, hatte der spanische Beitrag "Fire will come" zum Thema. Das Drama von Regisseur Oliver Laxe handelt von dem Pyromanen Amador Coro (Amador Arias), der für seine gelegten Brände ins Gefängnis wanderte, doch nun wieder auf freiem Fuß ist. Mit dem Bus fährt er zu seiner Mutter Benedicta (Benedicta Sánchez) in ein kleines Dorf in den Bergen Galiciens.

Die Menschen, die dort leben, begegnen Amador mit Misstrauen. Sie alle wissen von seinen Taten und fürchten neue von ihm ausgelöste Brände. So bleibt Amador in der Dorfgemeinschaft ein Außenseiter. Als es erneut zu einem Brand kommt, dessen aufopferungsvolle Bekämpfung durch die Feuerwehr in "Fire will come" eindrücklich gezeigt wird, geben die Dorfbewohner automatisch Amador die Schuld, obwohl diese durch nichts bewiesen ist.

Das Gift der Voreingenommenheit

Laxe thematisiert hier eine Voreingenommenheit, die in seiner galicischen Heimat immer wieder vorherrscht. Denn diese Region im Nordwesten Spaniens gehört zu dem Gebieten in Europa mit den meisten Waldbränden. Häufig würden diese absichtlich gelegt, um Profit aus ihnen zu schlagen, wie Laxe erklärt. Die Menschen suchten dann meist einen Sündenbock, dem man die Schuld geben kann, und so eine Figur stellt Amador dar.

Die ländliche Parabel von rustikaler Schönheit wurde in Thessaloniki mit dem Hauptpreis des Festivals, dem "Goldenen Alexander", bedacht. Die Jury gab damit zu verstehen, dass sie Intoleranz und Voreingenommenheit als universale Probleme betrachtet, mit denen Menschen weit über die Grenzen Galiciens hinaus zu kämpfen haben.

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