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60. Internationales Filmfestival Thessaloniki:Ein Appell, zu handeln

Song without a name

Georgina (Pamela Mendoza) wurde Opfer eines schrecklichen Verbrechens. Doch wer hilft in Peru schon einer indigenen Frau?

(Foto: Beatriz Torres)

Das Internationale Filmfestival Thessaloniki nimmt seine 60. Jubiläumsausgabe zum Anlass, um Rassismus und Intoleranz anzuprangern. Die Wettbewerbsfilme sollten als Mahnruf verstanden werden, gegen diese Missstände vorzugehen.

Allein der Umstand, dass ein Filmfestival zum 60. Mal stattfindet, spricht für seine Bedeutung. Tatsächlich ist das Internationale Filmfestival Thessaloniki in den Jahrzehnten seines Bestehens neben dem Filmfestival Sarajewo zur wichtigsten Filmschau auf dem Balkan herangereift. Und so wirkte es durchaus angemessen, dass das übergreifende Thema, das das Festival jedes Jahr als Leitschnur seiner Auswahl der Wettbewerbsfilme festlegt, bei der 60. Jubiläumsausgabe dieses Jahres einen hohen Anspruch formulierte: Nichts Geringeres als der "Overview-Effekt" sei der universale Betreff, der die Wettbewerbsfilme in diesem Jahr verbinde, kündigte der künstlerische Leiter Orestis Andreadakis vor Beginn des Festivals an.

Beim "Overview-Effekt" handelt es sich um eine der tiefgreifendsten und umfassendsten Einsichten, die Menschen haben können: Der Begriff wurde geprägt durch das gleichnamige Buch von Frank White aus dem Jahr 1987, in dem Astronauten und Kosmonauten beschreiben, was sie spürten, als sie zum ersten Mal den Planeten Erde aus dem Weltall sahen. Auf magische Weise empfanden sie alle dabei ein Gefühl der Ehrfurcht, ein tiefes Verstehen der Verbundenheit allen Lebens auf der Erde und ein neues Empfinden der Verantwortung für unsere Umwelt.

"Es geht um Gleichberechtigung", sagte Andreadakis, "um unseren Planeten, der aufgrund von Rassismus, Intoleranz, Kriegen und all diesen großen Problemen in Gefahr ist. Der Overview-Effekt ist auch ein Appell, zu handeln."

Tatsächlich handelten die Wettbewerbsfilme von den Problemen, die Andreadakis ansprach. Die Intoleranz und Kälte, die in der US-amerikanischen Gesellschaft herrschen, beschrieben etwa das österreichische Roadmovie "Lillian" von Andreas Horvath und das US-Horrordrama "Swallow" von Carlo Mirabella-Davis sehr eindrücklich, während der bildgewaltige Thriller "Monos" von Alejandro Landes die blutrünstige Zerrüttung des menschlichen Daseins zum Thema hatte, die der erbarmungslose Bürgerkrieg in Kolumbien zur Folge hat.

Den offenen Rassismus, der in Peru herrscht, veranschaulichte Melina Leon in Thessaloniki mit ihrem kafkaesken Krimi-Thriller "Song without a Name", über einen wahren Fall von Menschenhandel mit Babys in dem südamerikanischen Land in den 1980er Jahren. Als Georgina Condori (Pamela Mendoza), eine indigene Landfrau aus den Anden, in einer vermeintlichen Geburtsklinik in Lima ihr Baby zur Welt bringt, nimmt ihr das Personal die neugeborene Tochter unter dem Vorwand weg, Routinekontrollen durchzuführen, doch gibt ihr das Kind nie zurück. Ohne Tochter wird sie schließlich aus der Klinik geschmissen.

Ein bitterer Sieg

Als Indigene von feindseligen Polizisten und gleichgültigen Bürokraten ignoriert, bittet die verzweifelte Georgina schließlich den Zeitungsreporter Pedro Campos (Tommy Parraga) um Hilfe.

Pedro ist selbst ein Außenseiter, der den konservativen Normen der peruanischen Gesellschaft nicht entspricht, was zum Teil auf seine versteckte Homosexualität zurückzuführen ist. Mit seinen Recherchen deckt er schließlich auf, dass korrupte Mediziner in falschen Geburtskliniken einen schwunghaften Handel mit geraubten Babys treiben.

Der Kampf des Reporters um Gerechtigkeit bringt einige Täter schließlich ins Gefängnis, aber es ist ein unvollständiger, bitterer Sieg, der den zugrundeliegenden Rassismus und die Ungleichheit als Grundübel des Problems nicht beseitigt. Es sei ihr vor allem um diesen Rassismus gegangen, den sie mit ihrem Film zum Thema habe machen wollen, sagte Regisseurin Leon in Thessaloniki: "Rassismus ist nie berechtigt", sagte sie, "aber in Peru ist er besonders absurd. Denn er richtet sich gegen die Mehrheit der Bevölkerung, die indigen ist. Und wir sind so durchmischt, dass wohl jeder Peruaner indigene Wurzeln hat." Für den Schwarz-Weiß-Film, der an Alfonso Cuaróns Oscar-prämiertes Meisterwerk "Roma" erinnerte, wurde Leon mit dem Spezialpreis der Jury für die beste Regie (Bronzener Alexander") ausgezeichnet.