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25 Jahre "Internet Oracle":Das Orakel darf nicht sterben

John Collier (1850-1934): Priestess of Delphi

Das Orakel von Delphi in einer Darstellung von John Collier

(Foto: John Collier)

Seit fast einem Vierteljahrhundert gibt es das "Internet Oracle", eine Institution für kreativen User-Humor. Doch leider kommen Anfragen wie Orakelsprüche nur noch spärlich - dabei könnte man das ganz leicht ändern.

Eines der frühesten Internet Memes ist das "Internet Oracle". Es ist, wie Dipity.com ausweist, tatsächlich das fünftälteste Internet Meme überhaupt und datiert aus dem Jahr 1989.

Es ist, wie es sich selber nennt, ein "aktiver und kooperativer Dienst zur Schaffung kreativen Humors via Email". Das stimmt und stimmt auch wieder nicht, ursprünglich war es eine Usenet-Anwendung, etwas, für das man einen eigenen Reader benötigte und das heute völlig aus der Mode gekommen zu sein scheint, sich aber damals als (Parallelwelt zum World Wide Web) und Vorform von Social Media größter Beliebtheit erfreute.

Die Welt des Orakels war unter dieser Adresse anzusteuern: rec.humor.oracle. Und wer mithilfe seines Newsreaders dorthin fand, konnte das Internet Orakel befragen. Die Sache lief etwa so: Ein Nutzer stellte dem Orakel eine Frage, sie war nicht zu ernst gemeint, konnte aber jede nur mögliche Tiefe haben. Fußball-Ergebnisse konnten erfragt werden, wissenschaftliche Probleme erkundet, das Sein an sich zur Disposition gestellt werden. Diese Frage schickte man ab, sofort kam eine Antwort-Mail: Das Internet Orakel wägt jetzt deine Frage, warte ein bis zwei Tage auf eine Antwort. In dieser Wartezeit schickte aber das Internet Orakel dem Fragesteller wiederum eine Frage mit der Bitte um baldige Beantwortung. Und somit war klar: Das Internet Orakel waren alle Fragesteller selber.

Frage bedeutet Antwort

Jeder, der eine Frage stellte, musste also auch eine andere beantworten. Aber: Alle Post lief über die Server des Orakels, Fragesteller und derjenige, der antwortete, blieben anonym.

Und die Tatsache, dass das jeder durchschaute, prägte den Sound der Fragen wie der Antworten. Sie waren - beide - elaboriert komisch, weit hergeholt, sarkastisch, voller Insidergags und sie kamen in einer relativ klaren Form: Der Fragesteller musste sein Begehren einleiten mit allerlei witzigen Verneigungen vor der Gottheit des Orakels: "Ich Unwürdiger im Angesicht der Allwissenheit wage dich, das übermächtige Orakel, in aller Bescheidenheit zu befragen, aber könntest du mir sagen ...?" - so etwa.