Süddeutsche Zeitung

25 Jahre "Internet Oracle":Das Orakel darf nicht sterben

Seit fast einem Vierteljahrhundert gibt es das "Internet Oracle", eine Institution für kreativen User-Humor. Doch leider kommen Anfragen wie Orakelsprüche nur noch spärlich - dabei könnte man das ganz leicht ändern.

Von Bernd Graff

Eines der frühesten Internet Memes ist das "Internet Oracle". Es ist, wie Dipity.com ausweist, tatsächlich das fünftälteste Internet Meme überhaupt und datiert aus dem Jahr 1989.

Es ist, wie es sich selber nennt, ein "aktiver und kooperativer Dienst zur Schaffung kreativen Humors via Email". Das stimmt und stimmt auch wieder nicht, ursprünglich war es eine Usenet-Anwendung, etwas, für das man einen eigenen Reader benötigte und das heute völlig aus der Mode gekommen zu sein scheint, sich aber damals als (Parallelwelt zum World Wide Web) und Vorform von Social Media größter Beliebtheit erfreute.

Die Welt des Orakels war unter dieser Adresse anzusteuern: rec.humor.oracle. Und wer mithilfe seines Newsreaders dorthin fand, konnte das Internet Orakel befragen. Die Sache lief etwa so: Ein Nutzer stellte dem Orakel eine Frage, sie war nicht zu ernst gemeint, konnte aber jede nur mögliche Tiefe haben. Fußball-Ergebnisse konnten erfragt werden, wissenschaftliche Probleme erkundet, das Sein an sich zur Disposition gestellt werden. Diese Frage schickte man ab, sofort kam eine Antwort-Mail: Das Internet Orakel wägt jetzt deine Frage, warte ein bis zwei Tage auf eine Antwort. In dieser Wartezeit schickte aber das Internet Orakel dem Fragesteller wiederum eine Frage mit der Bitte um baldige Beantwortung. Und somit war klar: Das Internet Orakel waren alle Fragesteller selber.

Frage bedeutet Antwort

Jeder, der eine Frage stellte, musste also auch eine andere beantworten. Aber: Alle Post lief über die Server des Orakels, Fragesteller und derjenige, der antwortete, blieben anonym.

Und die Tatsache, dass das jeder durchschaute, prägte den Sound der Fragen wie der Antworten. Sie waren - beide - elaboriert komisch, weit hergeholt, sarkastisch, voller Insidergags und sie kamen in einer relativ klaren Form: Der Fragesteller musste sein Begehren einleiten mit allerlei witzigen Verneigungen vor der Gottheit des Orakels: "Ich Unwürdiger im Angesicht der Allwissenheit wage dich, das übermächtige Orakel, in aller Bescheidenheit zu befragen, aber könntest du mir sagen ...?" - so etwa.

Das Orakel antwortete darauf smart und kurz oder smart und lang, auf jeden Fall aber so, dass es am Ende eine Form von Bezahlung wünschte, die thematisch - zwar abwegig - aber mit Frage oder Antwort zu tun hatte: "Du schuldest dem Orakel zwei Pfund Erdnussbutter und einen Cadillac!" - so etwa.

Das sah dann in der Antwortmail, die der Fragesteller bekam, folgendermaßen aus:

The Internet Oracle has pondered your question deeply. Your question was:

Oracle, could you please tell me the top ten reasons why men always leave the toilet seat up?

And in response, thus spake the Oracle:

Ah, you're making the classic mistake of assuming that Men are as complicated as Women. There simply aren't ten reasons for ANYTHING a Man does. But, I tell you what - here's the TOP SIX REASONS MEN LEAVE THE TOILET SEAT UP:

6. Efficiency. Men need it up four times more often than they need it down. The sheer logic of it is just too tempting.

5. Excitement. Have you any idea what would happen if that seat came crashing down in mid-use? The terror! The adrenaline! What a rush!

4. Laziness. Yaaaaawn. It took sooo much energy to lift it up, I may need a nap when I've fini-ZZZZZZZZZZZZZZZ...

3. Sloppy boundary condition checking. Men can only think about one thing at a time. When the flow stops, that's the "peeing" task finished, and no further actions are taken in support of it. Just be grateful he remembers to tuck it back in.

2. Distraction. In order to make up for the inability to multi-task, Man was given limited resources to delegate simple physical tasks to the primitive brain. Thus, the body goes through the motions while the mind thinks about sportscars and its golf handicap. Primitive brain no think seat! Ugh! Think cute blonde in HR. Primitive brain pee on shoe if not careful.

And the Number one reason why Men leave the toilet seat up is:

1. Spite. You may have considered your little speech on "The Clothes Hamper - A Hamper for Clothes" to be rather witty, and a gentle, inoffensive nudge towards tidiness. Guess who didn't?

You owe the Oracle a lady who remembers to put the seat up after she's used it.

Es ging natürlich auch kürzer und schneller, das sah dann etwa so aus:

The Internet Oracle has pondered your question deeply. Your question was:

Is there some kind of "question mark" shortage going on

And in response, thus spake the Oracle:

They've been replaced by question Euros at the beginning of the year.

Oder so:

The Internet Oracle has pondered your question deeply. Your question was:

Most singular Oracle, the page of my local telephone directory headed 'Useful Numbers' is blank. What should have been printed there?

And in response, thus spake the Oracle:

1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, and 0.

Without those, it becomes a real hassle to dial.

Das Ganze ist ursprünglich eine Unix-Anwendung gewesen, die in Harvard entwickelt wurde, dann auf Wegen zu Steve Kinzler an die Indiana University gebracht wurde. (Die Geschichte des Internet Orakels kann man hier nachlesen.) Die Server der Universität in Indiana stellen auch immer noch die Mailadresse des Orakel-Postfachs. Das heißt: das Internet-Orakel ist inzwischen fast 25 Jahre alt. Es gibt mittlerweile sogar einen deutschen Ableger, der befindet sich hier

Allein! Allen Orakeln geht es schlecht. Das heißt, es fehlen Fragen, entsprechend gibt es keine Antworten. (Das ist natürlich immer so, hier aber mit dem besonderen Twist, dass derjenige, der fragt, ja auch Antwort auf eine andere Frage geben muss. Soll heißen: Selbst, wenn man fragt, gibt es vom Orakel keine Antwort.)

Das gilt für das deutsche Orakel, das sich sogar schon einmal in die Ferien oder in die ewigen Jagdgründe verabschiedet hatte, das gilt aber auch für die Urfassung der Indiana University. Man bemerkt es an den "Best of"-Frage-Antwort-Paaren, den "Internet Oracularities", die früher regelmäßig herausgegeben wurden, jetzt aber kaum mehr erscheinen.

Darum: Das Internet Oracle siecht, aber es lebt noch. Man sollte es mit Kraft, Witz und Geist wiedererwecken! Damit so etwas wieder möglich wird:

The Internet Oracle has pondered your question deeply. Your question was:

"."

And in response, thus spake the Oracle:

Period. Finish. End. Termination. Final. Heat-death of the Universe. Armageddon. Death. All gone. All done. All over. That's it. Good-bye. See ya. Poof. Vanish. Finito. Complete. Ciao.

The sum amount of space a brain cell occupies. The total IQ of the average television viewer. What happens to the cat while it's in the box. What Pavlov's dogs are really thinking. Earth from really really far away. A person as viewed from an airplane three kilometers up. The only truly perfect statement. The Big Bang before the actual Bang. The beginning of an ellipse. An incomplete ASCII art piece. A missing bead from an abacus. Where the socks go when they die. What lint sees when it looks at other lint. A winning chat-up line. Your sole possession. The amount in your bank account. Gold, dyed black. Anything small dyed black. e. e. cumming's lost poem. What happened when Picasso went post-modern. A sign that a sentence somewhere has begun to ramble unabated. What happens when punctuation goes bad. How to signify silence in an empty room. What you see when you look through the wrong end of a telescope. The ultimate vanishing point artists take note. That annoying piece of dirt that you just can't sweep away, which means you'll actually have to mop this weekend. A speck in your eye. An alien life form. A target according to a person who has never fired a gun before. An expression of complete surprise. What powers the average brain. The complete rules of everyday etiquette. Vaporware. The best error message ever.

You owe the Oracle a semicolon.

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