29. Dezember 2015, 10:19 Lemmy Kilmister im Gespräch "Haltet euch fern von den Idioten!"

Wer sich ins Interview mit Lemmy Kilmister wagte, musste mit Unvorhersehbarem rechnen. 2008 wollte die SZ mit dem verstorbenen Motörhead-Sänger über Moral sprechen - das kam dabei heraus.

Interview: Alexander Gorkow

Interviews mit Lemmy Kilmister waren nicht einfach Gespräche, es waren Erlebnisse. Im Jahr 2008 traf SZ-Autor Alexander Gorkow den Motörhead-Frontmann in Berlin. Zum Tod von Kilmister präsentieren wir Ihnen das Gespräch noch einmal.

Berlin. Esplanade. Auf der anderen Straßenseite: die CDU. Seine Hand fasst sich an wie ein Autoreifen. Sie fährt in einen Eiskübel, Würfel in die Gläser, Whiskey drüber, am Ende eine Nuance Cola. Seine Sätze kommen blitzschnell, das geht nach jeder Frage peng und zack. Geschult ganz klar auf der großen Universität der Straße, im kalten Rauch von Tourbussen und Bars der bunten westlichen Welt. Seine Stimme ist natürlich heiser. Wenn er 'was lustig findet, scheppert sein Gelächter wie ein Haufen Rost durch die Suite. Der "Gottvater des Heavy Metal" ist ein bisschen fertig, aber doch ganz guter Dinge. Willkommen, Captain Hook ...

SZ: Danke für die Eiswürfel.

Lemmy Kilmister: Keine Ursache . . . Was hab' ich jetzt noch mal gelesen: Whiskey macht kreativ.

Whiskey macht kreativ?

Ja. Das ist erwiesen.

Musik Motörhead-Frontmann Lemmy Kilmister ist tot Video
Krebs

Motörhead-Frontmann Lemmy Kilmister ist tot

Die Rocklegende ist im Alter von 70 Jahren überraschend an Krebs gestorben. Die Band verkündet, der Musiker habe erst zwei Tage zuvor von der Krankheit erfahren.

Ich bin froh, das zu hören.

War ich auch, als ich es erfahren habe. Tun wir noch einen Schuss Cola rein. Sind Sie ein Whiskeyfeinschmecker?

Was ist ein Whiskeyfeinschmecker?

Na, edle Tröpfchen aus'm Hochland, hundert Jahre in Eichenfässern von schwulen Pfarrern bewacht. Der ganze Scheiß.

Nein, nein, bei Wein ja, bei Whiskey all dies ausdrücklich: nicht.

Wein ...

Spricht was gegen Wein?

Eigentlich nicht. Man gurgelt sich durch die Anbaugebiete, was? ... Also, wir beide hören uns jetzt mal die neue CD an.

Gerne später, aber erst einmal müssen wir reden: Nach Lektüre Ihrer Autobiographie weiß ich, was ich befürchtet habe: dass Sie - der böse Mann im Rock'n' Roll - hohe moralische Standards haben!

Ich hab' eine Idee: Wir trinken. Und hören die neue Motörhead-CD. Okay?

Ich will mit Ihnen über Moral reden.

Wir hör'n die CD.

Was ist das Wesen Ihrer Moral?

Oh Mann ... Also, ich kann nur sagen, was ich denen empfehle, die ich mag.

Und das wäre?

Haltet euch fern von den Idioten!

Das Prinzip für geliebte Freunde?

Wer redet von Liebe? Es gibt 'n paar Leute, die ich okay finde. Jedenfalls rate ich denen, sich von Idioten fernzuhalten. Die Regel lautet: acht von zehn.

Acht Idioten?

Acht Idioten an einem guten Tag. Sonst: neun. An einem schlechten Tag triffst du zehn Leute und einer wie der andere ist ein kompletter Vollidiot.

Was ist ein Idiot?

Wären Sie mein Sohn, würd' ich sagen: Einer, der mit Heroin dealt, ist ein Idiot. Einer, der es nimmt, ist auch einer. Ich hab' alles genommen, Gehirn-Atombomben aus den berühmtesten Laboratorien der abendländischen Chemie! Plus alle legalen wie illegalen Spezialmischungen aus Methanol. Aber: nie Heroin!

Andere Drogen töten auch.

Falsch. Nicht zwangsläufig.

Na ja.

Hier: Ich beweg' meine Finger. Ich tu' Eiswürfel ins Glas. Bin ich tot?

Nein, aber ...

... also töten alle andere Drogen nicht zwangsläufig. Ich muss es wissen.

Ihr Forum Ihre Erinnerungen an Lemmy Kilmister
Ihr Forum

Ihre Erinnerungen an Lemmy Kilmister

Der Motörhead-Frontmann ist mit 70 Jahren an Krebs gestorben. Das teilte die Band auf der Facebook-Seite mit: "Unser mächtiger, nobler Freund Lemmy ist nach einem kurzen Kampf mit einem extrem aggressiven Krebs gestorben." Wie erinnern Sie sich an Lemmy Kilmister?

Was mache ich, wenn meine Söhne mit Drogen ankommen?

Freundlichkeit und Ruhe bewahren. Und an die Würde appellieren.

Nutzt das was mit der Würde?

Nicht sofort. Aber später. Bei der Würde werden wir alle weich. Vor allem junge Leute. Stolz - großes Thema.

Wie geht das, dieses Appellieren?

Ich hab' meinem Sohn Paul das mit dem Heroin erklärt: "Tu, was du für richtig hältst. Du bist ein guter Junge, und dein Vater erlaubt dir alles." Paul grinste mich an wie ein Schaf, okay? Und ich: "Außer Heroin, Freundchen!"

Was sagte Ihr Sohn?

Paul wollte natürlich Ärger, also fragte er: "Was machst du, wenn ich's trotzdem nehme, Daaad?" Ich: "Dann schlage ich dich tot, du verdammter Bastard. Ich will nicht, dass du langsam stirbst. Besser, ich zieh' dir gleich eins über den Schädel."

Und heute?

Paul ist ein feiner Junge. Er lebt in Los Angeles und ist Musiker. Wie sein Vater. Er hatte gute Voraussetzungen, um zur Hölle zu fahren. Er sieht aber, wenn sich am Horizont ein Idiot abzeichnet. Ich hab' es ihm beigebracht.

Dave Grohl von den "Foo Fighters" sagt, dass Sie, Lemmy, einer der "ganz, ganz wenigen" Leute in der Musikindustrie seien, die anständig geblie . . .

... er sagt es anders! Richtig zitieren! Er sagt, dass ich zu den wenigen Leuten in der Entertainment-Industrie gehöre, die "kein Arschloch" geworden seien.

Wie erkennt man so ein Arschloch? Ich könnte auch eins sein!

Sie sind keins.

Woher wollen Sie wissen, dass ich irgendwie großartig bin und kein ...

Ich glaub' ganz und gar nicht, dass Sie großartig sind - und gleichzeitig sind Sie ziemlich sicher kein Arschloch.

Darf ich das für meinen Grabstein ...

... bitte, nur zu!

Also, wie erkennt man ein Arschloch?

Lebenshilfe mit Lemmy. Also. Es umgibt Arschlöcher eine servile Freundlichkeit - und zur selben Zeit etwas Umtriebiges. Es umgibt sie gleichzeitig dieses Unerwünschte. Als spiegele sich in ihren Augen das Unwohlsein, das sie bei anderen auslösen, zum Beispiel bei, hmm, Sensibelchen wie mir.

Ein typisches Beispiel für ein Arschloch?

Na, das berühmteste ist natürlich Bush. Sogar andere schon sehr große Arschlöcher halten ihn für das größte Arschloch des Universums. Aber gefährlich im Alltag sind die hier: diese speziellen Schleimer (er benutzt das Wort: bootlicker), die mit den nervösen Pupillen. Ich hab' die immer sofort unschädlich gemacht.

Zu den Politikern: Wie Sie, Lemmy, berufen sich die auf eine Moral.

Aber auf eine höhere. Ich auf meine.

Was ist der Unterschied? Ihre ist besser?

Allerdings.

Das sähen Bush und Blair anders.

Teil meiner Moral ist, dass Bush und Blair mich am Arsch lecken sollen. Geht es nach denen, bin ich Dreck: Ich trinke, ich nehme Drogen, ich vögel' mit Huren - ich liebe die Huren, und sie lieben mich!

Ist das Liebe?

Von meiner Seite aus immer. Und die Frauen, sagen wir so: Sie freuen sich, mich zu sehen. Besser, als wenn zu Hause eine Frau sitzt, die sich nicht freut, mich zu sehen. Oder? ... Hahahaha!

Wieso lieben Sie nicht nur eine Frau?

Hab' ich doch grad erklärt. Gegenfrage: Wieso leben Sie nicht ... in der Mongolei?

Keine Lust.

Und ich hab' keine Lust auf eine Frau. Lemmydarling, wann kommst du heim? Wieso gehst du nur wieder in die Bar? Das geht nicht. So kann man nicht arbeiten. Ehefrauen auf Tournee sind schlimmer als der Zweite Weltkrieg. Ich hab' keine Lust drauf. Ist nichts Schlimmes. Ich behandel' sie wirklich alle mit Respekt, die Frauen, fragen Sie sie!

Leben Sie gerne in Los Angeles?

Es ist warm da. Ich friere so leicht. Ich lebe am Sunset Strip, das "Rainbow" ist gegenüber, gute Drinks, gute Musik ...

Stimmt es, dass Sie immer noch in einem Zwei-Zimmer-Apartment wohnen?

Korrekt.

Wieso leben Sie nicht in einer Villa?

Wieso sollte ich?

Moral? Ja - aber für Lemmy Kilmister zählte nur die eigene.

(Foto: dpa)

Mehr Platz. Geld haben Sie ja.

Ich kann nicht 30 Zimmer bewohnen, Mann! Stress! In 28 Zimmern herrscht dann Totenstille. Wozu? Wozu??

Wie sieht Ihr Apartment aus?

Voll. Sie kriegen die Tür nicht auf.

Wieso voll?

Viel Besuch. Wie gesagt: Das "Rainbow" ist gegenüber ... Noch einen Drink? Ich meine, hier, dieser Obama ist ein smarter Halunke, oder? Mach' mir Sorgen um ihn.

Gefährdet?

Natürlich.

Sie gehen immer vom Schlimmsten aus, oder? Das Wesen von Motörhead ist, dass die Katastrophe sicher passiert!

Das ist nicht das Wesen von Motörhead: Es ist das Wesen der Welt! Amerika ist randvoll mit rassistischen Mamasöhnchen, die keinen mehr hoch kriegen! Für die ist ein schwarzer Präsident, den die schicken weißen Mädchen vom Rodeo Drive gut finden, die größte Provokation der Welt: John F. Kennedy plus Martin Luther King in einer Person? Amerika ist sehr schön. Simbabwe ist auch sehr schön. Verstehen Sie?

Zurück zur Moral, eine fragwürdige Moral ist keine Spezialität von Politikern ...

Noch schlimmer ist die Musikindustrie. Hier sind die bootlicker - hier sind die, die immer tolle Ideen haben, die sich für den Chef nach der Seife bücken und ...

Gilt auch hier die Regel acht von zehn?

Sicher. Seit 32 Jahren gibt es Motörhead. Seitdem wollen mir bootlicker erklären, wie wir noch mehr Platten verkaufen. Sie kommen immer wieder . . . Wie Mücken an einem schwedischen See.

Es müssen keine Idioten sein.

Es sind welche.

Vielleicht sind die Ideen gut.

Die Ideen sind scheiße.

Was sind das für Ideen?

Das geht so: "Lemmy, hör mal, dieser eine neue Song da von euch, der hat eine richtige Melodie! Er ist funky, Lemmy! Sogar die Frauen werden ihn lieben. Wir werden ihn als Single auskoppeln - ich mach euch einen Termin bei Letterman! Lemmy, nein, werd jetzt nicht sauer, lass den Stuhl in Ruhe, Lemmy! Ozzy war doch auch bei Letterman!"

Was spricht gegen Letterman?

Nichts, wir waren ja da. Aber das ist nicht wichtig. Wir waren sogar mal im Kinderfernsehen. Aus Versehen allerdings.

Motörhead waren im Kinderfernsehen?

Die wollten wen anderen und hatten sich verbucht. War übrigens ein großer Spaß. Nur: wichtig ist das nicht.

Bildstrecke

"Tod allen Feinden des Heavy Metal!"

Was ist wichtig?

Dass wir auf die Bühne gehen. Ich sagte zu dem bootlicker: "Hör zu! Ich stehe jeden Abend in einer Wand aus Lärm. Ich weiß, was die Leute brauchen. Du weißt es nicht. Ich bin an der Basis. Du bist es nicht. Ich bin ein Rock'n' Roller. Und du bist ein Arschloch."

"Be loud, drink beer but don't forget Motörhead." Die Rocker sind bekannt für ihre Konzert-Ansagen.

(Foto: Foto: AP)

Haben Sie heute Ruhe vor Experten?

Seit die Branche in der Krise steckt, sind sie wieder da ... die Kreeeatiiiiven!

Wieso tun Sie sich das an? Finanziell sind Sie ganz gut abgesichert.

Was für eine Frage! Ich mach' Musik, Mann! Man fährt an den See, um zu schwimmen - nicht wegen der Mücken, oder? Sie schreiben für 'ne verdammte Zeitung, weil Sie Lust dazu haben oder so was. Wetten, dass Sie die Idioten ignorieren?

Und die, die mich für einen Idioten ...

... die, die Sie für einen Idioten halten, ignorieren am besten Sie. So sind alle glücklich, oder? (Er denkt böse nach. Ein Schluck Whiskey-Cola. Plötzlich ein gütiges Lächeln.) Lemmy ist für Nichteinmischung - schreiben Sie das! Die Leute sollen sich keinesfalls auf die Eier gehen!

Okay, also ...

Nehmen Sie ein Festival. Ich brülle zwei Stunden, gehe dann backstage. Da stehen sie. Grinsen wie die Rennpferde. Acht von zehn: absolute Idioten.

Männer und Frauen?

Was?

Sind unter den Rennpferden Frauen?

Haben Sie schon mal eine idiotische Frau getroffen?

Nein. Stimmt.

Frauen sind gefährlich, aber sie sind nie die Idioten. Die Männer sind die Idioten, die sind das Problem.

Ist das genrespezifisch?

Ist das was?

Kann man sagen: Motörhead waren vor Idioten immer sicherer als ...

Genesis?

Wie kommen Sie auf Genesis?

Na, wird immer genannt als, weiß nicht: Gegenbeispiel von Motörhead. Sind wir vor Idioten sicherer als Phil Collins und seine Kollegen? Nein! Heavy Metal zieht viele Idioten an. Die Idioten sind gleichmäßig verteilt. Vielleicht gibt es ein paar mehr bei Bon Jovi. Und bei U2 vielleicht. Wissen Sie, wie Bono singt?

Wie?

Als ob ihm einer mit der scharfen Kante einer Papierseite ins Gehirn schneidet.

Wie bitte?

Schneide mir ins Gehirn - und ich brüll' los wie Bono!

Man würde meinen, die Gegenthese zu Lemmy Kilmister wäre Phil Collins.

Man würde meinen, dass sich so einen Mist nur Journalisten ausdenken können. Viele Journalisten führen ein unerfülltes Leben, wenn Sie mich fragen ...

... was ich jetzt gar nicht gefragt ...

... und dann schreiben sie Mist. Die Band hier hinein. Die Band da hinein. Dieses hat seinen Ursprung aus jenem, weshalb das da hinten von dem da vorne abhängt, speed metal, bingo metal, blablabla! Ich bin's leid. Collins ist ein großer Drummer. Er hat 'n paar große Songs geschrieben. Das ist wohl etwas mehr, als die meisten von uns von sich behaupten können, oder?

Absolut.

Ich meine, wenn Mikkey (Motörhead-Schlagzeuger Mikkey Dee, die Red.) sich mal das Gehirn wegsaufen sollte kurz vor einem Auftritt, und angenommen, Phil Collins mit seinem lustigen Gesicht sitzt also zufällig in der Garderobe nebenan, okay? So. Und ich bitte ihn nun sehr, seeeehr höflich um Hilfe - wissen Sie was: Der spielt ein komplettes Set von Motörhead! Unfallfrei! So ist das. Ich ziehe meinen Hut. Oder ... Abba!

Abba?

Großartige Songs. Schreib mal einen Song wie "Fernando"! Björn ist ein erstklassiger Boogie-Pianist. Dann diese beiden, eeeh, leckeren Mädchen aus dem schwedischen Märchenwald: Kennen Sie das Geheimnis der Zauberstimmen von Agnetha und Anni-Frid?

Sie waren Jungfrauen?

Nicht mehr, als sie "Fernando" sangen! Sie waren unschuldig in anderer Hinsicht: Ich bin sicher, dass sie keine Ahnung hatten, was sie da für einen Unsinn singen! (Er steht auf, das Whiskey-Cola-Glas in der Linken, die Rechte hält er theatralisch hinter das Ohr, dabei schaut er zur Decke. Dann singt er sehr hoch): "Can you hear the drums, Fernandoooo? Do you still recall the frightfull night we crossed the Rio Grandeeeeeeee?"

Großer Wahnsinn!

Ist das ein Scheiß? Ist das ein Scheiß? Agnetha! Anni-Frid! Was verdammt hattet ihr in der unheimlichen Nacht mit Fernando am Rio Grande zu schaffen? Wer ist überhaupt dieser Fernando? Hier ist meine Antwort: Es hat die beiden Mädchen einen Scheiß interessiert! Das wird nicht hinterfragt. Drum klingt es so schön. Oder hier: "Chique-ti-taaaa ..."

... okay ...

... ich bin sicher, dass die Frauen nicht wussten, was sie da singen! Die wollten's auch nicht wissen. Großartig. Irgendwie natürlich befremdlich. Aber: es rockt. Johann Sebastian Bach rockt auch.

Ist Rock'n'Roll Kunst?

Nein! Nein!!

Sondern?

Ein Gefühl. Hier unten. In den Eiern.

Was ist Kunst? Bach ist Kunst. Oder?

Keine Ahnung. Bach ist ebenfalls ein Gefühl in den Eiern. Wenn Sie mich fragen. Kunst ist ja nur noch 'n Markt, oder? Wie die Börse. Nimm die Bildende Kunst: Du kannst an den Preisen für die Bilder ablesen, wer gerade wen fickt.

Diese Abba-Seite an Ihnen, geheimnisvoll. Ebenso wie der Space Rock, den Sie vor Motörhead machten, mit der Band "Hawkwind". Waren es die Drogen, die Sie so wütend und laut werden ließen, dass Sie Motörhead gründen mussten?

Komplizierte Frage. Nein, doch nicht kompliziert: Es waren nicht die Drogen.

In Ihrer Autobiographie schreiben Sie über 1968: "Ich lief mit einem Fernseher unter meinem Arm herum und redete mit ihm. Ein anderer versuchte, die Bäume vor seinem Fenster zu füttern." Das, Lemmy, klingt eher lustig als bedrohlich.

War es auch. Was wollen Sie hören? Ich bin toxisch. Seit Jahrzehnten. Wer mein Blut bekommt, fällt um. Ich bin nicht stolz drauf. Aber ich bereu's auch nicht.

Keine Angst, selber tot umzufallen?

Ich fall' nicht um. Ich verpuffe.

Sie sind 62.

Eben. Immerhin. Nein, an den Drogen lag es nicht, okay? Ich bin wütend, seit ich denken kann. Ich wollte immer schon laute Musik machen. Aber erst Motörhead war meine Band. Ich bin der Chef.

Ist Motörhead böse?

Die Welt ist böse. Motörhead tritt dir nur in den Arsch. Motörhead ist eine Rock-'n'- Roll-Band. Wir sind nur Hintergrundmusik. Wieso sind wir böse? ... Wieso ist nicht die Kirche böse?

Die Kirche? Welche?

Alle. Was für ein Wahnsinn, den Leuten zu erzählen, Maria ist jungfräulich niedergekommen. Armer Josef, oder? Und Jesus? Stirbt am Kreuz und steht wieder auf? Wahnsinn! Wahnsinn!!

Es ist eher bildlich ...

Sag einem wiedergeborenen Christen in den USA, dass das bildlich gemeint ist - der rastet aus und überfällt Mexiko! Ich meine, Leute, die Länder regieren, ernstzunehmende Länder, keine Voodoostämme, okay?, diese Leute behaupten tatsächlich, dass all' diese sagenhaften Märchen aus der Bibel stimmen! Sie berufen sich darauf, wenn sie politische Entscheidungen treffen, gegen Kondome, gegen Aids-Aufklärung, Reagan sah Aids als gerechte Strafe. Das ist schlimm, mein Lieber! Die Leute schwören auf die Bibel. Das ist, als ob du mit einem Piloten fliegst, der Gespenster sieht!

Johann Sebastian Bach wäre ohne die Kirche gar nicht vorstellbar.

Absoluter Unsinn.

Aber doch!

Unsinn. Bach wäre ohne Transzendenz nicht vorstellbar. Die Kirche hat ihn benutzt. Und er hat sich benutzen lassen. So war'n die Zeiten. Die Leute mussten ja von was leben. Cheers!

Jedem seinen Glauben, oder?

Ich hab' keine Bibel in der Hand. Bush hat eine, Blair hatte eine, Saddam wedelte mit dem Koran rum, die Schlächter in Srebrenica konnten auch auf die Liebe ihrer Kirche zählen, als sie die Leute da reihenweise massakrierten ...

Die Kirchen sind nicht aus Prinzip böse.

Die Leute haben eine Scheißangst vor dem Tod. Es könnte sich der Verdacht ergeben, dass die ganze Plackerei sinnlos ist, oder? Da wir ja eh alle zur Hölle fahren. Die Kirchen ködern diese Leute mit Märchen und machen sie verrückt, Mann! Wenn du schön brav bist, bist du nicht tot, sondern nur in Gottes Armen. So - wer ist nun wahnsinnig? Ich oder die Weihrauchschwenker?

Reden wir nun über die Zärtlichkeit.

Ich besinge sie oft, die Zärtlichkeit. Zum Beispiel die der Huren.

Im schönen "Whorehouse Blues".

Einer unserer ruhigen Songs. Keiner wird sagen können, dass ich die Frauen, über die ich da singe, nicht liebe. Die Frauen mögen ihn, diesen Song.

Wenn Produzent Rick Rubin, der schon Johnny Cash reanimierte ...

... oh nein! Motörhead unplugged? Das ist nicht zärtlich, das ist Kunstscheiß. Wir spielen oft unplugged. Im Studio. Klingt wie John Lee Hooker. Ich singe zur Violine. Ich liebe Violinen. Aber ich brauch' keine schwermütigen Hymnen im Rolling Stone. Was sollen die Leute denken? Lemmy ist schwul geworden? Im Übrigen würde Rick Rubin nicht fragen, ob er eine CD für uns produzieren soll. Neil Diamond hat er ewig nachgestellt. Hab's gelesen. Lustig ... Sehr lustig.

Was würden Sie Rubin sagen?

Nein danke.

Ehrlich?

Nein. Ich würde vermutlich sogar sagen, dass er sich verpissen soll.

Hm ...

Ich lass' mich nicht reanimieren. Ich lebe. Bleib, wo du bist - bleicher Rick!

Motörhead haben es vielleicht auch nicht nötig. Sie wurden immer erstens von Rockern gehört, zweitens von 15-Jährigen, die zu schüchtern sind, ein Mädchen anzusprechen und onanieren ...

... stimmt!! Und? Gibt's ein Drittens?

Drittens: Intellektuelle lieben Sie! Die Archivmappe quillt über mit Analysen zur Schönheit der Musik von Motörhead.

Hör dir das an, Rick Rubin! Und mach, dass du weiterkommst! Versuch's mal mit Kiss! Oder mit Smokie!

Woher kommt diese sonderbare Liebe?

Motörhead erinnert die Intellektuellen an ihre Jugend, oder? Als sie 15 waren. Und zu schüchtern, ein Mädchen anzusprechen. Jetzt sind sie 45. Und ich vermute, sie onanieren immer noch! Hahaha! Ein Spaß hier. Noch ein Drink?

Wie lange geht das noch?

Was?

Das mit Motörhead!

Bis zum Ende ... Bis zur Verpuffung.

Angst vor der Verpuffung?

Nein. Absolut nicht. Man muss die Welt aushalten. Spaß haben. Nett sein zu den Frauen. Arschlöchern sagen, dass sie sich verpissen sollen. Oder? So geht's. Dann: Booooof! Und weg bin ich. Das ist meine Moral. Haben wir über Moral geredet?

Ja. Und über Idioten.

Gut ... Ich will übrigens, dass Idioten über dem Interview steht. Nicht Moral.

Aber eigentlich ...

Schreiben Sie Idioten drüber! Sie werden sehen, es sieht so deutlich besser aus.

Lemmy Kilmister tat seinen ersten Schrei ausgerechnet am Heiligen Abend 1945 in Stoke-on-Trent, England. Die Sunday Times schrieb über ihn: "Kaum einer wird behaupten wollen, mehr Drogen genommen, mehr Bourbon getrunken oder mehr Frauen befriedigt zu haben als der Sänger von Motörhead." Er genießt unter den unterschiedlichsten Musikerkollegen seit 40 Jahren einen hervorragenden Ruf als verlässlicher Haudegen, seine Vorliebe für Orgien aller Art ist dabei recht legendär. Bei Heyne erschien die Autobiographie "White Line Fever".