"13" von Suicidal Tendencies:Bandana als Zweitfrisur

Das ist mehr Weltoffenheit, als man es von den segregationswütigen Jugendkulturen Südkaliforniens gewohnt ist: Die Suicidal Tendencies hatten zu Hause in Los Angeles fast ein Jahrzehnt lang Auftrittsverbot weil sie der Latino-Gang "Venice 13" zugerechnet wurden, was vielleicht der Grund ist, weshalb Muir bis heute keine Autogramme mit rotem Stift, der Farbe der "Bloods", geben mag ("Rot - gefällt mir nicht"). Heute ist diese Band mit zwei Schwarzen als Rhythmusgruppe und mit zumindest deutlich anhispanisierten Weißen an Mikrofon und Gitarren fast schon bilderbuchhaft repräsentativ für die neuen demografischen Realitäten Amerikas; es fehlen eigentlich nur noch zwei Asiaten. Die Frage ist bloß, ob dieses unbekümmert multikulturelle Konzept auch ökonomisch so glücklich ist, wenn man in einem eher durchweg weißen und soziopolitisch nicht immer unbedingt superprogressiven Teil der Musikwelt sein Brot verdient.

Mike Muir sagt dazu nun, dass die Leute ihm schon vom ersten Tag an erzählten wollten, er müsse zum Musizieren zwingend Eyeliner tragen und nietenbesetzte Lederjacken. "Wenn wir mehr wie eine reguläre Punkband ausgesehen hätten oder später wie eine reguläre Metalband, dann wären wir vielleicht tatsächlich ,bigger' geworden. Aber wären wir dann glücklicher? Ich glaube nicht." Man solle sich, bitte, einmal Eric Moore, den schweren, schwarzen Jazztrommler der Suicidal Tendencies, in einer nietenbesetzten Lederjacke vorstellen. "Das wäre, nun ja: erheiternd."

Suicidal Tendencies

Neigungsgruppe Selbstmord: Mike Muir (in der Hocke) mit Band. 

(Foto: Suicidal Records)

Weil es das in der Tat ist, lacht Muir an dieser Stelle, dass ihm fast das Bandana vom Schädel rutscht. Das Bandana aber ist Muirs Zweitfrisur. Eigentlich ist es, da bis auf ein Hare-Krishna-Büschel am Hinterkopf eigene Haare fehlen, inzwischen sogar seine Erstfrisur. Dieser blaue Stoff-Fetzen ist so etwas wie Punk gegen die engen Garderoben-Vorschriften von Punk, gegen die zerrupfte Jeanshosigkeit und die habituellen Hängeschultern von New York und London. Das Bandana, dessen Unterkante der klassische Mike Muir oft wie eine Blindenbinde bis Augenwinkelhöhe runtergezogen trug, erzwang zum Beispiel eine strikte Kopf-hoch-Haltung. Muir sagt, es ging auch um "Sehen, ohne sehen zu können." Das ist praktisch die Umkehrung des ursprünglichen Sinns; die Skater von Venice trugen Bandanas ja vor allem deshalb, weil sie wegen ihrer langen Haare sonst keinen Durchblick hatten.

"To flip somebody off"

Und der ganze Rest? Die Vans, die Kniestrümpfe, die Surfer-Shorts: "Alles Venice Beach Skater Style". Die Dickies? "Waren ursprünglich mal die Arbeitshemden der Chicanos in Kalifornien." Und weil diejenigen, die meinen, auf Leute, die Dickies tragen und körperlich arbeiten müssen, herabschauen zu dürfen, ihre Hemden in Kalifornien gern dolce-vita-mäßig bis zur Brust aufknöpfen: das eigene Dickie eben extra zugeknöpft tragen, bis zum allerobersten Knopf. Manchmal sogar NUR den; dann hängt das Hemd am Hals wie ein stilisierter Poncho. Und das Basecap mit dem Schriftzug "Suicidal" auf der UNTERSEITE des Schirms? Weil das Hochklappen, das Flippen, einem Wortspiel gleichkommt: "To flip somebody off" - auf deutsch würde man sagen: jemandem den Stinkefinger zeigen.

Man kann also nicht sagen, dass es hier an Stilwille, Verfeinerungsgeist und Ma-nierismen fehlen würde. Allerdings sind die strikt für den Selbstgenuss. Die Hoffnung, anderen zu gefallen, Frauen gar, war damit vernünftigerweise nie verbunden. Die Suicidal Tendencies waren sozusagen von Anfang an schon sehr bewusst und in jeder Hinsicht nicht Bon Jovi. Genau aus dieser rührenden Hauptsache-uns-macht-es-Spaß-Haltung lebten und verkümmerten am Ende allerdings auch die Infectious Grooves, Mike Muirs und Robert Trujillos kleines, bekifftes Nebenprojekt: noch mehr Funk, sehr alberne Cover und zwischen den Stücken Gequassel mit verstellten Stimmen. Selbst treueste Suicidal Tendencies Fans haben Infectious Grooves damals eher gehasst. "Die Arschgeigen", sagt Mike Muir, "jetzt kommen sie alle an und sagen, sie hätten die Platten doch noch mal gehört; das sei ja vielleicht die noch interessantere Musik. Hat bei manchen zwanzig Jahre gedauert."

Mit Robert Trujillo sei er, Muir - Metallica hin, Metallica her - trotzdem immer noch allerdickstens: stundenlange Telefonate wie unter Schulfreundinnen. Dabei ward nun folgender Plan ausgeheckt: Es wird dieses Jahr auch noch eine neue Infectious Grooves-Platte geben. "Mit Steven Perkins von Jane's Addiction an den Drums und mit Jim Martin, ehemals Faith No More, an der Gitarre!" Dies kurz vor Schluss noch als zweite gute Nachricht.

Zu beklagen gibt es allerdings auch etwas. In der "Electric Factory" von Philadelphia wird an diesem Abend darauf hingewiesen, dass "Stagediving" und "Crowdsurfing" gefährliche Tätigkeiten und daher streng verboten seien. Die vierte Ableitung des Wellenreitens, der Sprung in die Massen und das Surfen auf der Menge, die finale Rückübersetzung einer aus Tätlichkeiten sublimierten Musik in neue, wiederum choreografisch hoch ausdifferenzierte Tätlichkeiten - wird es, wenn Muir erst einmal sechzig ist, womöglich wirklich nicht mehr geben. Ausgestorben an Verboten, Rückenschmerzen, Alter und dem allgemein proklamierten Ende jungmännerhafter Rumschubs-Kulturen. "Age of Aquarius" heißt diese Entwicklung im esoterischen Kalifornisch, Zeitalter des Wassermannes. Ausgerechnet.

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