"13" von Suicidal Tendencies:Schlittern, schmatzen, nageln

"13" von Suicidal Tendencies.

"13" von Suicidal Tendencies.

(Foto: Suicidal Records)

Die Suicidal Tendencies bringen nach einer Ewigkeit mit "13" mal wieder ein neues Album heraus. Mike Muir macht's also tatsächlich noch mal - eine Begegnung mit dem Surflehrer des Punk.

Von Peter Richter, New York

Die gute Nachricht: Die Suicidal Tendencies haben nach Ewigkeiten mal wieder eine Platte gemacht, die heißt, wie so viele Platten zurzeit, "13" (Suicidal Records) und reicht fast an ihre besten Zeiten heran.

Dann eine vielleicht etwas verblüffende Neuigkeit: Mike Muir, der Schöpfer von Hymnen wie "Possessed to Skate", der Mann, für den der Begriff Skatepunk eigentlich erst erfunden worden ist, sagt, er sei selbst nie Skateboard gefahren.

Und hier die Vorgeschichte: In Venice Beach, Kalifornien, gibt es in den Siebzigern rund um den Surfshop "Zephyr" ein paar Typen, die das Surfen aus dem Wasser ans Land verlagern und eben Skateboards dafür nehmen. Sie werden später als Z-Boys weltberühmt sein und als Ahnherren aller Skater, die Pirouetten in der Luft drehen. Es gibt einen Film mit Sean Penn über sie. Ihre Namen werden noch heute verehrt. Darunter auch der von Red Dog, Klarname: Jim Muir.

Wellenreiten auf Gitarrenriffs

Er hatte natürlich absolut keine Lust, dauernd mit seinem großen berühmten Bruder verglichen zu werden, erzählt nun der kleinere Bruder heute, rund vierzig Jahre später. Cyco Miko, wie er nun wiederum genannt wird, daher: kein Skateboard, stattdessen aber die Musik dazu. Mike Muir besorgte sozusagen die synästhetische Drittableitung des Surfens: Wellenreiten auf Gitarrenriffs. Seine Suicidal Tendencies waren zeitweise so etwas wie die Beach Boys des Heavy Metal; Muir schlitterte in seinem Falsettsingsang von Takt zu Takt bis ans Ufer seiner Lieder, Rocky George pulverte mit der Gitarre schöne Schaumkronen obendrauf, und Robert Trujillo spielte dazu allerdings einen Bass, der oft wie unverdauter Funk oder gar Jazz im Magen eines Headbangers herumrumorte. Anfang der Neunziger, als Crossover noch kein Schimpfwort war, konnte man damit Festivals krönen.

Dann wanderte Trujillo mitsamt seinem Bass zu Metallica ab; seitdem geht es der zerrütteten Band Metallica wieder gut.

Wie aber geht es Mike Muir?

Mike Muir, der seine Platten inzwischen wieder im Selbstverlag herausbringt, steht auf einem Parkplatz in Philadelphia, bittet auf ein Wasser in den Tourbus, behandelt einen sofort, als würde man sich seit zwanzig, dreißig Jahren schon kennen. Ist ja, irgendwie, auch so. Dieser Mann macht insgesamt den Eindruck, als gehe es ihm absolut blendend. Die Rückenoperationen nach dem Bühnensturz vor zehn Jahren ("Konnte nicht mal mehr meine Kinder hochheben!") sind jedenfalls auskuriert; Muir könnte mit Fitnessratgebern für Punks mit Bandscheibenproblemen ein Zubrot verdienen. "Manche kommen ins Konzert und brüllen: Muir, du Sack, hör auf, dich zu bewegen, ich fühl mich alt, wenn ich das sehe. Andere gehen am nächsten Tag halt selber mal wieder ins Gym."

Er alte Mann und der Punk

Dementsprechend gelassene Reaktion auch auf die Glückwünsche zum fünfzigsten Geburtstag im März. Dabei galt, als die Suicidal Tendencies anfingen, der Grundsatz: "Es gibt nichts schlimmeres als alte Männer, die schlechten Punk spielen." Und alt hieß damals: dreißig. So gesehen ist Muir jetzt ein sehr alter Mann, aber immerhin spielt seine Band guten Punk - wenn man einmal als gegeben voraussetzt, dass Punk am Ende vor allem ein musikalisches Genre mit bestimmten Simplizitätskonventionen ist und inhaltlich das Gegenteil einer sozialdemokratischen Parteitagsrede, nämlich Do-it -yourself-Ideologeme in der radikalen Form von "Wenn es Dir scheiße geht, bist möglicherweise Du selbst scheiße."

Die durchweg neuen Musiker in Muirs Band spielen also Punk sehr gut, so wie sie auch sehr gut Progrock, Speedmetal, Funk oder Jazz spielen könnten, was sie streckenweise ja auch tun: Es ballert zwar, aber es blubbert auch, und es suppt und schwappt und schmatzt wie nur ein Slap-Bass schmatzen kann, während es sozusagen gleichzeitig derb sägt und nagelt. Es wäre ja auch sagenhaft langweilig, wenn Muir sich mit Leuten umgeben müsste, die ihr ganzes Leben nur Punk oder Metal machen. "Steve Brunner, der Mann am Bass, spielt jetzt zum Beispiel auch mit Prince". Und Dean Pleasants, der mit seiner Gitarre jetzt für die Schaumkronen zuständig ist, war auch schon mal in der Band von R&B-Heulsuse Jessica Simpson.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB