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Ursula von der Leyen:Mehr Kritik als Lob für die neue Präsidentin

SZ-Leser stört vor allem der Weg, auf dem die bisherige Verteidigungsministerin zu ihrem neuen Amt in der EU-Kommission gekommen ist. Mancher mahnt, ihr doch Zeit zu geben. Ein Leser berichtet Interessantes zur Geschichte der Familie.

Zu "Neue Chefin, alte Probleme" vom 20./21. Juli, "Die Rechnung kommt noch" und "Besuche, Briefe, Versprechen", 18. Juli, sowie zu "Prantl's Blick: Die Kapitulation der Ursula von der Leyen" vom 13. Juli:

Leidenschaft für Europa

Fast nur Pessimismus, Kritik und Schwarzmalerei ist zur Wahl Ursula von der Leyens zur Kommissionspräsidentin zu lesen. Immer wieder die Betonung des knappen Sieges. Nichts Positives! Versprechen sind in der Politik natürlich unabdingbar. Jedoch sollte der Gewählten zunächst die Chance eingeräumt werden, die richtigen Schritte einzuleiten und durchzusetzen. Wesentliche Ziele hat sie benannt! Alles ist möglich!

Hier ein paar positive Aspekte: Endlich eine Frau in der EU-Kommission, höchste Zeit! Ursula von der Leyen bringt eine Menge an Erfahrungen auch auf internationalem Parkett mit, verfügt über ein brillantes Auftreten, gepaart mit Leidenschaft für Europa und die neuen wichtigen Aufgaben. Eine gute Basis, die leider im breiten Fächerkatalog der Kritiker auf der Strecke bleibt!

Marianne Peycke, Bruchmühlbach

Pöstchenpolitik

Wer es bislang nicht wahrhaben wollte, weiß nun seit der Wahl von Ursula von der Leyen, wie in Europa Politik gemacht wird. Kandidatenauswahl? Egal. Wahlauftritte? Unnötig. Weil sich die großen "Volksparteien" nicht einigen können, wird wie im Zirkus der Joker aus dem Hut gezaubert. Und siehe, es ist eine Frau, eine glücklose Ministerin mit flottem Mundwerk, ausgekungelt in den Hinterzimmern der Macht.

Es scheint, Europa verkommt zum Pöstchenfriedhof für abgehalfterte Ministerpräsidenten und gescheiterte Ministerinnen. Eines steht für mich fest. Zur Europawahl gehen? Nie mehr, genauso wie ich seit den Hartz-Gesetzen nie mehr die SPD gewählt habe.

Dr. Lothar Wieser, Mannheim

Vertane Chance

Auch wenn ich es ausdrücklich begrüße, dass diese hohe Position erstmalig von einer Frau eingenommen wird, kann ich Frau Dr. von der Leyen zu ihrer Wahl leider nicht beglückwünschen. Ich finde es erbärmlich, dass sie sich von den Staats- und Regierungschefs der Staaten der Europäischen Union "vor den Karren spannen ließ", um das offensichtlich ungeliebte Amt der Verteidigungsministerin endlich loswerden zu können. Hier wurde die Demokratie der Europäischen Union - wie bereits vor über 150 Jahren von den damaligen europäischen Kaisern, Königen und Fürsten - von den Staats- und Regierungschefs der EU auf übelste Art und Weise mit Füßen getreten. Und der Souverän, der Wähler - ich muss es leider offen aussprechen - wird betrogen! Eine weitere Chance der Europäischen Union auf dem Weg zu den Vereinigten Staaten von Europa wurde vertan.

Bernhard Kuczewski, Zorneding

Debatte online

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Respektable Wahl

Der Weg zur Neubesetzung des EU-Chefpostens war zum Glück nicht das Ziel. Aber er hat einen überaus respektablen Abschluss genommen. Ursula von der Leyen ist eine erfahrene Politikerin, überzeugte Europäerin, und sie konnte, last but not least, trotz schwieriger Ausgangslage eine starke Rede liefern. Vor der nächsten Europawahl sollte verbindlich erklärt werden, was und insbesondere wer auf dem Spiel steht.

Ira Bartsch, Lichtenau-Herbram

Gemeinplätze schaden

Die angehende EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat das schwammige nichtssagende Diplomaten-Sprech schnell gelernt. Als Dank für die Stimmen der rechtskonservativen polnischen PiS-Partei und der Partei Viktor Orbáns eiert sie herum, wenn sie mit Gemeinplätzen wie "keiner ist perfekt" und "volle Rechtsstaatlichkeit ist unser Ziel" vom rechtsstaatlichen Irrweg in Polen und Ungarn spricht. Der EU-Vertrag basiert auf den Grundsätzen voller Rechtsstaatlichkeit. Und Polen und Ungarn sind nicht seit gestern Mitglied der EU, sondern seit 15 Jahren. Da muss/darf man kein Auge zudrücken. Wer redet wie Frau von der Leyen, ermuntert geradezu dazu, es mit den Regeln des Artikels 2 EU-Vertrag weiterhin nicht so genau zu nehmen und trägt damit zum Zerfall der Staatengemeinschaft bei.

Stefan Kaisers, Gießen

Spielregeln außer Kraft gesetzt

Beschämend für Frau von der Leyen selbst, für die von ihrem Verhalten betroffenen Politiker und für mein politisches Verständnis finde ich vor allem, mit welcher arroganten Selbstverständlichkeit sie die demokratischen Spielregeln außer Kraft setzt und mit welcher Selbstverständlichkeit man darüber zur Tagesordnung und dem zu erwartenden Gezänk übergeht.

Udo Schwarz, Bochum

Scharfe Signale nötig

Ist unserer "flammenden" Europäerin Ursula von der Leyen eigentlich klar, wie ihre Verharmlosung mit ihrem augenzwinkernden "Nobody is perfect!", wenn es um die Frage der Rechtsstaatlichkeit und der Bürgerrechte in Polen und Ungarn geht, bei denen ankommt, die 1989 im Osten den Sieg der Demokratie über die Diktatur gefeiert haben?! Die viel riskiert haben, damit das erst möglich wurde, die unter dem Abbau der demokratischen Freiheiten und rechtsstaatlichen Prinzipien in ihrem Staat unendlich leiden, die sich an frühere kommunistische Zeiten erinnert fühlen und sich mit aller Kraft dagegen stemmen?

Von der Leyen ist neue EU-Kommissionspräsidentin

Die Neue nach der Wahl: Ursula von der Leyen, nächste EU-Kommissionspräsidentin, bei ihrer Rede im Parlament nach der Entscheidung für Sie. Die Amtsübergabe von Vorgänger Jean-Claude Juncker ist am 1. November.

(Foto: dpa)

Sie wünschen sich nichts sehnlicher als ein scharfes Signal aus Brüssel, das ihnen in ihrem Kampf um eine starke Demokratie beisteht. Unfassbar, wie unsere neue Kommissionspräsidentin, Lobbyistin durch und durch, Bürgerrechtler im Stich lässt und versucht, dem EU-Parlament Sand in die Augen zu streuen, weil die erstarkenden Autokraten dieser Länder sie ins Amt gehievt haben und sich Frau von der Leyen mit ihrer Hinterzimmerpolitik denen natürlich verbundener fühlt als den demokratischen Kräften der EU-Länder.

Was ist los mit Deutschland, dass man "Die Partei" mit ihren zwei Abgeordneten braucht, damit jemand in Straßburg diesen Unmut auch laut äußert? Was denken die pro-europäischen Bürger in England? Werden sie nicht sagen, es ist doch gut, dass wir von diesem sinkenden Schiff Europa, in dem man mit polyglotten, aber leeren Versprechungen den Kurs bestimmen kann, abspringen? Was hält uns jetzt noch?

Friederike Heine, München

Eine Familie mit Geschichte

"Prantl's Blick" spannt den Bogen "von Maximilians Ende" bis zu "von der Leyens Anfang". Dazu eine Fußnote: Der Name von der Leyen tauchte auch am Ende des Heiligen Römischen Reiches einmal auf: Am 12. Juli wird der Rheinbund gegründet (frankophil), der Erzbischof von Mainz Kurfürst Theodor von Dalberg (1744-1817), wird Fürst von Frankfurt/Main. Justament der jüngere Bruder dieses Fürsten ist Wolfgang Heribert Reichsfreiherr von Dalberg, Intendant von 1778-1803 des Mannheimer Nationaltheaters, zu dem Schiller aus Stuttgart flüchtete und der 1782 dessen "Räuber" in Mannheim aufführte. Seine Schwester war Marianne von der Leyen (1745-1804). Mit ihrer Heirat hat Ursula Albrecht, unsere heutige Kommissarin in pectore, wohl die frankophile DNA dieses Geschlechtes übernommen.

Dr. Henry George Richter-Hallgarten, Neusäß

© SZ vom 25.07.2019

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