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SZ-Werkstatt:Wer entscheidet, was in die Zeitung kommt?

Nakissa Salavati, stellvertretende Leiterin der Wirtschaftsredaktion, über die tägliche Themenwahl.

Welche Artikel kommen in die Zeitung und welche nicht? Wer wählt das aus?

Monika Hartel, Sindelfingen

Manchmal ist alles klar. Wenn der Ex-Wirecard-Chef festgenommen wird oder der Staat bei der Lufthansa einsteigt, herrscht in der SZ routinierte Aufregung: Die Kollegen vom Newsdesk, eine Art Neuigkeitswachposten, prüfen die Nachricht, schreiben binnen weniger Minuten eine Eilmeldung und versorgen Leserinnen und Leser sofort mit einer Push-Nachricht aufs Handy. Währenddessen sind Experten aus der Redaktion schon am Schreiben, ihre schnelle Analyse wird gegengelesen, korrigiert, online gestellt und findet, meist in ausführlicherer Form, Platz in der gedruckten und digitalen Ausgabe der SZ.

Nakissa Salavati

Nakissa Salavati, stellvertretende Leiterin der Wirtschaftsredaktion, hat am Montagmorgen oft keine Ideen – die anderen aber auch nicht. Ein paar Stunden später geht es dann doch los: „Können wir mal reden?“

(Foto: Daniel Hofer)

Doch diese aktuellen Entwicklungen machen nur einen Teil unserer Arbeit aus. Viele Themen stehen nicht auf der Agenda von Newsagenturen, werden nicht auf Pressekonferenzen verkündet, bewegen und betreffen aber viele Menschen. Im Kern geht es darum, welche Realität eine Zeitung abbildet: die des Politikers und der Managerin? Die der Kassiererin? Die von Kriegsflüchtlingen oder von Menschen, die am liebsten Grenzen schließen würden? Im besten Fall entdecken Journalisten die Geschichten all jener, indem sie zuhören. Sie entdecken sie im Alltag, etwa an der Supermarktkasse, sie entdecken sie, weil Informanten ihnen von Machenschaften im eigenen Unternehmen erzählen, weil sie Kontakte zu Betroffenen aufbauen oder auch, weil Leser gute Hinweise geben. Unsere Aufgabe ist es dann, auf begrenztem Platz - online und in Print - einen Ausgleich zu schaffen, die Themen zu gewichten. In Redaktionskonferenzen, in der Kaffeeküche oder in langen Telefongesprächen mit Korrespondenten diskutieren wir genau das: Was ist gerade wichtig und warum? Wenn wir diese Frage geklärt haben, schließt sich eine weitere an: Was ist die richtige Form? Wie erzählen wir eine Geschichte, damit sie auf dem Smartphone funktioniert? Wie können wir einen Text ergänzen, eignet sich die Geschichte für eine Podcast-Folge?

Während all dieser Debatten zeigt sich, dass nur eine diverse Runde viele Perspektiven abdeckt. Nichts ist langweiliger, auch für die Leser, als wenn sich alle einig sind. Das gilt genauso für die Auswahl der Kommentare. Manche Leser fragen, ob die Redaktion mehrere Autoren mit einem Kommentar beauftragt - und anschließend die Meinung publiziert, die den Chefs passt. Klare Antwort: So läuft das nicht. Ein Kommentar bildet die Meinung der Autorin, des Autors ab. Vielleicht ärgern sich anschließend Kollegen und bestimmt auch Leser. Aber das darf ein Leitartikel auch, ärgern. Die Gegenmeinung findet eben später Platz.

© SZ vom 28.07.2020

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