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SZ Werkstatt:Positives zur Homöopathie

Medizin-Redakteurin Christina Berndt erläutert, warum die SZ oft kritisch über Homöopathie berichtet und erklärt den Stellenwert von Studien.

Von Christina Berndt

Christina Berndt ist promovierte Immunologin und Biochemikerin und schreibt für die SZ meistens über Medizin und Psychologie.

(Foto: Karin Brunner)

Warum gibt es in der SZ keine Reportage über positive Erfahrungen mit Homöopathie und über die Beweggründe, warum ein Mensch zur Homöopathie gekommen ist? Kerstin Salzenberg

Medizin ist ein großes Thema in der SZ. Wie sich Gesundheit erhalten oder wiederherstellen lässt, bewegt die Menschen schließlich nicht erst seit Corona-Zeiten. Sie fragen in ihrem Umfeld nach Erfahrungen mit Ärzten und Therapien - und möchten natürlich auch von ihrer Zeitung über Krankheiten und deren Gegenmittel informiert werden. Doch anders als in zwischenmenschlichen Gesprächen zählen in der SZ keine persönlichen Ansichten. Aufgabe der Zeitung ist es, verifizierte Informationen zu vermitteln. Nur im Ausnahmefall berichten wir - etwa während der Covid-19-Pandemie, bei der so vieles noch unerforscht ist - über vorläufige Daten aus der Medizin.

Eben das ist das Problem bei der Homöopathie: Für ihren Nutzen gibt es keinen Beleg durch wissenschaftlich solide Studien. Immer wieder wurde in umfassenden Analysen überprüft, ob homöopathische Therapien Patienten wirklich helfen können. Das Ergebnis war jedes Mal niederschmetternd. Gleich, ob die britische Regierung, die Cochrane Collaboration oder Universitäten Analysen vornahmen: Die Wirkung der Homöopathie ging nicht über einen Placebo-Effekt hinaus. Doch Gefahren bergen die Mittel durchaus: Sie können zu Allergien führen. Besonders problematisch wird es, wenn im Glauben an die Homöopathie wirksame Behandlungen unterlassen werden.

Beweggründe, homöopathische Mittel zu nehmen, gibt es gleichwohl viele: Homöopathische Ärzte nehmen sich häufig mehr Zeit für ihre Patienten, die sich von anderen Ärzten oft nicht ernst genommen fühlen. Zudem erzählen immer wieder Menschen von positiven Erfahrungen mit der Homöopathie. Doch in der SZ wäre es falsch, von einzelnen Patienten zu erzählen. Medizinische Berichte in der Zeitung müssen einen realen Nutzen für viele Menschen eröffnen, die Wirksamkeit der Therapie muss belegt sein. Dies aber lässt sich nur in kontrollierten Studien an einer Vielzahl von Menschen nachweisen. Ob Queen Elizabeth II., 94, wegen ihrer Vorliebe für die Homöopathie noch bei so guter Gesundheit ist? Es könnte ebenso an ihren Genen liegen oder daran, dass sie wenig Alkohol trinkt, auf ihre Ernährung achtet und - zu Fuß oder hoch zu Ross - viel Bewegung an der frischen Luft hat. Das Gleiche gilt für persönliche Erfolgsgeschichten anderer Patienten. Sie können Wirkungsnachweise durch Studien nicht ersetzen.

Die SZ sieht es als ihre Aufgabe an, ihre Leserinnen und Leser über medizinische Behandlungen zu informieren. Auszuleuchten, was die Homöopathie kann, gehört ebenso dazu, wie andere Sparten der Medizin kritisch zu beleuchten - etwa den Mangel an Empathie und Zeit in vielen Praxen oder die verengte Sicht auf ein einzelnes Organ. SZ-Redakteure bemängeln das Fehlen wissenschaftlicher Belege für den Nutzen der Homöopathie, aber sie kritisieren auch überteuerte Arzneien oder entlarven gefälschte Pharma-Studien.

© SZ vom 15.09.2020

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