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SZ-Werkstatt:Lesen, sonst nichts

Lothar Müller

Lothar Müller, Literaturredakteur der SZ mit Sitz in Berlin, ist gern allein mit einem Buch, spricht aber ebenso gern mit Autoren über ihre Bücher oder hört ihnen bei Auftritten zu. Das kommt in diesen Zeiten zu kurz.

(Foto: Regina Schmeken)

Literaturredakteur Lothar Müller über den Umgang von Autoren, Verlagen und Journalisten mit dem Stillstand des Literaturbetriebs. Es bleibt das Buch, Ursprung allen literarischen Lebens - und das Lesen, passend in dieser Krise.

Wenn die Theater, Opernhäuser, Kinos und Cafés schließen, schlägt dann nicht die Stunde der Literatur? Waren nicht Leser und Leserin schon immer Figuren des Rückzugs in eine selbstgewählte Isolation, mit sich selbst und den Büchern allein? Wer gedruckte Bücher zu Hause hat, kann sie aus dem Regal nehmen, wer auf Neuerscheinungen aus ist, dem liefert sie die Stammbuchhandlung gerne an, auf die elektronischen Lesegeräte passen ganze Bibliotheken, rechtefreie Klassiker lassen sich kostenlos herunterladen. Für die Lektüre braucht man keinen Club, keine Bühne, keine Leinwand.

Ja, es gibt die einsame Lektüre. Aber gerade jetzt tritt hervor, wie wichtig für die Literatur ihr anderer, sozialer Pol ist, an dem die Bücher gesellige Wesen sind. Auch die Literatur kennt den Reiz der Performance, gern koppelt sie das Buchformat mit den Stimmen von Autoren, Schauspielern, Kritikern, Moderatoren. Sie wendet sich nicht nur an das Auge, sondern auch das Ohr. Für uns, die Zeitungsleute, ist dieses Stimmengewirr in den Literaturhäusern, bei den Festivals und Messen ein wichtiges Element der Bücherwelt. Manche nennen dieses Stimmengewirr "Literaturbetrieb" und blicken aus der vorgeblich höheren Warte einsamer Lektüre auf die umtriebige Seite herab, als gingen in ihr die Bücher fremd. In der Literaturredaktion der SZ fassen wir das Stimmengewirr als Zeichen der Lebendigkeit der Bücher auf, Literatur live, früher auch "das literarische Leben" genannt, gehört zu unseren Berichtsgegenständen.

Darum bringen wir in diesen Tagen so viele Verlustanzeigen abgesagter Veranstaltungen, so viele Hinweise auf Angebote, in denen die "Literatur live" temporäres Asyl in digitalen Formaten sucht, etwa, wenn Literaturhäuser Lesungen streamen. Darum verweisen wir auf die Verluste, die Autoren und Autorinnen erleiden, wenn sie zur abgesagten Leipziger Buchmesse einen Roman oder Gedichtband herausgebracht haben und nun Lesungen verlieren, die sonst zu ihrem Einkommen beitragen. Besonders schmerzhaft ist das für diejenigen, die eher geringe Auflagen haben.

© SZ vom 21.03.2020
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