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SZ-Werkstatt:Kommunalwahlen

Melanie Staudinger arbeitet seit 2006 im Lokalen, zuerst in der SZ-Redaktion Dachau und nun in München. In dieser Zeit hat sie über elf verschiedene Wahlen und mehrere Bürgerentscheide berichtet.

Lokalredakteurin Melanie Staudinger hat schon über viele Wahlen berichtet, aber selten war ein Wahlkampf so voller Sondereinlagen. Über weibliche Herausforderer, Spaß an der Politik und dem nun nüchternen Abschluss.

Fast 1,70 Meter ist er lang und 60 Zentimeter breit - auf ihm stehen die Namen der Menschen, die die Zukunft Münchens gestalten wollen: 80 Stimmen können bei der Stadtratswahl an diesem Sonntag vergeben werden. Und allein schon wegen des gigantischen Zettels ist es kein Wunder, dass so viele Wahlberechtigte wie noch nie Briefwahl beantragt haben. Am Wochenende geht eine spannende Zeit für Lokaljournalisten zu Ende: Wir haben die Kandidaten für das Oberbürgermeisteramt begleitet, haben die wichtigsten Themen zur Wahl wie Wohnen, Verkehr, Soziales und Umwelt recherchiert, wir haben den SZ-Wahlcheck (sz.de/wahlcheck) programmiert. Und wir haben viel mit Politikern diskutiert, die in Wahlkampfzeiten manchmal doch ein wenig sensibler reagieren als sonst.

So eine Wahl, die nur alle sechs Jahre stattfindet, beginnt in einer Lokalredaktion viele Monate vor dem eigentlichen Wahlwochenende. Im Sommer 2019 haben wir uns das erste Mal zusammengesetzt. Und schon damals war absehbar, dass wir mit einem Wahlkampf konfrontiert sein werden, den es bisher so nicht gegeben hat. Denn erstmals treten zwei Frauen gegen den Amtsinhaber an. Kristina Frank (CSU) und Katrin Habenschaden (Grüne) wollen den höchsten Job im Rathaus ergattern, den von Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). Die neue Konkurrenz tat gut, und sie führte zu sehr kreativen Aktionen: Der OB besang seine München-Liebe in einem Schlager, die Jusos organisierten einen Wahlkampfstand, den sie 72 Stunden am Stück bespielten, die Grünen retteten bei einer "Schnibbelparty" krummes Gemüse, die CSU machte Yoga vor Mülllastern. Politik macht Spaß, das sollten Wähler merken.

Damit aber ist es nun vorbei. München kämpft gegen die Ausbreitung des Coronavirus, die Parteien haben ihre Wahlkampfpartys abgesagt, öffentliche Reden von Politikern gibt es seit ein paar Tagen nicht mehr. Gewählt wird trotzdem. In jedem Wahllokal wird es Möglichkeiten zum Händewaschen geben. Bei uns im Turm am östlichen Stadtrand Münchens wird es eher ruhig zugehen: Die meisten arbeiten von zuhause aus.

© SZ vom 14.03.2020
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