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SZ-Werkstatt:Journalismus im Cluster

Bankenkorrespondentin Meike Schreiber über Beratersprech zur Teamarbeit und Medien übergreifender Zusammenarbeit mit Kollegen aus China und USA zur Aufdeckung von Günstlingswirtschaft bei der Deutschen Bank.

Jeder Manager, der etwas auf sich hält, berichtet heutzutage von seinen "agilen" Mitarbeitern (Aussprache: "ätscheil") - alle sind total dynamisch, arbeiten ohne feste Strukturen und selbstverständlich hierarchiefrei. War man früher in Abteilungen einbetoniert, fügt man sich heute projektbezogen wahlweise zu "Stämmen" oder "Clustern" immer wieder neu zusammen, um Großes zu erreichen. In der Regel entstehen solche Strukturen aber nicht spontan. Sie werden oft von Unternehmensberatern vorgegeben.

Es ist nun beileibe nicht so, dass im Journalismus alles total modern wäre. Aber oft arbeiten wir ziemlich agil, ohne dass irgendein Chef oder Berater Vorgaben macht. Als zum Beispiel meine Kollegen Christoph Giesen in Peking und Nicolas Richter in München sowie ich in Frankfurt vor wenigen Wochen einen Stapel Dokumente dazu bekommen haben, wie die Deutsche Bank von 2002 bis 2014 in China ein System der Günstlingswirtschaft aufgebaut hat, da wussten wir gleich: Das können wir nicht alleine auswerten. Uns fehlt nicht nur die Zeit, sondern wir brauchen auch jemanden, der sich mit chinesischen Eliten richtig gut auskennt. Wir haben Mike Forsythe von der New York Times, einen Spezialisten für "chinesische Prinzlinge" (also Kinder von Parteimitgliedern), mit an Bord geholt, der wiederum seine Deutsche-Bank-Experten eingebunden hat. Gemeinsam mit der nicht minder hilfreichen Kollegin Petra Blum und dem Kollegen Massimo Bognanni vom WDR haben wir die Unterlagen ausgewertet und in Europa, Asien und den USA mit vielen Ex-Mitarbeitern der Bank gesprochen. Verschlüsselt - sicher ist sicher - haben wir buchstäblich rund um die Uhr Erkenntnisse ausgetauscht.

Im SZ-Kosmos ist es spätestens seit den Recherchen der Investigativ-Kollegen zu den Panama Papers Alltag, an wichtigen Artikeln medienübergreifend zu arbeiten. "Ätscheil" zu sein und intrinsisch motiviert, gehört ja ohnehin zur DNA von Journalisten. Dass das im digitalen Zeitalter schnell und tiefgründig über Kontinente hinweg so gut funktioniert, sozusagen im virtuellen "Cluster", macht den Beruf noch spannender.