SZ-Werkstatt Die Stadt-Land-Spaltung in Frankreich

Wie Wirtschaftskorrespondent Leo Klimm die Proteste gegen eine als arrogant und dekadent empfundene Politik in Paris erlebt - oft voller Wut, manchmal aber auch fröhlich und ausgelassen.

Von Leo Klimm

In Frankreich beschäftigen uns zurzeit zwei große Ereignisse: der Anschlag von Straßburg und die Proteste der Gelbwesten-Bewegung gegen Präsident Emmanuel Macron. Beides hat nichts miteinander zu tun - außer, dass die Ereignisse auf unterschiedliche Weise auf eine tief sitzende gesellschaftliche Malaise verweisen.

Von den Gelben Westen bekam man in Paris erst wenig mit. Die Rebellion gegen das prekäre Leben spiegelt keine Nöte der reichen Hauptstadt. Daher bin ich, als die Bewegung in den sozialen Netzwerken Gestalt annahm, ins Land hinaus. Die erste Reise führte mich noch vor Beginn der Demonstrationen Anfang November in die Kleinstadt La Tour-du-Pin, 60 Kilometer östlich von Lyon. Dort konnte ich sofort erkennen, dass mächtiger Protest anschwoll: Vielleicht jeder zweite Autofahrer hatte als Erkennungszeichen eine gelbe Warnweste gut sichtbar auf dem Armaturenbrett liegen. Im Ort sprachen die Leute über nichts anderes als über die Wut, von ihrer Arbeit nicht gut zu leben. Bei einer anderen Recherche war die Stimmung ausgelassener: An einer Autobahn-Sperre stieß ich auf Demonstranten, die mit Musik und Grillwurst eine Party feierten, als sei Frankreich gerade wieder Fußball-Weltmeister geworden.

Aber die Gelbwesten blieben nicht in der Provinz. Samstag für Samstag tragen sie ihren Zorn auf eine als arrogant und dekadent empfundene Elite nach Paris. Eine Minderheit frönt dabei auch der Lust auf Zerstörung. In der französischen Debatte werden Vergleiche mit den Jacqueries gezogen, den Bauernaufständen, die das Land in revolutionären Zeiten seit dem Mittelalter erschüttert haben. In der Seite-Drei-Reportage in dieser SZ-Ausgabe, die meine Kollegin Nadia Pantel und ich geschrieben haben, beleuchten wir die ganz speziell französische Stadt-Land-Spaltung.