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SZ-Werkstatt:Die Nacht absitzen für den Job

Annette Ramelsberger über die zuweilen ungewöhnlichen und auch ungemütlichen Arbeitsbedingungen als Gerichtsreporterin und den Wert einer Bierkiste beim Oberlandesgericht in Frankfurt.

Gerichtsreporterinnen sind es gewohnt, unter schwierigen Bedingungen zu arbeiten. Fast immer ist das Interesse an wichtigen Prozessen größer als die Gerichtssäle, in denen sie stattfinden. Die Situation ist in Zeiten von Corona noch schwieriger geworden. Wer in den Gerichtssaal kommt, entscheidet mal das Los, mal das Windhundprinzip: Wer als Erster vor der Tür steht, kommt rein. So ist es auch vor dem Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt. Dort findet gerade das wichtigste Verfahren seit dem NSU-Prozess statt - gegen den mutmaßlichen Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Es gibt 19 Plätze für Journalisten im Saal.

Ich hatte mit einer Kollegin vereinbart, dass sie sich um drei Uhr morgens anstellt und ich sie um sieben Uhr ablöse. Als ich zur Sicherheit abends um 22 Uhr nachschaute, saßen aber schon zehn Kollegen vor der Tür. Anstehen ab drei Uhr? Das war zu riskant. Ich lieh mir in einem Hotel eine Bierkiste, damit ich nicht auf der nassen Straße sitzen musste, und harrte so bis zwei Uhr morgens aus, im Nieselregen. Dann löste mich die Kollegin ab. Dutzende Journalisten warteten aber die ganze Nacht auf der Straße, manche ließen ihre großen Kinder für sich anstehen, um selbst frisch zu sein, wenn der Prozess beginnt. Um acht Uhr morgens schritt der OLG-Präsident die Reihe der durchweichten, übermüdeten Wartenden ab und sagte, das sei sicher unangenehm, aber er könne da leider nichts ändern - Sicherheit gehe vor.

Sicherheit ist aber kaum ein Argument dafür, dass den Journalisten im Saal dann auch noch ihr Handwerkszeug verwehrt wurde. Der Vorsitzende Richter verbot Laptops und Mobiltelefone. Protokolle wie im NSU-Prozess sind so unmöglich, auch die Berichterstattung ist eingeschränkt. Es bleibt nur die Mittagspause des Gerichts, in der unter großem Zeitdruck die Notizen verarbeitet werden.

Die Zeitungsverleger und die Journalistengewerkschaft dju haben gegen die Arbeitsbedingungen protestiert. Das OLG verweist auf die Unabhängigkeit des Vorsitzenden Richters, der Laptops verboten hat. Also: nichts zu machen. Nächste Woche geht es weiter.

© SZ vom 27.06.2020

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