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SZ-Werkstatt:Auf den Spuren des Virus

Nicolas Richter

Nicolas Richter leitet das SZ-Ressort Investigative Recherche. Die Krise hat für seine Kollegen und ihn auch kleine Vorteile: Informanten geben in Zeiten des Home-Office viel leichter ihre Handynummern heraus.

(Foto: Stefanie Preuin)

Investigativ-Reporter auf ungewohnter Mission: Statt Schurken jagen sie Corona hinterher, um zu ergründen, wie die Pandemie ins Land kam. SZ-Redakteur Nicolas Richter über eine ungewöhnliche Recherche mit überraschenden Einsichten.

Noch ist unklar, wie man sich eines Tages an die Corona-Krise erinnern wird; aber ihr Verlauf ist schon jetzt eine detaillierte Nacherzählung wert. Das Virus hat bereits stark das Leben verändert und die Politik vor ungeahnte Herausforderungen gestellt - es fühle sich an "wie ein Katastrophenfilm, nur ohne Popcorn", sagt jemand aus dem Berliner Krisenstab.

Ein Team von Reporterinnen und Reportern der Süddeutschen Zeitung hat deswegen den Versuch unternommen, die Schlüsselmomente der Krise von Anfang Januar bis Ende März zu rekonstruieren. Die Journalisten sprachen mit Politikern, Ärzten, Beamten und Managern. Es kamen mehrere derjenigen zu Wort, die von Anfang an in der ersten Reihe der Seuchenbekämpfung standen: ein Chefarzt, der die ersten Kranken behandelte; ein Bundesminister, der die Tourismusmesse kippte; ein Konzernchef, der mit einer möglichen Pleite rechnen muss. Die Protagonisten berichteten mit vielen Details und sehr persönlich, wie sie der Heimsuchung entgegentraten - und warum es dabei auch zu etlichen falschen Einschätzungen kam.

Das SZ-Investigativressort, das die Recherche koordinierte, berichtet oft über Steuerhinterzieher, Korrupte, Terroristen und Autokraten. In diesem Fall aber ist der Schurke ein Virus: Es nimmt den Menschen das Leben, die Existenz, den Verstand, aber es ist kein Akteur, gilt nicht einmal ein Lebewesen. Im Mittelpunkt dieser Recherche standen also nicht die Ziele und Motive des Übeltäters, sondern die Art und Weise, wie die Gesellschaft mit dieser Heimsuchung umgeht.

Das Ergebnis dieser mehrwöchigen Arbeit veröffentlicht die SZ nun im Buch Zwei, das immer samstags besonders aufwendige Recherchen präsentiert und so heißt, weil es in der zweiten Lage der gedruckten Zeitung zu finden ist. Der Artikel ist vier Seiten lang; ein solcher Aufschlag ist nur durch besondere, ja historische Umstände zu rechtfertigen. Die Corona-Krise ist ein solcher Umstand. Die Nacherzählung offenbart, wie schwer sich alle Deutschen getan haben mit dem Eingeständnis, unerwartet inmitten einer Katastrophe gelandet zu sein.

© SZ vom 25.04.2020

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