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SZ-Werkstatt:Arbeitswelten

Japan-Korrespondent Thomas Hahn über das manchmal tödliche Arbeitsethos in Nippon und wie man es schaffen muss, sich davon zu befreien - notfalls durch Verschlafen.

Thomas Hahn

Thomas Hahn arbeitet nach fünf Jahren in Hamburg seit September als Korrespondent für Japan und Südkorea in Tokio. An seiner Work-Life-Balance in der riesigen Stadt tüftelt er noch.

(Foto: privat)

Es fühlt sich seltsam an, über die Risiken der Überarbeitung zu schreiben, wenn man sich selbst fragen muss, ob man richtig mit den Kräften haushaltet. Die Schattenseiten des Fleißes sind in Japan schon lange ein Thema. Karoshi, Tod durch Überarbeitung, ist zum Symbol für einen japanischen Lebensstil geworden, bei dem die Bedürfnisse des Einzelnen aufgehen in einem ständigen Dienst am großen Ganzen. Selbstlosigkeit ist toll, aber wenn sie Menschen umbringt, hilft sie niemandem. Deshalb ist es wichtig, sich ernsthaft mit dieser extremen japanischen Arbeitsmoral zu befassen und zu verstehen, dass es eben kein Ausweis von Heldentum ist, sich widerspruchslos Aufgabe um Aufgabe aufhalsen zu lassen.

Überarbeitung ist auch in Deutschland ein Thema. Burn-out ist dabei wohl das wichtigste, vielleicht manchmal etwas überstrapazierte Schlagwort. Immerhin wachen hier Gewerkschaften und Betriebsräte ohne falsches Harmoniebedürfnis über vernünftige Arbeitszeiten. Und Jugendliche wachsen in dem Bewusstsein auf, dass sie ein Recht auf ihren persönlichen Lebensentwurf haben.

In Japan ist das anders. Der Glaube an die Überstunde ist dort fast so etwas wie Religion, viel zu arbeiten, ein Statussymbol, Freizeit für Schwächlinge. Eine Freiheitsgesellschaft darf sich daran kein Beispiel nehmen, und ein Ausländer mit Wohnsitz in Japan darf diese Einstellung nicht romantisieren: Sie reduziert Menschen auf einen Job, sie macht Familien kaputt oder lässt sie gar nicht erst entstehen. Es ist gut, dass man in Japan anfängt, eine neue, flexiblere Arbeitswelt aufzubauen. Jede Überstunde zu verbieten, wäre allerdings auch falsch. Womit wir wieder beim persönlichen Alltag wäre. Manche haben eben das Glück, einen Beruf mit tollen Chancen abbekommen zu haben. Mühen fallen da etwas leichter. Trotzdem muss man aufpassen, sich nicht irgendwann in einer Erschöpfung zu verirren, aus der man nicht mehr herausfindet. Während der aufwendigen Arbeiten zum Karoshi-Artikel in dieser Ausgabe musste deshalb ein Termin ausfallen. Verschlafen. Peinlich, aber für Körper und Geist ein großer Gewinn.