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Daten im Journalismus:Die Vermessung der SZ

Dateninformiert, aber nicht datengetrieben: So arbeitet die SZ.

(Foto: SZ)

Wie häufig wird ein Artikel aufgerufen? Und über welche Kanäle? Warum Daten für die "Süddeutsche Zeitung" so wichtig sind - und was ein Klick über den Leser verrät.

Von Christopher Pramstaller

Eine Sicherheitslücke im Betriebssystem iOS erregte im Juli 2016 Aufsehen: Mehrere Hundert Millionen Apple-Geräte waren gefährdet, eine einfache Multimediadatei reichte aus, um Schadcode auf den Geräten auszuführen. Per iMessage oder MMS konnten etwa iPhone-User so Opfer eines Hacks werden.

Das Digital-Ressort der Süddeutschen Zeitung veröffentlichte am frühen Abend des 21. Juli dazu eine Meldung. "Sie sollten Ihr Betriebssystem für iPhone und Mac sofort aktualisieren", war die Nachricht überschrieben. Fünf kurze Absätze, etwas mehr als 2000 Zeichen - im Normalfall kaum erwähnenswert.

Allein am Abend der Veröffentlichung jedoch wurde der Artikel mehr als 150 000 Mal aufgerufen, ein Extremwert. Die Quelle damals: unbekannt - und die Aufregung in der Redaktion entsprechend groß. Über welchen Kanal kamen derart viele Leser, deren Ursprung wir nicht ausmachen konnten?

Derlei Auffälligkeiten häuften sich. Im Wochentakt stiegen die Aufrufe einzelner Artikel extrem an, die Herkunft der Leserschaft blieb dabei stets unklar. Die Suche nach der Quelle führte schließlich zu einem voreingestellten Programm auf Apple-Geräten, in dem Nutzern journalistische Inhalte angezeigt wurden. Die Auswahlkriterien, welche Artikel Chancen auf Reichweite haben könnten, blieben allerdings schleierhaft. Die Auswirkung auf unseren Journalismus damit ebenso.

Und dennoch war die Erkenntnis wichtig, dass es sich um einen Zufall handelte. Denn wir interessieren uns für Sie. Für Sie als Leser der Süddeutschen Zeitung. Ob Sie lieber große Reportagen lesen oder Essays präferieren beispielsweise. Ob Sie eher die Bundesliga-Berichterstattung gebannt verfolgen oder Analysen zu internationalen Konferenzen bis zur letzten Zeile lesen.

Das alles ist für eine Redaktion spannend zu wissen. Denn für Sie als Leser wollen wir möglichst intensiv über jene Themen berichten, die Sie wirklich bewegen. Die Sie im Alltag beschäftigen, bei denen Sie Hintergründe benötigen, und auch über jene, von denen Sie sich unterhalten fühlen. Hätten wir nicht erkannt, dass einige unserer Artikel rein zufällig ungewohnt häufig gelesen würden, hätte das möglicherweise dazu geführt, dass wir eine Leserschaft in den Fokus nehmen, die nicht jener entspricht, die uns im Alltag die Treue hält.

Natürlich wollen wir auch Ihnen nicht nach dem Mund reden. Süddeutsche Zeitung, das kann und soll immer auch Herausforderung bedeuten, Überraschung und Berichterstattung über Sachverhalte, die keine große Popularität genießen, die aber dennoch wichtig sind. Für die Gesellschaft und unser Zusammenleben.

Die Süddeutsche Zeitung erreicht mit ihren digitalen Angeboten bis zu 20 Millionen Menschen im Monat. Mehr als 100 Millionen Mal kommen sie im selben Zeitraum zu uns, um sich über das aktuelle Weltgeschehen zu informieren oder Hintergründe zu lesen. Während vor Jahrzehnten klar war, dass die Inhalte dort gelesen werden, wohin die Redaktion sie platziert, in der Zeitung, so ist der digitale Raum zu einem ausdifferenzierten Konstrukt aus Publikationen und Verbreitungsstrukturen geworden, deren Kenntnis unerlässlich ist.

Viele, vor allem loyale und interessierte Leserinnen und Leser, erreichen wir nach wie vor über die Homepage. Enorm viele Menschen kommen jedoch auch über Suchmaschinen zu uns, insbesondere über Google, wenn sie gezielt an Informationen gelangen wollen. Und neben den schon klassischen sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram oder Twitter drängten in den vergangenen Jahren mehr und mehr Apps und Angebote auf den Markt, die journalistische Inhalte zwar nicht erstellen, sie aber verbreiten. Services wie Upday beispielsweise, die Pocket-Empfehlungen in Firefox, Flipboard, Sony News, Microsoft News, News Republic (eine App des chinesischen Unternehmens Bytedance) oder das schon beschriebene Angebot von Apple.

Um zu wissen, wer Sie sind und wofür Sie sich interessieren, stehen uns als Redaktion verschiedene Möglichkeiten offen. Einerseits natürlich ein großer Erfahrungsschatz durch jahrzehntelange Arbeit mit Inhalten und Publizistik. Andererseits unzählige Gespräche, Leserbriefe und Rückmeldungen zur Zeitung, zur Homepage oder der digitalen Ausgabe.

Natürlich aber arbeiten wir auch mit Daten. Ein halbes Dutzend Kolleginnen und Kollegen aus dem Analyseteam kümmert sich darum, die richtigen Daten zu erfassen, aufzubereiten und in Zusammenarbeit mit Redaktion und Produktteams sinnvoll zu nutzen. Wir messen beispielsweise, wie häufig Artikel aufgerufen werden. Oder aber, wie lange auf einzelnen Inhalten verweilt wird. Auch interessiert uns, über welche Wege Leser zu uns finden, ob sie wiederkommen oder wann ein Abonnement abgeschlossen wird. Nicht auf individueller Ebene selbstverständlich, Datenschutz ist uns bei alldem äußerst wichtig, aber anonymisiert und als Gruppe. Web-Analysten, Data Scientists, Statistiker und auch Experten für Machine Learning versuchen zusammen, Daten lesbar und schlussendlich auch nutzbar zu machen.

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Redaktionelle Datenarbeit bedeutet, sich intensiv mit Themen und der Leserschaft zu beschäftigen - und kleine Hinweise in Unmengen von Zahlen aufzuspüren.

(Foto: SZ)

Warum machen wir das?

Wer die Welt vermisst, versucht, sie fassbarer zu machen. Sie weniger dem Reich des Mystischen zu überlassen, sondern den Versuch zu unternehmen, sie besser zu verstehen. Einen anderen Blickwinkel auf sie zu ermöglichen, der neue Erkenntnisse in sich bergen kann.

So wird quantifiziert, summiert, kategorisiert und analysiert - alles mit dem Ziel, den Horizont zu erweitern und tiefer in die Zusammenhänge einzudringen, die unsere Welt so sein lassen, wie sie ist.

Der Quantifizierung der Welt skeptisch gegenüberzustehen, ist dabei allzu verständlich. Denn Tracking ist in vielerlei Hinsicht mit negativen Erfahrungen und Vorstellungen verbunden. Begriffe wie Metrik, Benchmark, Performance Indicator oder Accountability starteten ihren Siegeszug in der Management-Literatur der 1960er-Jahre. Als Megatrend haben sie in den vergangenen Jahrzehnten zahllose gesellschaftliche Bereiche beeinflusst und geprägt - seien es Bildung, Gesundheitsversorgung, Sicherheit oder auch die Publizistik.

Der Drang, jedes noch so kleine Detail zu vermessen und Veränderung darstellbar zu machen, resultiert dabei aus einer sich rasant verändernden Welt. Je schneller und grundlegender sich diese Veränderung vollzieht, desto stärker ist das Verlangen nach objektiven Kriterien, Orientierung und einer Bestätigung des eigenen Handelns. Im selben Moment, in dem den Lösungen bestehender Eliten kein Vertrauen mehr entgegengebracht wird, sollen Daten Halt bieten.

Die Auswirkungen der von Daten durchwirkten Welt spüren wir im Alltag. Sei es bei lästiger Werbung, die uns personalisiert wochenlang im Internet verfolgt, oder der Frage nach der Rabattkarte an der Supermarktkasse. Andere Beispiele wie gezielt ausgespielte Wahlwerbung oder, im Extremfall, Überwachungs-Apps wie in China, die umfassende Bewegungsprofile erstellen, lassen uns vor jedweder Messung des eigenen Verhaltens zurückschrecken - selbst wenn sie datenschutzkonform und anonym erfolgt.

Redaktionelle Arbeit mit Daten hat mit alldem nichts zu tun. Erkenntnisse darüber, welche Artikel, Themen und Formate mehr oder weniger intensiv gelesen werden, dienen schlichtweg dazu, besser zu verstehen, wie die Vorstellungen der Leserschaft mit unserer Realität übereinstimmen. Oder anders ausgedrückt: Wir wollen nicht besser als Sie selbst wissen, wofür Sie sich interessieren.

Als Redaktion arbeiten wir dateninformiert, nicht datengetrieben. Daten diktieren nicht, mit welchen Themen wir uns beschäftigen und worüber wir berichten. Sie liefern lediglich Hinweise, Denkanstöße und können bei der Themenplanung im Alltag sowie der mittel- und langfristigen publizistischen Weiterentwicklung eine Stütze sein. Daten und Zahlen stellen dabei selbstverständlich nur eine Form von Evidenz dar. Erfahrung, Gefühl, theoretische Konstrukte und qualitative Forschung spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle.

Grundsätzlich sind Daten immer nur ein Hilfsmittel. Daten liefern aus sich heraus weder Antworten und Lösungen, noch sind sie der langjährigen Erfahrung einer Redaktion überlegen. Sie können eine Information darüber liefern, ob die eigene Erwartung der Realität entspricht. Sie können Feedback geben und ein Kompass dafür sein, den eigenen Weg zielgerichteter zu gehen.

Wir möchten mit allen gewonnenen Informationen Tag für Tag den bestmöglichen Journalismus für unsere Leserinnen und Leser schaffen. Daten helfen uns dabei, das ist unumstritten. Aber eben nicht nur Daten. "Nicht alles, was zählt, kann gezählt werden - und nicht alles, was gezählt werden kann, zählt", schrieb der Soziologe William Bruce Cameron in seinem 1963 erschienenen Buch "Informal Sociology: A Casual Introduction to Sociological Thinking". Es ist ein Zitat, das wir uns immer wieder vor Augen führen sollten, wenn wir die Welt vermessen.

© SZ

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