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Private Krankenversicherung:Beharren mit System

Es hat schon einige Reformvorschläge gegeben, aber bislang hält sich das Zwei-Stufen-Modell aus privaten und gesetzlichen Kassen, das einige Leser für eine ungerechte Zwei-Klassen-Medizin halten. Doch ob ein Zusammenlegen wirklich Vorteile für alle brächte?

Private Krankenversicherung lohnt sich vor allem für Beamte

Es geht auch ums Geld: Manche Arztpraxen sind nur rentabel, wenn es genügend privat versicherte Patienten gibt.

(Foto: dpa)

Zu "Solidarität als Rezept" vom 22./23. Februar, "Ein unhaltbares System" vom 19. Februar und zu "Mehr Gerechtigkeit für Kassenpatienten" vom 18. Februar:

Wer auf die Gesundheit achtet

Die Bertelsmann-Stiftung hat herausgefunden, dass Privatversicherte seltener Diabetes haben als gesetzlich Versicherte und folgert daraus, dass alle in die gesetzliche Krankenversicherung einzahlen sollen. Ich höre und lese seit Jahren, dass Gesundheit viel mit Bildung (und Ernährung) zu tun hat, Diabetes ganz besonders. Man könnte also zu der Erkenntnis gelangen, dass es viele Gebildete unter den Privatversicherten gibt, die folglich weniger krank sind. Außerdem könnte es auch noch eine Rolle spielen, dass sie vielleicht eine Selbstbeteiligung für Arztrechnungen bezahlen und deshalb mehr auf ihre Gesundheit achten.

Burgl Ismaier, Glonn

Wahre Gründe für Wartezeiten

Herbert Fromme beschreibt in "Ein unhaltbares System" die angeblichen Vorteile der PKV-Versicherten, erwähnt aber nicht die Nachteile und die eigentlichen Gründe für lange Wartezeiten. Wir haben einfach zu wenig Ärzte, weil der Zugang zum Studium staatlich beschränkt wird. Stattdessen müssen Schulabgänger auf andere Gebiete ausweichen. Der Autor erwähnt auch nicht, dass privat Versicherte in der Regel bei der Bezahlung der Arzneimittel und Arzthonorare in Vorleistung gehen müssen. Durch maßvolles Verhalten kann der privat Versicherte Beitragsrückerstattungen bekommen, der gesetzlich Versicherte weiß dagegen gar nicht, welche Kosten entstehen, es braucht ihn ja nicht zu interessieren.

Harald Dorfmüller, München

Ungerechtes, ineffizientes System

Dass die Interessensvertreter aus privater Krankenversicherung (PKV), Bundesärztekammer et cetera eine Bürgerversicherung ablehnen, ist verständlich. Sie würde sie in ihrer Existenz oder zumindest in ihren wirtschaftlichen Interessen berühren. Dabei ist das gegenwärtige System ungerecht und ineffizient - aus folgenden Gründen: Erstens entziehen sich PKV-Versicherte der Solidarität. Sonderlasten, wie zum Beispiel für alte Menschen, Familien, Migranten oder besondere Krankheiten, werden in der gesetzlichen Versicherung sozialisiert. Alte Menschen verdienen oft weniger und damit liegt ihr Beitrag auch niedriger. Wer mehr als ein Kind hat, wird selten in die PKV wechseln. Wer krank ist, kommt schlichtweg nicht mehr in die PKV. Zuwanderer und Menschen in Hartz IV sammeln sich in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Dafür zahlt der Staat aus Steuermitteln den Mindestbeitrag ein. Die Steuern hierfür zahlen alle, nicht nur der PKV-Versicherte. Der Mindestbeitrag ist jedoch offensichtlich nicht kostendeckend. Die Folge ist, dass die GKV-Versicherten in Solidarität diese Lasten tragen (müssen). PKV-Versicherte zahlen nur für ihr eigenes Risiko und das ihrer jeweiligen Tarifgemeinschaft, welches oft niedriger liegt als das der GKV-Versicherten, schließlich kommt da auch nicht jeder rein. Daher sind die Beiträge der PKV lange Zeit auf dem Niveau des Durchschnitts der GKV-Versicherten oder darunter, und das bei erheblich besseren Leistungen. Das ist ungerecht und spaltet die Gesellschaft. Dabei nutzt es nicht, Menschen, die dies benennen, einfach zu diffamieren.

Zweitens ist das Krankenversicherungssystem durch das bestehende System sehr zersplittert. Es schwächt die Marktmacht der Kunden (Patienten). Zwar wird versucht, die Verhandlung über Leistungen und Medizin zwischen den Krankenkassen zu bündeln. Da aber sehr unterschiedliche Interessen dahinterstehen, sind sie in der Verhandlung mit Pharmakonzernen, Ärzten, Krankenhäusern im Nachteil. Es ist zu vermuten, dass eine Stärkung der Verhandlungsposition der Krankenkassen zu effizienteren Prozessen und niedrigeren Kosten oder besseren Leistungen für alle führt. Dabei müssen Ärzte nicht zwangsläufig Verlierer sein. Es stellt sich die Frage, wie frei werdende Mittel genutzt werden.

Drittens schlägt die Expertenkommission vor, die Leistungen zusammenzuführen. Ein anderer Weg, Gerechtigkeit zu schaffen, wäre, dass die PKV-Versicherten direkt den Anteil an Kosten übernehmen, die ihnen in einer Solidaritätsgemeinschaft zukommt. Die Entscheidung, sich privat zu versichern, sollte nicht getrieben sein durch die bloße Erkenntnis, dass man sich besserstellt, weil man mit einem Wechsel in die PKV den "Sozialballast" abschütteln kann. Ein Lastenausgleich, der derzeit zwischen den gesetzlichen Krankenversicherungen stattfindet, könnte vergleichbar zwischen GKV und PKV funktionieren und bei benannten Themen Gerechtigkeit bringen. Dann wären die Beiträge für PKV-Versicherte allerdings höher und vermutlich der Anreiz, in die PKV zu wechseln, nicht mehr so hoch.

Werner Prost, Regensburg

Ärzte geben Ungleichheit offen zu

Dass Ungleichheit in unserem dualen Versicherungssystem einer Zwei-Klassen-Medizin herrscht, wird inzwischen von allen Betroffenen nicht mehr bestritten. Die Ärzteschaft sagt frei heraus, dass sie ohne gut betuchte Privatpatienten ihre gehobene Position in der deutschen Einkommenspyramide nicht länger behaupten könnte. Sie berechnen für gleiche Leistungen unterschiedliche Honorarsätze. Deshalb werden Privatpatienten immer noch bevorzugt behandelt. Allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz. Gutverdienende, Beamte und einkommensstarke Selbständige erfahren immer noch eine Vorzugsbehandlung. Ein Fehlanreiz, stellt denn auch der zitierte Regensburger Staatsrechtler Thorsten Kingreen folgerichtig fest.

Was die Privatversicherer ihren jüngeren Beitragszahlern gerne verschweigen ist, dass die Prämien bei zunehmendem Alter erheblich ansteigen. Viele Selbständige geraten damit mit den Jahren in Schwierigkeiten, können die hohen Beiträge nicht mehr zahlen. Die Folge sind Hunderttausende, die in einem Notlagentarif lediglich mit einem Mindestschutz oder gar nicht versichert sind. Ein Wechsel in die gesetzliche Versicherung ist ihnen verwehrt. Das alles kann nicht Ziel des Systems sein.

Der aktuellen Bertelsmann-Studie ist mithin beizupflichten. Mit der Abschaffung der privilegierten privaten Krankenversicherung würden Milliarden Euro eingespart und gleichzeitig der soziale Zusammenhalt gestärkt. Denn alle Beitragszahler erfahren eine parallele Entlastung. Gleichzeitig erfolgt die Stärkung einer tragfähigen Solidargemeinschaft. Ärzte könnten im Vorfeld über ein modernisiertes Vergütungssystem weiterhin profitieren. Dem kann man ehrlicherweise nur zustimmen.

Jochen Freihold, Berlin

© SZ vom 03.03.2020

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