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Moria und die Folgen:Werte verteidigen, nicht nur den Wohlstand

Nach dem Brand im Lager auf Lesbos geht das Jonglieren wieder los: Wer in der EU nimmt wie viele Geflüchtete auf? Unwürdig, in der Not muss geholfen werden, so die einen. Endlich eine einheitliche Einwanderungspolitik, fordern andere.

Die neuen Zelte auf Lesbos stehen bereit, die Flüchtlinge aus dem abgebrannten Lager bei Moria zu beherbergen.

(Foto: AP)

Zu "2020 wird für die Integration ein verlorenes Jahr", Interview mit dem Migrationsforscher Herbert Brücker, "Moral verbindet" und zu "Insel der Verdammten", alle vom 15. September, sowie zu "Kleiner Plan und großer Plan", 12./13. September:

Welche Zukunft geben wir?

Seit Jahren wissen wir alle um die elenden Zustände in den griechischen Flüchtlingslagern vor unserer Haustür. Auf Lesbos kommen auf 80 000 Einwohner circa 13 000 Geflüchtete. Dass es da über kurz oder lang zu einem Knall kommt, dürfte den meisten klar gewesen sein. Nicht erst seit dem verheerenden Brand sind alle Menschen auf Lesbos alleine gelassen, sondern seit besagt einigen Jahren.

Schon vor ein paar Monaten erklärten sich einige Bundesländer dazu bereit, wenigstens die Kinder aus dem Lager aufzunehmen. Herr Seehofer, Mitglied einer Partei, die den Anspruch hat, christlich zu sein, sagte "Nein!" Wo ist hier das Werkzeug des Föderalismus? Der Geist Europas ist leider schon länger abgängig, vielleicht hat er sich geschämt für diese Zustände? Sollten unsere Enkel, was ich nicht hoffe, einmal aus politischen, wirtschaftlichen, klimatischen Gründen zur Flucht gezwungen sein, welche Ankunft oder Zukunft würden wir ihnen wünschen? Moria?

Susanne Lober, Kirchdorf

Bitte ehrlich diskutieren

Worin man Frau von Bullion in ihrem Kommentar "Moral verbindet" beipflichten muss: Keiner (und auch keine) der Verantwortlichen in der EU und der Bundesregierung sagt laut, dass das humanitäre Desaster auf Lesbos und anderswo rund ums Mittelmeer Teil einer Abschreckungspolitik ist und dass die angestrebte Kontrolle der Außengrenzen bedeutet, dass Asylsuchende bis zur Entscheidung in Aufnahmelagern festgehalten werden.

Was aber auch Frau von Bullion und andere Befürworter einer humanitären Aufnahmepraxis nicht laut sagen, ist, dass die neuen Lager auf Lesbos und anderswo innerhalb weniger Wochen wieder in einer humanitär inakzeptablen Weise überfüllt sein werden, weil es noch Millionen anderer Menschen gibt, die in der EU Zuflucht oder einen gesicherten Lebensunterhalt suchen. Und wir werfen uns wechselseitig Teil-Wahrheiten an den Kopf und tabuisieren den jeweils unbequemen Teil der Realität. Solange wir aber nicht zu einer ehrlichen Diskussion kommen, wie diese Teil-Wahrheiten zu einer realistischen Gesamteinschätzung zusammengeführt werden können, kommen wir keinen Schritt weiter auf dem Weg zu einer humanen und realistischen europäischen Regulierung der Flüchtlings- und Einwanderungspolitik.

Eine solche Politik, bestehend aus geregelten, sicheren und kontrollierten Zugangswegen für größere Kontingente von Schutz- und Arbeitssuchenden wäre durchaus vorstellbar, wenn man gleichermaßen die Bedürfnisse der Migranten, den Bedarf europäischer Länder an Arbeitskräften und die Grenzen der Aufnahmefähigkeit und -bereitschaft unserer Gesellschaften berücksichtigt. Selbst Innenminister Seehofer sprach einst von verkraftbaren 200 000 Zuwanderern pro Jahr allein in Deutschland. Auch solch großzügige Regelungen aber erfordern Maßnahmen zur Sicherung der Außengrenzen. Solche darf auch eine Humanistin nicht als unmoralisch disqualifizieren.

Prof. Dr. Theo Rauch, Berlin

Fluchtursachen bekämpfen

Es wird darum gefeilscht, wie viele Flüchtlinge die EU-Länder aufnehmen, dabei sollten vorrangig die Fluchtursachen bekämpft werden. Man müsste sich dafür einsetzen, dass Menschen in ihrem Land Perspektiven erhalten, um in ihrem Land weiter leben zu können. Es könnten zum Beispiel für Frauen Nähstudios eingerichtet werden, in denen sie arbeiten könnten.

Es könnten Geschäfte eingerichtet werden, und vieles mehr. Man müsste den Geflüchteten Möglichkeiten vor Ort schaffen, damit sie nicht fliehen müssen, sondern in ihren Ländern bleiben könnten.

Birgit Oswald, München

Aufteilen nach Wirtschaftskraft

Da die Masse der zivilisierten Einwohner der EU sicher dafür ist, diesen armen Menschen zu helfen, folgender Vorschlag: Wir, die sonst oft schweigende Mehrheit der EU-Bevölkerung, bekommen durch die Medien eine Stimme, dabei wird festgelegt: Die 12 000 Menschen werden im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung innerhalb der 27 Staaten verteilt. Deutschland würde so geschätzt etwa 2300 Menschen aufnehmen, Österreich 300 und Ungarn 180. Außen vor blieben die Länder Griechenland, Italien, Spanien, die sowieso schon ihren Teil zur Flüchtlingshilfe beitragen, da sie Mittelmeer-Anrainer sind.

Jedes Land, das diese Zahl nicht erfüllt, wird von der, dann nicht mehr schweigenden Mehrheit, geächtet. Jeder kann sich selbst überlegen, was das für ihn persönlich bedeutet und was er unternehmen will und kann. Es geht nur, wenn wir klar machen: Die Werte der EU sind uns wichtig! Wir Bürger müssen keine Wahlen gewinnen oder uns sonst wie profilieren, wir können uns einfach für diese Menschen einsetzen.

Martin Berner, Mauern

Auf Kosten der Steuerzahler

Obwohl Deutschland mehr Flüchtlinge aufgenommen hat als andere europäischen Länder zusammen, werden jetzt noch zusätzlich Flüchtlinge aus Griechenland aufgenommen. Deutsche Steuerzahler, die gegen die Aufnahme weiterer Flüchtlinge sind, werden übergangen beziehungsweise sogar kriminalisiert. Es wäre gut, wenn die deutschen Politiker sich von ihrer Samariter-Neurose befreien könnten. Frau Merkel tingelt anschließend wieder durch die Welt und holt sich in jedem Land ihren Lorbeerkranz für ihre Flüchtlingspolitik ab, und der deutsche Steuerzahler darf dies alles bezahlen.

Heiner Lüschen, Vechta

Eine Generation geht verloren

Wie viele Menschen will Deutschland aus dem Elend holen? Ich ahne die perfide Angst, die hinter diesem Kleinmut steckt: Bloß keinen Präzedenzfall schaffen, sonst brennen bald alle Lager... Unsere Herzen sollten brennen! Wie lange hat die Friedensnobelpreisträgerin EU ihr Mitgliedsland Griechenland allein gelassen? Nach dem Lockdown zerbrechen sich verdiente Psychologen den Kopf, wie sehr unsere gepamperten Kinder durch das halbe Jahr Auszeit Schaden nehmen. In den Lagern, auf den Schiffen, in der Wüste geht eine ganze Generation vor die Hunde!

Ich weiß auch nicht, wie es richtig geht. Aber so nicht! Warum dürfen nicht die mutigen Bürgermeister ihre leer stehenden Hallen wieder öffnen? Für mich gehören Sätze "Wir wollen mehr Demokratie wagen" und "Wir schaffen das" zum Besten, was Politik hervorbringen kann: Hoffnung, Selbstvertrauen, Zukunft. Was verteidigen wir an den Außengrenzen? Unsere Werte? Oder unsere Angst, dass da einige an unserem Wohlstand teilhaben möchten?

Gerlinde Gropper, Aschau/Chiemgau

© SZ vom 19.09.2020
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