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Mario Draghi:Die Sparer enteignet

Die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an den ehemaligen Chef der Europäischen Zentralbank stößt bei Lesern auf Kritik. Draghis Niedrigzinspolitik habe zwar die Finanzkrise abgemildert, aber Sparvermögen dezimiert.

Zu "Deutschland großen Dienst erwiesen" vom 1./2. Februar: Die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland an den ehemaligen EZB-Chef ist aus meiner Sicht und aus der meiner ganzen Familie, Freunde und Bekannten ein himmelschreiender Schlag gegen die "kleinen Leute" unseres Landes. Dieser Mann (Mario Draghi) hat mit seiner europäischen Zinspolitik die private Altersvorsorge meiner Generation (ich bin 89 Jahre alt) und auch der folgenden praktisch zerstört. Da die gesetzliche Altersrente im Normalfall nicht den gewohnten Lebensstandard im Alter sichert, hatten wir (also auch ich) mit Privatversicherungen und Sparverträgen zusätzlich vorgesorgt. Das war durch sparsames Haushalten und Verzicht während des Arbeitslebens-Abschnitts möglich. Durch die praktisch weggefallene Verzinsung des Kapitals wurde das Ziel des ausreichenden Lebensstandards im Alter zunichte gemacht. Wenn die Ehrung von Herrn Draghi aus Staaten gekommen wäre, die von dieser Zinspolitik profitierten, dann wäre es zu verstehen, aber nicht aus Deutschland.

Karlheiz Hesse, Emmering

Da das Großkreuz des Verdienstordens nicht vom Volk, sondern von der deutschen Politik (formal vom Bundespräsidenten) verliehen wird, hat Dottore Draghi die Auszeichnung zu Recht verliehen bekommen. Schließlich hat er mit seiner Niedrigzinspolitik die Bundesregierung in die Lage versetzt, ihre Bürger kalt zu enteignen, ohne dafür den Schwarzen Peter einzuheimsen.

Dr. Friedrich Leibbrandt, Kürten

Griechenland kam nur durch den Buchhaltungstrick in den Euro - mit Hilfe einer Beraterin von Goldman Sachs. Ihr Chef war Herr Draghi. Durch den Euro konnte sich Griechenland günstig Geld beschaffen. Daraus entstand das griechische Schuldendesaster. Die Politik entschied sich für die Staatsfinanzierung. Der Euro wackelte. Da war es natürlich richtig, auf der Höhe der Krise massiv Zentralbankgeld zur Verfügung zu stellen. Nur: Warum hat Draghi mit Geldfluten und Negativzins einfach immer weitergemacht? Da ging es doch wohl darum, den Politikern seines Landes ein bequemes Durchwursteln zu ermöglichen statt sich mit Reformen abmühen zu müssen. Auch hat er so sein Netzwerk in der Finanzindustrie bedient. Fonds konnten mit wackligen Staatsanleihen risikolos Geld verdienen und Wohnblocks und Firmen mit billigem Geld einkaufen.

Die Sparer dagegen hat Draghi enteignet, die Altersvorsorge über Lebensversicherung und Betriebsrente beschädigt. Daneben hat er für Blasen bei Aktien- und Immobilien gesorgt. Bei der nächsten Finanzkrise fehlen jetzt der EZB die Instrumente, um wirkungsvoll einzugreifen. Die Bundesregierung konnte lockerer regieren, weil sie beim Schuldendienst um Milliarden erleichtert wurde.

Jürgen Böhm, Kolbermoor

© SZ vom 05.03.2020

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