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Lufthansa:Ringen um den richtigen Weg

Die Fluggesellschaft musste wegen der Corona-Krise fast die gesamte Flotte stilllegen. Nun fordert sie Milliardenhilfen vom Staat. Einige Leser hoffen, dass damit eine Neuordnung der Branche einhergeht. Und: Müssen Inlandsflüge überhaupt noch sein?

Coronavirus - Lufthansa

Parkplatz Berlin-Schönefeld: Die Lufthansa musste wegen der Pandemie fast alle Flugzeuge stilllegen.

(Foto: dpa)

Zu "Es wird ernst" und "Testfall Lufthansa" vom 29. April sowie zu "Lufthansa in Not" vom 27. April

Neue Konstellationen fördern

Lufthansa in einem Schutzschirmverfahren, also einem "Edel-Konkursverfahren" ähnlich dem US-amerikanischen Chapter 11? Dazu reicht die Fantasie nicht aus; denn die Konsequenzen - nicht nur fürs Image der stolzen Lufthansa - gingen mehr als zu weit. Nein, LH-Chef Carsten Spohr benutzt dieses Drohszenario eher als Verhandlungspoker, um bei der notwendigen staatlichen Rettungsaktion in Höhe von circa zehn Milliarden Euro das Mitspracherecht des Bundes - wer zahlt, schafft auch an - möglichst klein zu halten. Bei den Kollegen der Air France will ja der Staat beim (oft überflüssigen, dank TGV) Inlandsverkehr jetzt schon erheblich einsparen.

Dabei wäre ein staatliches Anschieben zu neuen Konstellationen in der Luftfahrt vom Zeitpunkt her jetzt gar nicht schlecht. Condor hat zwar in den letzten Jahren so gerade schwarze Zahlen geschrieben, aber meines Wissens nur, weil sie mit ihrer Uralt-Langstreckenflotte von der Substanz gelebt haben und keine neuen, spritsparenden Flieger anschaffen konnte - mangels Cash. Die auf die 30 Lebensjahre zugehenden "Veteranenflieger" der Typen 767-400ER und 757-300 mit ihren teuren Wartungskosten müssten baldmöglichst durch zeitgemäße Maschinen abgelöst werden - und das wird teuer. Das Zusammengehen mit der polnischen LOT ist ja auch gescheitert.

Hier kommt jetzt die Lufthansa ins Spiel; denn sie hat auf absehbare Zeit mindestens 100, aber höchstwahrscheinlich noch weitaus mehr an Flugzeugen zu viel bei sich an Bord: Wie wäre es denn, wenn die Condor wieder unter das Dach der Lufthansa schlüpfte - war ja früher schon lange Jahre so. Condor könnte dann weitaus modernere, gebrauchte Flugzeuge der Lufthansa übernehmen (A 330-300, auch jetzt überflüssige Flugzeuge von den LH-Töchtern Swiss, AUA und Brussel), also eine Win-win-Geschichte bei der Flottenpolitik. Zudem gäbe es Synergien mit dem immer noch eher ungeliebten Lufthansa-Baby und Ferienflieger Eurowings. Das ebenso ungeliebte Lufthansa-Baby Germanwings ist ja gerade vom Markt genommen worden. Und das Kartellrecht? In diesen chaotischen Corona-Zeiten wird die EU wohl eher ein Auge zudrücken.

Der Bund sollte über seine erheblichen Finanzspritzen an Lufthansa, Condor und Tui aktiv die Neustrukturierung der deutschen Flugunternehmen gestalten. Nachdem "Air Berlin", "Hamburg Airways" und "Germania" vom Markt verschwunden sind, böte sich eine langfristig erfolgreiche Dreierkonstellation an: die Lufthansa als traditionell gesetztes internationales Luftfahrtunternehmen und die beiden konkurrierenden Ferienflieger Condor und Tuifly (oder wieder? die frühere Hapag-Lloyd). Die europäische Konkurrenz ist groß genug, um hier keine unerwünschten Monopole entstehen zu lassen.

Dipl. Kfm. Heinbert Janze, München

Pause für eine neue Vision nutzen

In der durch Corona ausgelösten Krise müssen wir alle umdenken. Ich bin selbst (noch) als Flugkapitän angestellt. Das jetzige Innehalten sollten Politik und Gesellschaft aufgreifen, um über die Bedingungen nachzudenken, zu denen Luftfahrt betrieben wird. Carsten Spohr errang als Visionär mit Premium-Fluggesellschaften eine ähnliche Spitzenstellung wie Herr Michael O'Leary von Ryanair im Billigsegment. Beide zeichnet eine unerbittliche Härte gegenüber ihrem Personal aus, sei es mit wechselnder Um- und Ausflottung bei Lufthansa oder mit ausbeuterischer Scheinselbständigkeit und steuervermeidender Leiharbeit bei Ryanair. Beide einigt das Drücken der Gehälter ihrer Arbeitnehmer, das Abschöpfen von öffentlichen Geldern für Bau und Betrieb der benötigten Infrastruktur und die Steuerfreiheit ihres Geschäftsmodells.

Ob es mit Lufthansa zum Golfen nach Dubai oder mit Ryanair für 19,99 Euro nach Antalya geht, die Herren Spohr und O'Leary wollen keine Steuern bezahlen für den Ausstoß von CO₂ und keine Mehrwertsteuer auf den Ticketpreis erheben lassen. Politiker und wir selbst sollten die Pause nutzen, um visionär und verantwortungsvoll zu handeln.

Klaus Siersch, München

Luftfahrtbranche jetzt stutzen

Jetzt wäre eine gute Gelegenheit, die Luftfahrtindustrie und generell die ganze Großindustrie auf ein vernünftiges Maß einzuschränken. Es ist schon peinlich, mit welcher Überheblichkeit und einfältiger Selbstsicherheit schwere Wirtschaftsbosse, die sich gestern mit ihren Unternehmen noch dumm und dämlich verdient haben, jetzt auftreten und mit allerlei Tricks Staatshilfen einfordern, von genau dem Staat, den sie sonst als Hindernis betrachten. Allgemein finde ich: Zu große private Kapitalkonzentrationen sind schädlich für eine Gesellschaft!

Friedhelm Buchenhorst, Grafing

Abschreibungen aussetzen

Man sollte alle Unternehmen, die durch Corona in Schieflage geraten, von den Abschreibungen im Jahr 2020 befreien. Steuerlich und handelsrechtlich. Das bringt zwar keine Liquidität, lässt aber die Ergebnisse nicht ins Bodenlose abstürzen (schont das Kapital). Die Abschreibungsfristen sind ohnehin oft ziemlich willkürlich.

Udo Westphal, Bargteheide

Kunden sollen Lufthansa retten

Lufthansa - ein Fall für den Staat?! Die Lufthansa hat 2018 über zehn Millionen Tonnen Kerosin verbrannt und damit weltweit knapp 65 Millionen Tonnen CO₂ freigesetzt. Die dadurch verursachten Klimawandel-Folgeschäden belaufen sich auf über fünf Milliarden Euro, wenn man den niedrigsten Preis von 80 Euro pro Tonne verwendet, den das Umweltbundesamt dafür ansetzt. Ist die Lufthansa für den Betrag aufgekommen? Natürlich nicht. Stattdessen will sie jetzt, da sie selbst Schaden erleidet - genauer gesagt: einen Einnahmeausfall - für eine Summe dieser Größenordnung den Staat in die Pflicht nehmen.

Ich schlage vor: Dieses Klimakatastrophen-Unternehmen möge sich von seinen Kunden retten lassen - es kann sie elektronisch erreichen, kennt ihre Zahlungswege. Knapp 144 Millionen Passagiere hat die Lufthansa 2018 befördert. All diese Menschen, die ihre Mobilität höher schätzen als die Abwendung der Klimakatastrophe, können jetzt mit 30 bis 40 Euro ihre Solidarität bezeugen - Crowdfunding nennt man das. Kommen die erforderlichen Summen nicht zustande, ist es mit der "Systemrelevanz" wohl doch nicht so weit her, und es bleibt nur ein Restunternehmen bestehen. Dem Klimaschutz wäre gedient.

Horst Wawrzyn, München

Wer zahlt, darf anschaffen

Dem ersten Teil des Kommentars "Testfall Lufthansa" von Herrn Busse ist zuzustimmen: Lufthansa scheint ohne Hilfe nicht überleben zu können, und die von Carsten Spohr in unverantwortlicher Weise angedrohte Insolvenz wäre in der Tat ein Schritt mit unkalkulierbaren Folgen, in erster Linie für die 130 000 Mitarbeiter von Europas größter Fluggesellschaft. Dem Unternehmen muss geholfen werden - vor allem auch im Hinblick darauf, dass die weltweite Konkurrenz längst massiv von den jeweiligen Heimatländern gesponsert wird.

Die Argumente allerdings, die Herr Busse gegen eine staatliche Beteiligung am Unternehmen anführt, teile ich gar nicht. Aussagen wie "Eine weitgehende Rückverstaatlichung ... ist der falsche Weg", "Der Staat ist nicht der bessere Unternehmer", "zu viel Staatseinfluss ... wäre nicht gut" mögen der persönlichen Ansicht des Verfassers entsprechen. Ein weniger kurzes Erinnerungsvermögen und ein ungetrübter Blick auf die Realität zeigen aber, dass beispielsweise die Unternehmen, die 2008 erst sich selbst und im Anschluss die gesamte Weltwirtschaft in der damaligen Finanzkrise an den Rand des Zusammenbruchs manövriert haben, sich nahezu ausnahmslos in privaten Händen befanden - eine überschaubare unternehmerische "Leistung", deren potenziell katastrophale Folgen nur durch Einsatz gewaltiger Steuersummen verhindert werden konnten.

Ein Ausdruck bringt eine kapitalistische Maxime sehr gut auf den Punkt: "Wer zahlt, schafft an!" Warum sollte der "Staat", will sagen die Gesamtheit der Steuerzahler, in erheblicher Höhe in ein Unternehmen mit unsicherer Perspektive investieren, ohne sich im Gegenzug wenigstens ein Mitspracherecht zu sichern? Da würde man doch zu Recht fehlendes unternehmerisches Denken bemängeln. Pragmatische Lösungen aus ideologischen Gründen abzulehnen, erscheint mir in der momentanen Lage in keiner Weise angemessen.

Hans Forstner, Eching

© SZ vom 05.05.2020

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