Krankenversicherung:Dringender Reformbedarf

Gesetzlich versus privat versichert - und dies ohne Wahlfreiheit. Dass die Zugehörigkeit meist am Gehalt hängt, empfinden viele als ungerecht. Einige Leser fordern Verbesserungen, manche wollen das System gleich ganz neu aufsetzen.

Arztpraxis

Blick ins Wartezimmer einer Hausarztpraxis, hier in Stuttgart: Mit der Pandemie stieg häufig der Beratungsbedarf von Patienten.

(Foto: dpa)

Zu "Massiver Fehler im System", 26. Juli:

Immer mehr privat zuzahlen

Gut geschildert, was sich zur Zeit abspielt in unserem Gesundheitssystem! Die Kluft wächst, und die rund zehn Prozent Privatversicherten genießen alle Privilegien, während die "Gesetzlichen" am besten gleich vorsorglich fürs Jahr Termine bei allen gängigen Fachärzten machen, denn, man weiß ja nie, und abgesagt ist schnell ... Bei der immer beliebter werdenden Reservierungsplattform Doctolib wird übrigens vielfach als Erstes nach der Art der Versicherung, nicht nach Grund oder Dringlichkeit des Besuchs gefragt. Hinzu kommt, dass gesetzlich Versicherte immer häufiger in Praxen damit konfrontiert werden, dass homöopathische Medikamente oder Verfahren zur Anwendung kommen und aus eigener Tasche bezahlt werden müssen. Seien es Globuli, homöopathische Arthrose-Spritzen oder pflanzliche Salben - beliebt ist das Argument, dass das ja besser sei als Chemie und dass man dafür ja wohl Geld aufbringen könne. Der eh meist in einer Notlage befindliche Patient willigt natürlich ein. Fragt sich oft nur, wer dabei verdient? Dazu kommt dann die große Zahl an IGeL-Leistungen, die zwar ärztlicherseits dringend empfohlen, aber von Kassen nicht bezahlt werden. Erinnert sei nur an Ultraschall der Eierstöcke, PSA-Test oder Knochendichtemessung (alles Eigenleistungen!).

Es ist einerseits eine Diskrepanz, dass in Deutschland Versicherungspflicht ohne größere Wahlmöglichkeiten (sieht man von Augen oder Zähnen ab) herrscht und man prinzipiell nicht selbst entscheiden kann, in welchem Umfang man versichert ist oder welche Eigenleistung man in Kauf nimmt. Andererseits scheint die Masse der gesetzlich Versicherten für manche Ärzte zunehmend zum lästigen "Zubrot" zu werden.

Dr. Margit Brinke, Augsburg

Verbessern statt beenden

Eine interessante Variante der Verelendungstheorie: allen soll es gleich schlecht gehen. Wie wäre es mit einer Verbesserung des bestehenden Systems? An den Mängeln der jetzigen Gesundheitsversorgung würde eine Bürgerversicherung wenig ändern: dem Ärztemangel insbesondere auf dem Land, der Ökonomisierung durch Privatisierung der Kliniken und damit der Auslieferung an Profitinteressen, der Abrechnung nach DRGs (Anm. der Redaktion: Diagnose-Gruppen), dem unsinnigen Nebeneinander ambulanter und stationärer Versorgung, der üppigen Alimentierung von Funktionären der Krankenversicherungen - und, ja, auch der Vollkaskomentalität vieler Patienten.

Immerhin erfahren Privatpatienten, welche Kosten sie verursachen, und haben durch eine Selbstbeteiligung den Anreiz, diese so gering wir möglich zu halten.(Wie wäre es mit einer Umstellung bei der gesetzlichen Versicherung auf ein Kostenerstattungssystem - mit Härtefallregelung.)

All das wird in dem Artikel nicht erwähnt, und die immer wieder behauptete Bevorzugung bei der Terminvergabe nach Befragung über die Art der Versicherung habe ich selbst nicht erlebt, und sie scheint mir ein schwacher Grund für eine Umstellung des Systems.

Jürgen Lenski, Eichstedt

PKV-Abschaffung schädigt alle

In einem Punkt muss man der Autorin recht geben: Wenn es kein duales System mehr gäbe, wäre eine Ungleichheit beseitigt. Allerdings hätte das Gesundheitssystem einige Probleme mehr: Mehr als 30 Prozent der gesamten Kosten des Gesundheitswesens werden von zehn Prozent Privatpatienten getragen. Es ist nicht zu erwarten, dass Kliniken und Arztpraxen diese Ausfälle kompensieren können. Einen Ausgleich kann man nur durch ein extrem kompliziertes Abrechnungssystem schaffen, das man nicht allen Ernstes wollen kann, weil es Unsummen an die Bürokratie verschwendet. Die Folge wäre ein Rückgang der ambulanten Versorgung, der zum Schaden aller Versicherten, nicht nur der Privatversicherten sein würde.

Termine würden dann natürlich noch rarer werden. Die wirklich Wohlhabenden würden sich in reinen Privatkliniken natürlich weiterversorgen lassen, sodass die Ungleichheit weiter zunähme. Die Hoffnung, dass durch den Wegfall von zehn Prozent Privatpatienten wesentlich schneller Termine für Untersuchung zur Verfügung stünden, ist schon rein mathematisch Unsinn. Am Ende sind alle gleich, aber eben alle schlechtergestellt. Das mag manchen gewisse Befriedigung geben, der Versorgung der Bevölkerung würde großer Schaden zugefügt.

Dr. Christoph Gepp, Darmstadt

Strafen für unzulässige Fragen

Der Irrsinn beginnt doch schon mit zig gesetzlichen Krankenkassen, deren Verwaltung Unsummen verschlingt. Auch müsste der Gesetzgeber unterbinden können, dass zum Beispiel auf Online-Terminformularen oder bei telefonischen Terminen überhaupt die Kassenzugehörigkeit abgefragt werden kann. Man stelle sich vor, dort stünde die Frage: "Sind Sie schwarz oder weiß?" Es gibt nur eine Frage: "Sind Sie versichert oder Selbstzahler?" Schon das wäre ein Anfang, der nichts kostet, gegen diese Diskriminierungen und Spaltungen der Gesellschaft. Wenn Praxen dagegen verstoßen, müsste hier zur Kasse gebeten werden.

Sonja Dubbke, Berlin

Steuerfinanzierung statt Beiträge

Ich argumentiere für die Einführung eines steuerfinanzierten Systems. Länder wie Schweden und Dänemark haben gute Erfahrungen damit gemacht. Neben dem von der Autorin aufgeführten Argument, Gesundheit als Menschenrecht stehe allen Menschen gleichermaßen zu, gibt es noch zahlreiche weitere Argumente für eine Reform. Die drei wichtigsten: Erstens ließe sich durch die Einrichtung einer zentralen Stelle und die Abschaffung der über 100 gesetzlichen Krankenkassen eine Menge Geld in den bürokratischen Doppelstrukturen einsparen. Zweitens ermöglicht es die Steuerfinanzierung, das Gesundheitssystem flexibel zu finanzieren: So könnten etwa spezielle Verbrauchssteuern auf gesundheitsschädliche Dinge wie Salz, Fett und Zucker (neben Alkohol, Tabak und Co.) nicht nur das System mitfinanzieren, sondern auch einen Anreiz zum sparsameren Konsum dieser "Genussmittel" setzen und somit der Krankheitsprävention und Kostenreduktion dienen. Und drittens gäbe es eine deutliche Umverteilung von Reich zu Arm, da Ärmere und die Mittelschicht weit weniger zahlen müssten als im bisherigen System, das kleine Einkommen bei den Krankenkassenbeiträgen überproportional belastet und die Sozialabgaben zu den wahren Steuern der Mehrheit der Leute macht.

Dr. Henning Kulbarsch, Oldenburg

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