Hubert Aiwanger:Impfskeptiker - Überzeugung oder Kalkül?

Lesezeit: 3 min

Der Chef der Freien Wähler erzeugt mit seiner Weigerung, sich gegen Corona impfen zu lassen, bundesweite Aufmerksamkeit. Manche mutmaßen, er wolle damit Wählerstimmen von rechts einfangen. Eine Leserin vermisst die Toleranz in der Debatte.

Hubert Aiwanger

Löst mit seiner Weigerung, sich gegen Corona impfen zu lassen, Unmut in Bayerns Regierung aus: Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger.

(Foto: dpa)

Zu "Impf und Schande" vom 30. Juli und "A bissl Sorge" vom 3. August:

Bayerisches Kabinettsstückchen

Gleichzeitig dafür und dagegen zu sein, diese Kunst hat die CSU zur Perfektion entwickelt. In Berlin mitzuregieren und in München gegen die Beschlüsse der Bundesregierung zu opponieren, ist gängige CSU-Praxis. Das Kabinettsstückchen, das die CSU-geführte Landesregierung nun aber in Bayern aufführt, ist bundesweit einmalig: Während Ministerpräsident Söder an die Bevölkerung appelliert, sich impfen zu lassen, vertritt sein Stellvertreter, Vizeministerpräsident Aiwanger von den Freien Wählern, als Impfverweigerer die Position "Abwarten".

Bei den Freien Wählern handelt es sich um eine Miniaturausgabe der CSU. Beide Parteien definieren sich als bodenständig und volksnah. Beide sind nahe am populistischen Wasser gebaut und berufen sich gerne auf den "gesunden Menschenverstand". Und in beiden Parteien haben die Vorsitzenden das alleinige Sagen.

Dass Söder und Aiwanger in einer zentralen gesellschaftspolitischen Frage einmal diametral entgegengesetzte Positionen einnehmen würden, war bei den Landtagswahlen 2018 nicht absehbar. Ob der Konflikt das Potenzial hat, die Koalition in München zu sprengen, hängt vom weiteren Verlauf der Pandemie ab. Kanzlerkandidat Armin Laschet dürfte das Treiben in Bayern mit stiller Genugtuung verfolgen.

Roland Sommer, Diedorf

AfD light mit allen Konsequenzen

Herr Aiwanger fischt in trüben Gewässern, und die scheinen eine braune Farbe zu haben. So wie es aussieht, ist es sein Kalkül, Stimmen von Querdenkern und Quertreibern und vom "bürgerlichen" Rand der AfD bei der Wahl im September einzuheimsen. Fragt sich, ob dies so aufgeht.

Aus seiner Sicht fehlen den Freien Wählern zwei Prozent, und das muss ja irgendwoher kommen. Dadurch wird aber aus den Freien Wählern eine AfD light mit allen Konsequenzen. Fragt man Ärzte, dann ist eine Impfung weitgehend ungefährlich und schützt effektiv.

Wir befinden uns im Jahre des Herrn 2021. In den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden Kinder gegen Kinderlähmung geimpft. Dabei gab es ernst zu nehmende Risiken. Trotzdem war die Impfung ohne Alternative, die - Mediziner wissen es vermeintlich besser - bei mehr als 98 Prozent der Geimpften positiv war.

Heute ist die Kinderlähmung eine Erkrankung, gegen die man rechtzeitig ohne größere Diskussionen impft. Das Vorgehen des stellvertretenden bayerischen Ministerpräsidenten ist für mich durchaus vergleichbar mit einer Körperverletzung und mangelnder Fürsorge.

Klaus Holzschuher, Hof/Saale

Wo bleibt die Toleranz?

Nein, ich bin keine Querdenkerin, keine Impfverweigerin und auch ganz bestimmt keine Anhängerin des "Sankt Ungeimpft aus Niederbayern", Hubert Aiwanger. Als vollständig geimpfte niederbayerische Mutter und Lehrerin will ich mich aber auch nicht zu denjenigen gesellen, die in zunehmend aggressiver Manier erbost mit dem Finger auf die trägen, dummen, egoistischen Impfgegner zeigen (so sagte sinngemäß Leopoldina-Mitglied Armin Falk vergangene Woche), die Freiheit und Gesundheit der Allgemeinheit gefährden.

Toleranz ist offenbar auch in den gebildetsten Kreisen unserer Gesellschaft nicht mehr in Mode. Ich neige dazu, mich weder zu diesem noch zu jenem Lager zu gesellen. Ich habe Freunde und Verwandte, die sich aus verschiedenen Gründen nicht impfen lassen wollen, und ob Sie's glauben oder nicht - wir reden noch miteinander. Sogar über Corona. Es mangelt nicht mehr an Impfstoff, aber an Toleranz.

Evi Kern, Mitterteich

Propaganda für Wählerstimmen

Ich glaube, dass Herr Aiwanger der SZ in "Impf und Schande" einen gewaltigen Bären aufbindet. Sie unterschätzen den strategischen Aspekt dieses "Naturburschen". Selbst anerkannte Wahlforscher sagen: Die Freien Wähler liegen zwar im Moment nur bei gut drei Prozent der Wählerstimmen, aber die Partei hat nach wie vor die Chance, auf die fünf Prozent zu klettern. Und da macht doch der Chef dieser Truppe aus propagandistischer Sicht alles richtig. Er zieht bundesweit und darüber hinaus im deutschsprachigen Raum die geballte Aufmerksamkeit auf sich. Die " Tagesthemen " über ihn und seine "Impfrolle" füllen, so auch in der SZ, die Gazetten und das laue Sommerloch. Also, liebe Leut, ihr seid auf dem besten Weg, die Freien Wähler in den Bundestag zu hieven. Dem "Dauertrostlosundundallesistfurchtbarland" Deutschland kann das nur guttun.

Dr. Detlef Rilling, Scharbeutz

Ein Bärendienst an den Bürgern

Nein, Herr Aiwanger, Impfen ist nicht Privatsache! Sie schützen damit alle, die nicht geimpft werden können, Kinder oder immunschwache Patienten. Nein, Herr Aiwanger, Impfreaktionen sind nicht "Nebenwirkungen", sie sind ein günstiges Zeichen dafür, dass der Organismus Antikörper bildet. Nebenwirkungen treten selten auf, schwere Nebenwirkungen nur in einer Häufigkeit von etwa 1:100 000 bis 1:10 000 000. Hören Sie auf, sich als Schutzheiliger der Querdenker und Impfverweigerer zu inszenieren! Sie erweisen uns Bürgern einen Bärendienst und machen Ihre bayerische Heimat lächerlich.

Dr. med. Dietrich Loos, München

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