bedeckt München 30°

Hochsensibilität:Empfindsam sein ist keine Krankheit

Zwei Leserinnen erklären anhand von Symptomen und Beispielen genau, worin sich hochsensible Menschen von anderen unterscheiden und wie sie diese Gabe auch für die Allgemeinheit nutzen können.

Zu "Alles auf Empfang", 7./8. Dezember: Ich bin überhaupt nicht damit einverstanden, mit welcher Skepsis - in meinen Augen und Ohren sogar fast Arroganz - in diesem Artikel dem Phänomen Hochsensibilität begegnet wird. Ich kann Viola Schenz versichern, dass es mehr als überfällig war, dass sich seit 1997 Forscher und Autoren endlich mit diesem Thema beschäftigen - und für viele Menschen sich dadurch offenbaren konnte, was sie eigentlich so sehr von "allen anderen" unterscheidet und warum das Leben in dieser unserer Welt einfach so laut, so anstrengend, so nervenaufreibend ist - was übrigens leider auch oft gesundheitliche Schäden nach sich zieht.

Eva Boerboom, München

Erstens ist Hochsensibilität keine selbst gewählte Feinfühligkeit, die sich Menschen wie eine Allüre einbilden und dann immer weiter ausdifferenzieren, sondern sie lässt sich im Nervensystem, also wissenschaftlich im Gehirn, messen - die Vernetzung der Synapsen ist enger, feiner entwickelt als bei robusteren Menschen. Zweitens ist es unsinnig und nicht in Ordnung Borderline, ADHS und Burnout mit Hochsensibilität in einem Text zu nennen und das als Modeerscheinung zu bezweifeln - der Kontext ist nicht korrekt, Hochsensibilität ist keine psychische Erkrankung.

Drittens drückt sich Hochsensibilität sehr vielfältig aus: Da ist das starke Wahrnehmen mit dem Gehör - zum Beispiel, dass die Heizung fünf Geschosse tiefer im Keller nicht "im gewohnten Rhythmus" läuft (was sich später als Mangel an Öl herausstellen wird); da ist der stark entwickelte Geruchssinn, der warnt, dass Gas in einer Wohnung ausströmt (was die Feuerwehr daraufhin bestätigen kann); da ist das Gespür für Luftzug/Kälte/Wärme, das schneller anspringt, als bei anderen, und somit vor Erkältung warnt, etc. Es ist eine Gabe, mit so einem engmaschigen Nervensystem ausgestattet zu sein, wo die allermeisten Menschen ihres schon längst durch Kopfhörer, ständiges Smartphoneberieseln sowie durch Abschottungshaltungen selbst abgestumpft haben. Und wer schon oben an der U-Bahn spürt, welche Richtung die einfahrende Bahn unten nimmt, also spürt ohne zu sehen, hat klar Vorteile im Großstadttrubel! Hochsensibilität ist eine spezifische Ausstattung, die man ein Leben lang sinnvoll nutzen kann, für sich und andere, die weniger sensitiv sind.

Nicola Schmid, München

© SZ vom 16.12.2019

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite