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Gleichberechtigung:Es fehlt noch einiges

Ein Samstags-Essay zu den Fortschritten bei der Frauenförderung war einigen Lesern zu optimistisch. Ein Schreiber regt eine neue Politik an, bei der die Bedürfnisse der Unternehmen mehr im Vordergrund stehen sollten.

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Kind und Karriere geht auch heute für Frauen oft nicht gut: Mal fehlen Kitaplätze, mal die Aufstiegschancen.Illustration: imago/science Photo Library

(Foto: imago/Science Photo Library)

Zu " Von Männern und Frauen" vom 8./9./10. Juni und " Vom Recht auf Arbeit" vom 10. Mai:

Aus Firmensicht denken

Aus meiner Sicht bleibt auch der Kommentar von Alexander Hagelüken zum "Recht auf Arbeit" auf halbem Wege stecken. Ich sehe viele Frauen, die mit dem althergebrachten Rollenbild sehr zufrieden sind. Ich stimme mit dem Autor insofern überein, dass die Politik für Gleichberechtigung sorgen muss. Das bedeutet aber, Männer und Frauen gleichermaßen in die Pflicht zu nehmen. Aus Sicht eines Unternehmens ist es derzeit so, dass eine Frau inklusive Schwangerschaft und Elternzeit statistisch sehr viel länger ausfällt als ein Mann. Der Ausfall von Mitarbeitern - insbesondere in verantwortlicher (und gut bezahlter) Position - tut einem Unternehmen weh. Daher ist es häufig kein Chauvinismus, sondern Egoismus, wenn bei gleicher Qualifikation junge Männer bevorzugt werden. Hier sollte die Politik ansetzen: Man könnte die Elternzeit so organisieren, dass die gesamte Ausfallzeit von Männern und Frauen durch Schwangerschaft beziehungsweise der Erziehung von Kleinkinder annähernd gleich bleibt. Zudem wäre aus meiner Sicht zwingend erforderlich, dass sich die Elternzeit von Männern und Frauen nicht überschneidet.

Warum bezahlt die Gesellschaft Urlaub der gesamten Familie (den viele junge Familien in der Elternzeit der Männer verbringen)? Vielmehr sollte die Elternzeit der Väter dazu genutzt werden, dass die Frauen zu Hause den Rücken frei haben um nach der Schwangerschaft im Beruf wieder durchstarten zu können - das zu finanzieren wäre aus meiner Sicht wirklich eine gesellschaftliche Aufgabe. Ein weiterer Grund wäre, dass die Männer den täglichen Mist zu Hause machen müssten und sicher auch anschließend dafür mit verantwortlich wären.

Eine private Anmerkung: Als Vater von fünf Töchtern habe ich es mir bezüglich der häuslichen Arbeit "bequem" gemacht. Aber mir ist wichtig, dass meine Töchter auch in einer Familie finanziell unabhängig bleiben, gerne mit etwas staatlichem Nachdruck.

Dr. Andreas Spiegl, Murnau

Meist nur ein paar Alibi-Frauen

Es ist sehr zu begrüßen, wenn die Situation der Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Arbeitswelt, in Politik, in der Gesellschaft allgemein so sein wird wie sie in diesem Essay beschrieben wird. Tatsache ist allerdings, dass diese Art von Prognosen seit vielen Jahren gemacht werden. Geändert hat sich bisher so gut wie nichts.

Es gibt einige Alibi-Frauen an der Spitze von Politik und Wirtschaft, die jedoch häufig über eine Quotenregelung oder durch Familienerbe in diese Positionen gelangten, oder weil für diesen Job gerade kein Mann zur Verfügung stand, der den Job machen wollte (dann lag die Sache schon sehr im Argen). Die Quotenregelung ist weiterhin notwendig, um Frauen zu bestimmten Jobs und Spitzenpositionen zu ermutigen - auch wenn sie von Wirtschaft und vielen Teilen der Politik abgelehnt wird. Dass die freiwillige Selbstverpflichtung in der Wirtschaft generell zu nichts führt außer zu beruhigenden Versprechungen ist inzwischen hinlänglich bekannt.

Ein großer Schritt für die Gleichberechtigung in der Arbeitswelt wäre, die dramatisch schlechte Berufssituation junger Mütter zu verbessern (meistens sind es die Mütter, die mit dem Baby erst mal zu Hause bleiben). Die Situation der verfügbaren Kita-Plätze ist katastrophal, vor allem in den Großstädten. Betreut eine Mutter ihr Kind bis zum Kindergartenalter zu Hause, drohen ihr erhebliche Nachteile beim Wiedereinstieg in den Beruf, einschließlich verminderter Karrierechancen. Von der Rentenlücke für später ganz zu schweigen.

Eine Gesellschaft verzichtet zudem auf eine Generation gut ausgebildeter junger Frauen in der Berufswelt. Das ist ein Skandal, den es allerdings auch schon vor 30 Jahren gab bei den damaligen Müttern.

Gabriele Lauterbach-Otto, Überlingen

Dauert noch - 83 Jahre

"Die Gleichberechtigung kommt schneller als viele ahnen." Das ist das Fazit von Marc Beise in seinem Essay zu "Männern und Frauen". Ich muss mich fragen, wie er darauf kommt? Das Gegenteil ist doch der Fall. Beise behauptet, in vielen Kabinetten herrsche Parität. Dabei gibt es kein einziges Kabinett in Deutschland, in dem Parität herrscht. Kein einziges.

Die Frauenquote im Bundestag beträgt 31,3 Prozent und ist damit um sechs Prozent seit der letzten Wahl gesunken. Die Frauenquote im Bayerischen Landtag beträgt 26,8 Prozent. Die Kommunalpolitik in Bayern ist noch mehr von Männer dominiert. Nicht mal jedes zehnte Rathaus wird von einer Frau geleitet. Noch weniger Frauen haben auf Landkreisebene das Sagen. 66 Landräten stehen gerade mal fünf Landrätinnen gegenüber.

Weiter behauptet der Autor, in vielen Parteien gibt es Frauen- und Männerquoten. Die CDU hat eine Kann-Quote von 30 Prozent. Bravo kann man da nur rufen! Die SPD hat eine verbindliche Quote von 40 Prozent - auch keine Parität. Lediglich die Grünen und die Linken haben eine verbindliche 50:50-Regelung für die Besetzung von Posten. Weiter schreibt Beise, dass bei den kleinen Parteien die Doppelspitze zur Normalität wird. Nach den letzten Umfragen rangieren die Grünen auf Platz 1 oder mindestens auf Platz 2. Diesbezüglich von kleinen Parteien zu schreiben, wirkt genauso aus der Zeit gefallen, wie die Behauptung, die Gleichberechtigung schreite schneller voran als viele ahnen.

Wer meint, nur weil an Deutschlands Spitze eine Frau steht, sei die Gleichberechtigung in der Politik vollzogen, täuscht sich. 2016 hatten Experten errechnet, dass es noch 83 Jahre dauern würde, bis Männer und Frauen die gleichen Chancen hätten, wenn sich die Verbesserungen in dem Tempo vollzögen wie bisher. Vielleicht meinte der Autor, im Gesamtkontext der Menschheitsgeschichte seien 83 Jahre nichts. Das wäre die einzig nachvollziehbare Erkenntnis.

Susanne Günther, Freising