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Fleischindustrie:Risiko und Nebenwirkung "moderner Sklaverei"

Nach den vielen Corona-Fällen bei Werksmitarbeitern fleischverarbeitender Großbetriebe in Deutschland fordern Leser die Politik auf, endlich Standards durchzusetzen, die prekäre Arbeitsverhältnisse in der Branche eindämmen.

Corona bei Westfleisch: Nach positiven Virustests bei vielen Werksarbeitern musste die Firma vorübergehend schließen.

(Foto: AFP)

Zu "Billig geht gar nicht" und "Unter aller Sau" vom 19. Mai, zu "Der Preis, den andere zahlen" vom 13. Mai, "Am Haken" vom 12. Mai sowie zu "Ausgenommen" und "Knallhartes Geschäft", beide vom 11. Mai:

Politik will Standards nicht setzen

Das Wirtschaftsmodell der Fleischindustrie veranschaulicht, wie heute in Deutschland EU und Globalisierung funktionieren. Die billigen Arbeitskräfte aus Osteuropa machen einen der vielen Jobs, für die sich in Deutschland kaum noch Arbeitnehmer finden, ermöglicht durch die Freizügigkeit in der EU. Zugleich ist die Politik nicht willens, hierzulande Standards der Viehhaltung durchzusetzen, die man wenigstens ansatzweise als Tierschutz bezeichnen könnte. So schafft es Deutschland, in der Fleischproduktion preislich viele andere Länder zu unterbieten. Dass sich ein Politiker wie Herr Laumann jetzt hinstellt und den Empörten spielt, ist an Dreistigkeit kaum zu überbieten.

Volker Eckert, Essen

Ausbeuterische Verhältnisse

Die für die Schlachthöfe und Fleischbetriebe festgestellten ausbeuterischen Arbeitsbedingungen für osteuropäische EU-Arbeitnehmerinnen und -Arbeitnehmer gelten in gleicher oder leicht abgewandelter Form auch für andere Bereiche unserer reichen Volkswirtschaft. Die Ernte- und Saisonarbeiter für die Landwirtschaft sind freudig begrüßt worden, die Pflegekräfte sichern die häusliche Altenpflege, Sub- und Subsubunternehmen in der Bauwirtschaft sind normal etc. Allen gemeinsam ist, dass sie zu geringeren Löhnen arbeiten als heimische Arbeitskräfte und damit die Kosten sinken und die Profite steigen.

Die Aufsicht über die Arbeits- und Unterbringungsbedingungen obliegen den Landesregierungen und den Gesundheitsämtern, die jetzt auch die Verantwortung für die Bewältigung der Corona-Pandemie übernehmen wollen. Wie reagiert das Kreisgesundheitsamt auf mangelhafte Unterbringung der Arbeitnehmer, wenn das Unternehmen bei strengeren Vorgaben mit Abwanderung droht? Wie oft wird kontrolliert, ob die Arbeits- und Hygienebedingungen eingehalten werden, wenn doch jetzt die zusätzlichen Corona-Aufgaben erbracht werden müssen und man sich doch eigentlich kennt und schon lange vertrauensvoll zusammenarbeitet? Manchmal ist Nähe auch problematisch!

Johannes Lakes, Oberhausen

Wahre Angst gilt der Ansteckung

Wir haben wieder einmal einen (Lebensmittel-)Skandal, und auch dieser wird bald, spätestens nach Corona, wieder vergessen sein. Das Entsetzen aktuell ist groß über die Enthüllungen der Zustände in vielen Lebensmittelbetrieben. Wer hätte denn so etwas für möglich gehalten bei uns in Deutschland? Moderne Sklaverei? Die Angestellten werden ähnlich wie die Tiere in "Käfighaltung" untergebracht?

Aber gilt unsere Aufregung wirklich den Menschen und nicht eher der Angst, dass wir uns eventuell durch das Fleisch infizieren könnten oder dass die Fallzahlen so stark ansteigen, dass eine ganze Region wieder in Quarantäne muss?

Und wie kann es sein, dass so viele Konsumenten sich keine Gedanken darüber machen, dass ein Schnitzel mit Pommes im Möbelhaus 4,95 Euro kostet? Oder ist es ihnen einfach "wurscht", wortwörtlich? Die Bild-Zeitung empört sich nun darüber, dass die Grünen "unser Fleisch" teurer machen wollen. Ist das der richtige Anlass, um sich aufzuregen? Haben wir Deutsche ein Menschenrecht darauf, tagtäglich billiges, minderwertiges Fleisch zu essen, ohne Rücksicht auf Tier- und Menschenwohl? Müssen wir uns erpressen lassen von der Lebensmittelindustrie, die damit droht, gegebenenfalls ihre Standorte zu wechseln?

Traurig ist, dass dieser Skandal hier kein Einzelfall ist, es geht weiter bei den Erntehelfern, dem ausländischen Pflegepersonal, den Bauarbeitern in ihren "Wohn"-Containern. Nur eine Frage der Zeit, bis auch auf den Baustellen die Infektion ausbricht.

Cornelia Priller, München

Heucheln und Verdrängen

Jede Politsendung in ARD und ZDF hat in den vergangenen Jahren ein oder mehrmals über die katastrophalen Bedingungen für Arbeiter in den Fleischfabriken der Republik berichtet. Reaktion der Politik: Erstaunen, Erschrecken, Leugnung, Verdrängung. Geändert hat sich in all den Jahren nichts. Nun wird durch Corona-Infektionen die wahre Situation erbarmungslos aufgedeckt. Jetzt ist das Erstaunen groß. Man habe von nichts gewusst! Die Heuchelei wird sich meines Erachtens fortsetzen, und es wird auch weiterhin nichts geschehen.

Marcus Schlüter, Weil im Schönbuch

Leben im Einklang mit der Natur

Was soll die provozierende Überschrift "Billig geht gar nicht" in der Überschrift eines Kommentars von Frau von Bullion? Ist es ökologisch vertretbar, dass ein Pfund Gehacktes preiswerter ist als ein Pfund Tomaten? Ist es sinnvoll, dass 50 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in Deutschland für Futtermittel benötigt werden und zusätzlich noch riesige Mengen Soja zu Lasten des Regenwaldes aus Südamerika importiert werden? Ist es wirtschaftlich klug, dass es in der Fleischindustrie kaum eine Stammbelegschaft gibt, sondern überwiegend Werkverträge mit miserablen Bedingungen? Ich denke, ein ruhiges und vorurteilsfreies Nachdenken über unsere Ernährungssituation würde Wege aufzeigen, wie besser im Einklang mit Natur und Menschenrechten zu leben ist.

Hans Walter Schmitt, Kassel

Aussitzen hilft nichts

Ebenso wie der Klimawandel steht auch die Fleischindustrie im Fokus von Wirtschaft und Politik. Und das seit Jahrzehnten! Eine Schieflage ist klar erkennbar. Indes die Probleme werden ignoriert oder halbherzig angegangen. "Aussitzen" heißt die Devise. "Was ich nicht sehen will, blende ich aus." Dabei ist sicher, das wird uns schon sehr bald auf die Füße fallen und teuer zu stehen kommen, in vielerlei Hinsicht.

Antonie Hoenig, Unterschleißheim

Zustände der 50er-Jahre

Ich "bedaure" fast, dass das Coronavirus nicht schon in den Fünfzigerjahren aufgetreten ist, denn dann wären schon damals einige Missstände in Metzgereien und woanders ans Tageslicht gekommen. Ich kann aus eigener Erfahrung sprechen, die ich als Metzgerlehrling in den Fünfzigerjahren gemacht habe. Wir waren zu sechst auf einem Zimmer mit etwa 20 Quadratmeter Wohnfläche, einem Waschbecken und auf Stockbetten verteilt, von Arbeitszeiten gar nicht zu sprechen. Schläge waren an der Tagesordnung.

Oskar Bauer, Wörthsee

Gedeihlicher Saustall fürs Virus

"Unter aller Sau" zu titeln, ist eigentlich unter aller Sau für die SZ. Unter aller Sau ist eher Bildsprache. Gleichwohl passt die Wortwahl zum Thema, wobei nicht die Sau die Sauerei macht, sondern der Sauhalter: Sauhalter halten Arbeiter wie Säue, und das Coronavirus freut sich wie die Sau im Saustall. Sauber geht anders! Ihr (Un-)Saubermänner!

Harald Dupont, Ettringen

© SZ vom 28.05.2020
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