Fassadenbilder:Bunt am Bau

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Fassadenbilder Halle

Anschluss zum Himmel: Die Hallesche Wohnungsgesellschaft ließ mehrere elfstöckige Gebäude bemalen. Das Projekt sorgte international für Aufsehen.

(Foto: Stefan Retzlaff)

Wandbilder an großen Mietshäusern können die Zufriedenheit der Bewohner erhöhen. Für die Vermieter haben die Kunstwerke sogar noch andere Vorteile.

Von Joachim Göres

Ein grauer Giebel ist nun ein blauer Himmel, jeden Tag. Dazu eine 20 Meter hohe Blume, die aus einer kargen Felsenlandschaft herauswächst - dieses Bild hat der Berliner Künstler Mocx Dabbert im vergangenen Jahr auf einer Hauswand geschaffen. Die Natur lässt sich nicht unterkriegen, so könnte man die Botschaft deuten. Insgesamt haben Kunstschaffende beim Street-Art-Festival "Hola Utopia" in Hannover sechs vormals triste Hausfassaden in sogenannte Murals verwandelt, in großformatige Wandbilder.

Vor der Umgestaltung der Fassaden wurden in Workshops, bei denen jeder und jede Interessierte mitmachen konnte, Ideen gesammelt, etwa zu den Themen Kinderrechte, Umweltzerstörung oder Diversität. "Die Künstler haben eine dieser Ideen aufgenommen, bei der Umsetzung waren sie frei in ihrer Entscheidung", sagt Jascha Müller, einer der Festivalorganisatoren. Auf der Giebelfront an einem Spielplatz hat ein Künstlertrio beispielsweise mit Spraydose, Pinsel und Malerrolle einen Jungen gemalt, der in der einen Hand eine Rohrzange und in der anderen einen Vogelkäfig hält. Mit der Zange hat er die Gitter so verbogen, dass die Vögel ausfliegen konnten - das Wandbild ist ein Lob der Freiheit.

Hola Utopia 2020 Hannover

Farbe statt grauer Hauswand: ein Künstler beim Street-Art-Festival "Hola Utopia" in Hannover.

(Foto: Julian Rausche/Rebel Media)

Auf einem XXL-Bild der Künstlerin Etaja feiern verschiedene Tierarten die Hochzeit eines Vogels mit einem Reptil. "Ich will die Vielfalt der Welt zeigen, an der jeder teilhaben können soll", sagt Etaja. Das Gebäude, auf das sie ihr Bild gesprüht hat, gehört dem kommunalen Wohnungsunternehmen Hanova. "Wir haben die große Wand gerne für das Festival zur Verfügung gestellt. Es gab nur positive Reaktionen", sagt Hanova-Sprecher Frank Ermlich und fügt hinzu: "Mehr Farbe im Stadtbild kann eine positive Wirkung haben." Bei dem Bildmotiv habe man keine Vorgaben gemacht.

Auch der größte Vermieter in Halle/Saale, die Hallesche Wohnungsgesellschaft, setzt auf künstlerische Gestaltung. Das Unternehmen wurde vor zwei Jahren international bekannt, als es mehrere elfstöckige Gebäude mit einer Fläche von mehr als 8000 Quadratmetern bemalen ließ. Auf den Fassaden finden sich Motive aus Natur und Wissenschaft. Ein helles Blau an den oberen Stockwerken schafft zwischen den riesigen Plattenbauten und dem Himmel eine Verbindung - die Illusionsmalerei erweckt den Eindruck, als ob man durch die Gebäude blicken könnte.

Hola Utopia 2020 Hannover

Großflächige Fassadengestaltung in Hannover.

(Foto: Julian Rausche/Rebel Media)

Doch die bunten Fassaden sind nicht nur schön, sie können auch nützlich sein. "Eine Umfrage zeigte, dass sich die Bewohner von den Blöcken erschlagen fühlten. Wir betonen die Sichtachsen, lenken den Blick auf bestimmte Punkte und tragen so zu einer besseren Orientierung bei", sagt Danilo Halle von der halleschen Freiraumgalerie, der auch einige Mieter auf der Fassade verewigt hat. Die Künstler der Freiraumgalerie hatten bereits nach der Wende an einst leer stehenden Gebäuden imposante Fassadenkunst geschaffen und damit zum Erhalt der Häuser beigetragen.

Die nicht unerheblichen Kosten für die künstlerische Gestaltung in der Voßstraße wurden von der HWG übernommen. Warum der ganze Aufwand? "Das ist eine große Anlage, in der die Menschen weitgehend anonym wohnen. Durch das Projekt kamen viele Mieter miteinander ins Gespräch, sie identifizieren sich mit ihrer Wohngegend stärker, die Fluktuation ist geringer geworden", sagt HWG-Sprecher Steffen Schier.

Manchmal lassen Vermieter Gebäude auch einfach künstlerisch gestalten, um illegale Graffitisprayer abzuschrecken. Dabei gilt: Je größer das Fassadenbild, umso eher wird es von Sprayern akzeptiert. "Ein Graffitischutz ist bei unseren Malereien nicht mehr nötig. Wir verzichten auch darauf, weil der Schutz zu einem Glanzeffekt führt, den wir nicht wollen", sagt Andreas Wunderlich. Er ist Geschäftsführer in dem Berliner Familienunternehmen Creative Stadt, das Konzepte für die Verschönerung von Fassaden durch Wandbilder erstellt und Künstler mit der Umsetzung beauftragt. Einer der ersten Aufträge war die Wandgestaltung an einem Plattenbau in Berlin-Hellersdorf, die graue Fassade wurde durch Bemalung in ein Gründerzeit-Ambiente verwandelt. "In den 90er-Jahren hatten Wohnungsgesellschaften mit Leerstand und hoher Fluktuation zu kämpfen, Hellersdorf hatte durch soziale Probleme ein schlechtes Image. Nach der Umgestaltung waren die Gebäude plötzlich Fotomotiv, die Bewohner haben sich mehr um ihr Umfeld gekümmert", sagt Wunderlich.

"Durch die Fassadenkunst ließen sich die Wohnungen besser verkaufen."

Solche Aufträge von Wohnungsunternehmen sind seltener geworden - in Berlin und anderen Großstädten gibt es praktisch keinen Leerstand mehr. Dafür melden sich zunehmend Verkäufer von Eigentumswohnungen bei Wunderlich: "In der Nähe vom Ku'damm sind exklusive Wohnungen entstanden, mit Blick auf alte hässliche Brandwände. Wir bekamen den Auftrag, vom Eigentümer die Erlaubnis zur Bemalung der Brandwände einzuholen und für eine schönere Gestaltung zu sorgen. Durch die Fassadenkunst ließen sich die Wohnungen besser verkaufen."

Für Creative Stadt arbeiten Spezialisten, die sonst Film- oder Theaterkulissen gestalten oder Gemälde schaffen. Sie malen nach Entwürfen, die Wunderlich mit den Auftraggebern oder den Bewohnern entwickelt. In Waren in Mecklenburg verwandelten die Künstler triste Wohngebäude aus den 60er-Jahren in der Innenstadt in vermeintliche Läden - die Fassade im Erdgeschoss scheint aus einem großen Schaufenster mit Anglerzubehör zu bestehen, in großen Buchstaben steht "Seglerladen" darüber. Tatsächlich handelt es sich dabei um Illusionsmalerei, sodass das Wohnhaus inmitten von historischen Geschäftsgebäuden nicht mehr negativ auffällt. "Wir entscheiden uns für Motive, die möglichst einen konkreten Bezug zur jeweiligen Umgebung haben. Der Seglerladen knüpft an die Lage von Waren an der Müritz an. Wir wählen dabei immer gegenständliche Objekte aus, denn mit abstrakter Malerei können die meisten Menschen nicht viel anfangen", sagt Wunderlich.

Eine Aussage, die Julian Fricke indirekt bestätigt. "Eine Sonnenblume an einer Wand verkauft sich immer besser als schwarze Striche mit gelben Punkten. Wir müssen schon einiges dafür tun, um Interessierte von unseren Konzepten zu überzeugen", sagt der Maler aus Hamburg. Er hat zusammen mit Daniel Wunn Kunst im niederländischen Enschede studiert. Die beiden jungen Männer leben überwiegend von abstrakten Wandbildern im öffentlichen Raum. Vor Kurzem haben sie auf einer Ortsratssitzung in Celle ihre Pläne für die Gestaltung des Bahnhofshinterausgangs vorgestellt, der derzeit von einer großen grauen Betonstützwand dominiert wird. Die Künstler nehmen in ihren Entwürfen die Farben Magenta, Gelb, Rot und Blau auf, in denen in Celle jeweils ein Bahnsteig gestaltet ist.

Die Lokalpolitiker freuen sich über die Ideen - und wurden zurückhaltender, als sie hörten, dass das Ganze 16 000 Euro kosten soll, wobei Fricke und Wunn aus eigener Initiative von dieser Summe schon 6000 Euro bei Sponsoren aufgetrieben haben. "Wenn wir den Auftrag bekommen sollten, wären wir zu fünft bis zu zwei Wochen mit den Arbeiten beschäftigt, müssten uns um Übernachtung, Farbe und Gerüst kümmern, würden alles per Foto und Video dokumentieren. Wir werden dabei nicht reich, sondern sind zufrieden, wenn wir unser Essen und unser Atelier bezahlen können", betont Wunn. "Wir merken, dass in Zeiten von Corona noch mehr aufs Geld geschaut wird und eine Entscheidung länger als sonst dauert", ergänzt Fricke. Die Zeit drängt: Die Saison für die Wandmalerei beginnt wetterbedingt etwa Mitte Mai und endet im September, in der übrigen Zeit arbeiten die beiden im Atelier an ihren Leinwandbildern.

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