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Essen:Wenn Verteilung zum Kampf wird

Die Essener Tafel schließt Ausländer von der Verteilung von Lebensmitteln aus und wird dafür von Politikern gescholten. Leserinnen und Leser empört das sehr. Sie zeihen Politiker der Ignoranz gegenüber der wachsenden Ungleichheit.

Unterschicht ipad

SZ-Zeichnung: Denis Metz

"Die helfen uns, und dann sollen sie Nazis sein" vom 27. Februar sowie "Dafür ist mein Kopp zu klein" und "Eine Schande" vom 24./25. Februar:

Bedürftig sind sie alle

Die Debatte um die Essener Tafel bietet der AfD eine Steilvorlage, denn wieder einmal bekommen die Flüchtlinge den Schwarzen Peter zugeschoben, wenn Gedränge vor den Tafeln entsteht. Die Frage, ob nur der deutsche Personalausweis den Zugang zur Tafel bieten soll, geht am eigentlichen Problem vorbei. Denn wieso soll ein Ausweis darüber entscheiden, wenn Hunderttausende am Monatsende nicht wissen, wie sie über die Runden kommen? Bedürftigkeit hat keine Nationalität. Wieso leisten wir uns in einem der reichsten Länder der Welt wachsende Kinderarmut, viel zu niedrige Mindestlöhne, Armutsrenten und überlassen die Unterversorgung von Hunderttausenden einem Heer von Ehrenamtlichen, die sich in überfüllten Tafeln redlich abmühen? Millionen Bürger sind frustriert von dieser Politik. In ihrem Frust verfallen sie unter anderem der Propaganda einer AfD, die als Alternative lediglich ein Feindbild anbietet - die Flüchtlinge. Doch nicht die sind das Problem, die unseren Sozialstaat ruinieren, sondern die Ignoranz der Politik gegenüber dem Problem der wachsenden Ungleichheit. Die teuersten Flüchtlinge sind immer noch die Steuerflüchtlinge! Thomas Jansen, Kassel

Rückgrat

Die geschäftsführende Bundeskanzlerin und ihre Sozialministerin sollten sich bei der Essener Tafel für ihre unangebrachte öffentliche Kritik auch öffentlich entschuldigen. Jörg Sartor sollte man das Bundesverdienstkreuz verleihen für sein enormes soziales Engagement, aber auch für seine Ehrlichkeit und sein Rückgrat, das man in Berlin und Brüssel zumeist schmerzlich vermisst. Lothar Reinhard, Mülheim/Ruhr

Barley lenkt ab

Das Bashing gegen Jörg Sartor von der Essener Tafel ist skandalös, vor allem, wenn Familienministerin Katarina Barley, deren Partei mit der Agenda 2010 das Massenhungern im reichen Deutschland wieder eingeführt hat, gegen die Hilfreichen wütet; denn allerorten reißen sich Ehrenamtliche ein Bein aus, damit nicht Hunderttausende Menschen hungern müssen. Indem sie die NotretterInnen beschimpfen, lenken Armutsverantwortliche wie Barley vom wahren Problem ab: prekäre Arbeitsverhältnisse, Niedrigstlöhne, Renten weit unter dem Existenzminimum und die Unterdeckung des Lebensminimums bei Hartz IV. Schändlich ist nicht, dass immer mehr Tafeln immer mehr Hungrige nicht mehr satt bekommen, schändlich ist, dass Armentafeln überhaupt notwendig sind.

Auch ich war "Tafelkundin"; auch "meine" Tafel konnte irgendwann ihre Gaben nur noch vierzehntägig verteilen, weil es mehr Hungernde gab als Futter. Sartor versucht verzweifelt, die grundgesetzwidrigen Versäumnisse des deutschen Unsozialstaates aufzufangen. Ihm Rassismus vorzuwerfen, ist eine Frechheit. Bettina Kenter, Germering

Erst informieren, dann reden

Es täte unseren immer präsenten und allwissenden Politikern gut, sich etwas mehr unter das Volk zu mischen. Damit meine ich nicht diese vorbereiteten und handverlesenen Einrichtungen, die positiv auffallen, in denen wenig bis keine Spannungen zwischen Menschen verschiedener Hautfarbe und Kulturen auftreten. Das passt gut ins parteipolitische Profil und erzeugt wohlwollende Stimmung für die Arbeit der Regierung. Nein, ich denke da an jene Orte, die wegen gravierender Missstände in den Medien für ordentlich Aufschrei und Zündstoff sorgen. Dann bitte auch unangemeldet und anonym rein zum Beobachten der verschiedenen Situationen, um entsprechende Eindrücke zu sammeln und sich vor Ort eine eigene, nicht parteipolitisch gefärbte Meinung zu bilden. So sehe ich das auch beim Thema Essener Tafel. Zu schnell war wieder eine populistische Meinung parat, vorschnell wurde von vielen Seiten geurteilt und auf den Beteiligten, die mutig genug waren, entsprechende Entscheidungen zu treffen, herumgehackt.

Nur wenige wissen, wie es an den Tafeln wirklich zugeht, viele wollen es auch gar nicht wissen. Betroffen sind nicht alle Tafeln, doch es werden immer mehr, die einen Zuwachs an Flüchtlingen beklagen und vor entsprechenden, regulierenden Maßnahmen zurückschrecken. Sicher, dazu gehört Mut, nur der ist selten geworden in Deutschland. Michael Bertl, Ottobrunn

Viele benehmen sich unmöglich

Ich bin erstaunt, was die angebliche Sperre bei der Tafel in Essen für Reaktionen hervorruft. Ich arbeite hier in Bad Wildungen auch ehrenamtlich bei der Tafel und kann dazu nur sagen, dass nicht wir Helfer entscheiden, wer unterstützt wird, sondern das zuständige Sozialamt. Die Antragstermine für die Ausweise sind bekannt und werden auch genutzt. Weiterhin möchte ich sagen, dass sich viele Empfänger der Lebensmittel unmöglich benehmen. Die Lebensmittel finden sich oft in den umliegenden Mülleimern wieder. In unserer Tafel werden für jeden Empfänger Körbe gepackt, die schon auf die Bedürfnisse der Einzelnen zugeschnitten sind. Trotzdem wird vieles einfach weggeworfen. Man muss schon manchmal Nerven wie Drahtseile haben. Und alle, die jetzt auf die Tafel in Essen "draufhauen", sollten sich mal dort hinstellen und den Alltag miterleben. Ich habe auch zwei junge Asylanten betreut und Einblick in die Leistungen erhalten, die sie bei uns bekommen. Bei uns verhungert niemand. Also bitte erst nachdenken und dann den Menschen, die dort ehrenamtlich helfen, vielleicht auch mal danken, statt sie zu beschimpfen. Es finden sich kaum Menschen, die uns helfen. Jutta Hansen, Bad Wildungen

Unsägliches Moralisieren

Die Selbstgerechtigkeit der Empörten zu diesem Thema gefährdet unsere Demokratie in höchstem Maße. Hier wird über jemanden geurteilt, der uns vorlebt, wie wir mitmenschlich sein können. Im Ergebnis wird er möglicherweise psychisch zerstört. Nun urteilen Menschen, die ein bequemes Leben leben, über einen Menschen, der in seiner Mitmenschlichkeit nicht mehr weiterwusste. Mit welchem Recht? Bei diesem unsäglichen Moralisieren tritt das, was dieser Mann und seine Mitarbeiter täglich leisten, völlig in den Hintergrund. Das reflexhafte Reagieren der Empörten, die nichts tun, ist das Schlimmste an der Sache. Der, der von euch ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Christiane von Zahn, Gundelfingen

Ehrenamtliche schützen

Das Problem der Ehrenamtlichen der Essener Tafel beschäftigt auch mich als Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit im Münchner Süden. Ich habe in der Flüchtlingsunterkunft in der Hofmannstraße mit mehreren Mitstreitern 2015 die Kleiderkammer ins Leben gerufen, um eine Erstversorgung der Ankommenden mit Kleidung zu gewährleisten. Das war prinzipiell eine "gute Tat", aber in der Durchführung oft schwierig. Es gab auch Drängeleien, Drohungen, das "Recht des Stärkeren". All diese Probleme ließen sich nur mithilfe der Security und einer ausgeklügelten Organisation und einem Ablauf mit Nummernausgabe mit verschiedensten Prioritäten (Schwangere und Mütter mit Kinder bevorzugt, Sonderausgaben für Schulkinder usw.) beheben. Und auch in Essen muss sich meiner Meinung nach die öffentliche Hand beteiligen. Für uns Ehrenamtliche, die wir nur helfen wollen und uns unbekannte Mentalitäten oft überfordern (Thema Schulungen), muss besser gesorgt werden, nicht nur für die vielen armen Menschen in unserem reichen Land. Wobei wir wieder bei der Politik sind, die stolz auf uns Ehrenamtliche ist, aber es an der Unterstützung fehlen lässt. Angelika Haas-Kraus, München

Geöffnet auch für Berufstätige

Ich stimme mit Heribert Prantl überein, dass es eine Schande ist, dass es Tafeln überhaupt geben muss. In Berlin bieten die Tafeln Öffnungszeiten für Berufstätige an. Wenn selbst Berufstätige auf die Tafel angewiesen sind, dann ist die soziale Schieflage auch schon in der Arbeitswelt angekommen. Jörg Selz, Neustadt/Aisch

Hinweis

Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion. Wir behalten uns vor, die Texte zu kürzen.

Außerdem behalten wir uns vor, Leserbriefe auch hier in der Digitalen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung und bei Süddeutsche.de zu veröffentlichen.

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© SZ vom 03.03.2018
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