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Ehrenamt:Wertvoll, aber immer aufwendiger

Unbezahltes Engagement, etwa in Sport- und Sozialvereinen, gehört(e) zum Alltag vieler Leser. Doch es wird weniger, weil Arbeit sich verdichtet, weil Großeltern Enkel hüten und auch, weil das Ehrenamt immer mehr Regeln dazu bekommt.

Nicht nur zum Vergnügen: Viele Menschen übernehmen in ihrer Freizeit auch unentgeltlich Aufgaben - für den Sportverein, für soziale Vereinigungen oder Gemeinschaftsdienste. Doch es wird immer schwerer, Ehrenamtliche zu finden. Oft fehlt die Zeit.

(Foto: mauritius images / Michael Weber)

Zum Kommentar "Kein Kümmern" vom 14./15. September:

Ja, so ist es! Wie Herr Prantl in seiner Kolumne zum Nachlassen ehrenamtlichen Engagements richtig analysiert: Kunde statt Bürger in Kombination mit einer massiven Verdichtung in der Lebens- und Arbeitswelt, das ist die unverdauliche Kost, die die Gesellschaft Zug um Zug aushöhlt und schwächt.

Die falschen "Spielregeln des Marktes" einfach auf die Emanzipation der Frauen ausgeweitet, bringt es eben auch nicht. So bleibt noch die Hoffnung, dass die neuen Technologien in Kombination mit der Digitalisierung dazu führen, dass wir weniger Arbeit haben. Dann hätten wir die Chance, mit der gewonnenen Zeit Familie und Beruf, Gesellschaft und Ehrenamt in ein vernünftiges Gleichgewicht zu bringen.

Allerdings haben bereits andere die "Gewinne" aus den technologischen Fortschritten und der Digitalisierung für sich reklamiert, und sie lehnen derzeit oft jede Form der Arbeitszeitverkürzung kategorisch ab.

Joachim Hartig, Aschaffenburg

Auf den Punkt gebracht! Ich betreibe mit einem Kompagnon ein Architekturbüro mit insgesamt acht Mitarbeitern. Für dauerhaftes, zuverlässiges ehrenamtliches Engagement bleibt mir keine Zeit. Der kleine Mittelstand sitzt meist am Abend noch am Schreibtisch, um abzurechnen, anzubieten und die Arbeit der Mitarbeiter zu korrigieren. Kreativität geht sowieso bestenfalls nur noch am Wochenende. Wenn man dann noch pendelt und seinen Freundeskreis nicht völlig vernachlässigen möchte, ist die Zeit einfach endlich.

Vielleicht hat das mangelnde Engagement insgesamt aber auch damit zu tun, was wir uns alles leisten möchten: tolle Autos, Skiferien, Sommerurlaub, Wellnesswochenenden, Fernreisen, große Häuser und Grundstücke und, und, und ...

Die soziale Komponente in unserer Gesellschaft ist momentan völlig dahin. Ich muss aber zugeben, ich habe auch keine Lösung, wie die Situation zu verbessern ist.

Bernd Wögerbauer, Bamberg

Ich kann für mich nur bestätigen: Dankbarkeit, menschliches Miteinander und Bestätigung zu finden, als Mensch für andere da zu sein. Das ist eine beglückende Erfahrung. Das sage ich als ehemaliger Leiter eines Selbsthilfevereins (ehrenamtlich) und Rentner im fortgeschrittenen Alter. Berufstätige haben eine andere Vita, andere Belastungen. Ich schaue deshalb mit Hochachtung auf meine " junge Familie". Übrigens: Nachbarschaftlich gibt es so viele Kleinigkeiten, die Geborgenheit, Sicherheit und, warum nicht, Heimat bedeuten. Ein Mensch, der Kommunikation und Engagement nicht mehr pflegt, verliert in vielem sein Menschsein.

Bernd Hoff, Freising

Ein wichtiges Thema, der mögliche Reichtum, den das Ehrenamt für die Gesellschaft bedeutet. Sowohl im Tun, bei den Ergebnissen, als auch für den Zusammenhalt in einem Dorf, einer Gemeinde oder einem Kiez. Herr Prantl, bleiben Sie bei dem Thema bitte am Ball.

Ich möchte einen Aspekt hinzufügen, nenne ihn "Bürokratie", eine Bremse in unserer hoch entwickelten Gesellschaft, wenn jemand mal schnell nebenbei helfen will. Und es geht auch um den Halbbruder der Bürokratie, die unklare Haftungssituation: Da ist die Autowaschanlage, die einen Flüchtling beschäftigen will, die Werkstatt, die eine Lehrstelle anbieten will. Mit hohen persönlichen Zeitopfern. Es gibt Integrationslotsen, die ,,ihrer" Familie im Verein bei der Wohnungssuche helfen. Die helfen möchten, wenn diese dann fünf Quadratmeter zu groß ist und das "Amt" die Menschen auffordert umzuziehen, egal, ob und wie die Kinder schon in Sport und Schule eingebunden sind.

Verantwortliche in Vereinen, im Vorstand, die sich mit Vereinsrecht rumschlagen müssen, beim Jahresgrillen plötzlich Umsatzsteuer zahlen sollen und nach dem Osterfeuer die Asche als Sondermüll an der Backe haben, gibt es zuhauf. Und die Chance eines schicken E-Mail-Verteilers nutzen, trotz gefühlt undurchschaubarer Datenschutzvorschriften. All das ist zu bedenken im Ehrenamt. Also dann doch lieber nicht?

Jost Etzold, Varel

Ich war viele Jahre ehrenamtlich tätig, vor einem Jahr habe ich mein letztes Ehrenamt mit schwerem Herzen aufgegeben, um mich, mit ebenso großer Freude, meinen Enkelkindern zu widmen. Das sind auch die Folgen des veränderten Arbeitsmarktes und des Drucks auf die jungen Familien. Vor die Wahl gestellt, Ehrenamt oder Unterstützung der Kinder, fiel die Wahl natürlich auf die Kinder und die Betreuung der Enkel. Und das geht vielen Großeltern so, die ehrenamtlich tätig waren.

Judith Beer, Fürstenfeldbruck

Der Kommentar spricht mir aus der Seele! Auch in meinem Verband wird es immer schwerer, junge Menschen für die Vorstandsarbeit zu begeistern. Wir "retten" uns häufig durch die nicht mehr Berufstätigen, Mitglieder im Ruhestand. Aber auch diese Möglichkeit wird mit der Zeit schwinden, weil die Menschen immer später in Rente gehen und die Kraft für ein Ehrenamt dann oft nicht mehr da ist.

Verschärft wird der Personalmangel durch immer umfangreichere Anforderungen im Datenschutz, der Förderantragsbearbeitung und in der Buchhaltung, ehrenamtlich.

Elisabeth Bahlmann, Hamburg

Am Grabe von Karl Marx stellte Friedrich Engels fest, "daß die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion usw. treiben können". Mit den Problemen des täglichen Lebens sind die Menschen vielfach so beschäftigt, dass fürs Politikmachen, auch für Ehrenämter, keine Zeit und keine Kraft übrig bleibt.

Heribert Prantl geht in seinem auf diese Tatsachen hinweisenden wichtigen Artikel nicht auf die Rentner ein. Sie könnten aushelfen, allerdings mit abnehmender Kraft. Was bleibt, sind Organisationen wie zum Beispiel die Gewerkschaft, die solidarisches Handeln ermöglichen.

Ulrich Sander, Dortmund