bedeckt München 25°

DDR:Unversöhnliche Ansichten

An der Darstellung einer Familiengeschichte über einen Vater, der im Osten seine Tochter ausspitzelte, scheiden sich die Meinungen der Leser.

"Mein Vater, der Verräter", 30. Oktober:

Diese Zeilen sollten auch dem letzten der DDR nachtrauernden ostdeutschen Mitbürger klarmachen, dass dies ein Unrechtsstaat war, der seine Bürger und Kinder verraten hat! Die Aussagen, dass in der DDR nicht alles so schlecht war, wie wir Wessis glauben, kann man einfach nicht mehr hören.

Alois Mayer, Ismaning

Wer sein ganzes Leben in diesem traurig-grauen Land DDR gelebt hat, dem fallen in dem Text einige Ungereimtheiten auf. Zuerst ist es der maliziöse, weinerliche Tonfall, der den Artikel grundiert und der schwer auf die Nerven geht. "Polaszczyk reicht Sprudel ..." Kürbissuppe kommt ins Spiel. Was soll das? Gehobene Thomas-Mann-Prosa? Dann wird das Urvertrauen verloren, und in der Schule bekommt das Mädchen immer eine Note schlechter als ihr Sitznachbar, der von ihr abschreibt. Zum Abitur wird sie nicht zugelassen. Warum eigentlich? Will der Autor diffuses Mitleid erwecken? Das geht nach hinten los. Einige Details. "Gefühle zeigen, das habe sie in der DDR gelernt, 'wird dir nur als Schwäche ausgelegt'." Also, die Ellenbogengesellschaft haben wir doch wohl eher jetzt! Der Vater habe für seinen Verrat an seiner Tochter Geld bekommen, von 50 oder 100 DDR-Mark ist die Rede. Da das nicht böse genug ist, muss das Reihenhaus herhalten. "So ein Haus bekommen nur verdiente Stasi-Mitarbeiter, aber die Tochter schöpfte keinen Verdacht." Warum auch? Ich weiß nicht, wie viel Reihenhäuser es in der DDR gab, ich hatte keines. Es gab ein staatliches Programm, das den Bau eines eigenen Hauses beförderte. Das waren dann alles Stasi-Spitzel? Apropos inoffizielle Mitarbeiter: Ihr Autor kolportiert die Zahl von 180 000, ohne auf die unter Experten geführte Diskussion zur Definition des Begriffes oder andere Zahlen auch nur hinzuweisen.

Durch Zufall fielen mir die Erinnerungen von Sabine Bergmann-Pohl (CDU) in die Hände. Die Dame war die letzte Volkskammerpräsidentin der DDR. Sie musste sich mit Stasi-Belastungen der Abgeordneten herumschlagen. 1990 schreibt sie: "Das aufgefundene Aktenmaterial war viel umfangreicher als erwartet und enthielt vor allem Informationen, von denen niemand wusste, ob sie der Wahrheit entsprachen oder ob ein 'Führungsoffizier' sie erfunden hatte."

Dr. Lutz Behrens, Plauen

© SZ vom 27.11.2019

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite