Benin-Bronzen:Rückgabe wirft Fragen auf

Dass die Kunstwerke in deutschen Museen zu sehen waren, wurde lange kaum hinterfragt. Die Entscheidung, Bronzen nach Nigeria zurückzuführen, weckt bei Lesern Interesse an Details der Kolonialzeit. Könnte es bald leere Museen geben?

Benin-Bronzen

Bronzen aus dem Benin in Westafrika, ausgestellt in einer Vitrine im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe: Ab nächstem Jahr soll mit der Rückführung solcher Raubkunst ins heutige Nigeria begonnen werden.

(Foto: dpa)

Zu "Viele Schwachpunkte" vom 3. Mai und "Raubkunst: Benin, Berlin, Benin City" vom 30. April/1./2. Mai:

Kopien bei uns ausstellen

Mit dem Raub der Benin-Bronzen und weiterer Kunstobjekte wurde eine hochstehende Kultur zerstört. Das kann man natürlich jetzt nicht rückgängig machen. Aber das Mindeste ist doch wohl, diese Objekte geordnet zurückzugeben. In der heutigen Zeit, wo selbst Experten Schwierigkeiten haben, Kopien von Originalen zu unterscheiden, sollten wir uns Kopien anfertigen und die dann im Humboldt-Forum ausstellen. Das passt doch gut, ist das Schloss doch selbst eine Kopie.

Hermann Twiehaus, Köln

Angst vor leeren Museen

Die Rückgabe der Benin-Bronzen kann ich nicht verstehen, weder die Freude der in Deutschland verantwortlichen Museumsleute und Politiker noch die Wirklichkeitsnähe der dahinterstehenden Idee, damit Gewalt und Unrecht ein für allemal zu beenden. Natürlich war es Unrecht, diese Bronzen fortzuschleppen, aber die deutschen Museen haben sie gekauft, in grauen Urzeiten, als die Vorstellungen ganz anders waren.

Wenn man dieses Bemühen um ein gutes und richtiges Leben zu Ende denkt, gibt es nur noch leere Museen nicht nur hier, sondern in Russland, Frankreich, Großbritannien, weltweit in der europäisch bestimmten Welt, und schlimmer, ohne dass das Zusammenleben der Völker dadurch besser wird. Dass der, der in diesem speziellen Fall nun gerade der Räuber nicht war, obwohl er oft genug auch der Räuber war, mit der Rückgabe anfängt, ist meiner Ansicht nach besonders absurd. Frieden, Ausgleich, Verständigung gehen anders.

Univ. Prof. em. Dr. Götz Uebe, Ludwigslust Großartig! In die Debatte um die Rückgabe der Benin-Bronzen an Nigeria ist Bewegung geraten. An einer Stelle ist der Artikel "Viele Schwachpunkte" meines Erachtens denkfehlerhaft: Es fehle "auch die Selbstverpflichtung, das Eigentum an sämtlichen gestohlenen Bronzen an Nigeria zu übertragen". Jeder Jurastudent kann erklären, dass es sich bei den Benin-Bronzen alle Zeit um nigerianisches Eigentum gehandelt hat und diese nur durch Hehlerei in Besitz deutscher Museen gelangt sind.

Richtig ist, dass Gegenstände aus öffentlichem Vermögen nicht einfach abgegeben werden können. Im vorliegenden Fall genügt es allerdings, die Anschaffungskosten abzuschreiben.

Was müsste Frau Kulturstaatsministerin Grütters jetzt tun? Erstens braucht es bei der Stiftungsratssitzung am 29. Juni den verbindlichen Beschluss aller Beteiligten, dass der nigerianischen Seite die Besitzrechte an allen in deutschen Museen befindlichen Benin-Bronzen eingeräumt werden. Zweitens auf dem Verhandlungswege erreichen, dass die nigerianische Seite in großzügiger Weise unkündbare Dauerleihgaben gewährt, diese also in Deutschland verblieben, und die hiesigen ethnologischen Museen derartige afrikanische Kunst im Original präsentieren könnten.

Dr. Wolfgang Eichler, Halle/Saale

Sklavenhandel thematisieren

Das Königreich Benin gehörte über Jahrhunderte zu den größten Sklavenhändlern auf dem afrikanischen Kontinent. Mit den kunstfertigen Bronzen haben die Obas sich und ihre Macht verherrlicht. Kia Vahland feiert nun in ihrem Artikel die Rückgabe der Bronzen, weil dadurch das Leid und der berechtigte Unmut der Menschen in den früheren europäischen Kolonien anerkannt und einander endlich auf Augenhöhe begegnet wird.

Dass durch das Wirken dieser Könige Tausende Afrikaner ermordet oder versklavt wurden, interessiert offenbar in dem Zusammenhang nicht. Hauptsache, der deutschen Befindlichkeit ist genüge getan.

Ingo Barlovic, Eching/Ammersee

Kunstwerke müssen sicher sein

Werden Frau Staatsminister Grütters und Präsident Hermann Parzinger sowie die Kulturjournalisten der SZ sich auch so vehement für die Restitution der Ägyptischen Pharaonin Nofretete einsetzen wie für die Bronze-Königin aus Benin? Wo liegt da der grundlegende Unterschied in der Bewertung?

Bei Nofretete wohl ein empörter Aufschrei in der Bevölkerung, Politik und unter Kulturjournalisten, bei Benin, wohl die Frage bei vielen, wo ist das? Aber wo ist der Unterschied in der Frage Restitution? Beides Werke des Weltkulturerbes, beides in der Definition "Raubkunst" gleich zu werten? Nigeria und Ägypten, beide Länder ehemalig Kolonien. Und in beiden Fällen im Rahmen einer Rückgabe auch wieder vergleichbar! Beide Länder politisch und gesellschaftlich instabil, gefährdet, von Unruhen im Innern bedroht, Diktaturen oder immer kurz davor.

Erinnern wir uns an die Unruhen in Kairo, das Ägyptische Museum stand kurz vor der Erstürmung und Plünderung, und Nigeria, Überfälle, Kriminalität, Menschenraub, Korruption! Das Museum in Jos im Norden Nigerias geplündert, Biafra, Zerstörung unschätzbarer Kulturwerte, das Museum in Lagos dezimiert seinen Bestand auf geheimnisvolle Weise. Benin City, eine interessante Stadt, aber wer kommt denn da schon hin als Kulturfreak, wenn allein die Einreise nach Lagos aufgrund der extremen Kriminalität ein Himmelfahrtskommando ist.

Raubkunst Benin? Wie sicher sind die Artefakte dort in Benin City? Wie sicher ist ein so großartiges Kulturerbe im Unruheherd Nigeria? Neuerlicher Raub dieser Werke nach kurzer Zeit der Rückgabe? Und Verkauf offen oder verdeckt in Europa, Amerika, Asien, Orient? Nachfrage und Interesse sind riesig und Geld spielt keine Rolle! Dann sind die Bronzen wieder da, nur nicht mehr für alle zu besichtigen im öffentlichen Museum! Vielleicht in Dubai, wo derzeit viel landet. Und ist die Restitution nur das kulturelle Feigenblatt für die Verschleppung der längst fälligen Aufarbeitung der Gräuel der Kolonialzeit?

Und erinnern wir uns auch an den Irakkrieg, Bagdad, die Plünderung und Zerstörung unwiederbringlicher Kulturschätze des Staatsmuseums, ideologischer Religionswahn, und die beiden Panzer der amerikanischen Armee vor dem Gebäude, ohne jede Reaktion, alles in Presse und Medien zu sehen! Nein, solange ich diese Bilder im Kopf habe, möchte ich Nofretete und die Benin-Bronzen dort lassen, wo sie sicher sind! Restitution ja, aber als Weltkulturerbe geschützt! Und Restitution aus politischer Opportunität oder kultureller und mitmenschlicher Empathie greift zu kurz! Das Risiko des Verlustes unwiederbringlicher Kulturschätze ist zu groß. Die Zeit ist noch nicht reif dafür!

Hans-Eckard Steuernagel, München

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