Stadtcasino Basel:Das Gesellschaftshaus

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Die Erweiterung des Stadtcasinos, entworfen von Herzog & de Meuron: Umstrittene Anbauten von 1939 wurden entfernt, so ist zwischen dem Barfüsserplatz und dem Steinenberg wieder eine direkte Verbindung entstanden. Bereits früher fuhren hier Kutschen durch.

(Foto: Ruedi Walti/Herzog & de Meuron)

Moderne Coolness in historischem Gewand: Die Architekten Herzog & de Meuron haben das Stadtcasino umgebaut - mit viel Liebe zum Detail und einer einfachen Idee.

Von Katharina Wetzel

Das Stadtcasino könnte auch irgendwo in Paris stehen. Doch es ist nicht die Kirche Saint Germain des Prés, die hier auf dem Platz thront, sondern die Barfüsserkirche. Man befindet sich mitten in der Altstadt von Basel, genauer gesagt in Grossbasel, wie der linksrheinische Stadtteil genannt wird. Wer die neogotische Kirche bestaunt, hat meist schon den Münsterplatz mit seinen wunderbaren Palais aus dem 18. Jahrhundert durchstreift oder ist direkt am Barfüsserplatz aus der Tram ausgestiegen, die hier durch die Talsohle fährt, wo einst die Birsig offen floss, ehe sie im 19. Jahrhundert zugedeckt wurde.

1826 wurde bereits am Steinenberg (an der Ecke zum Barfüsserplatz) ein Casino eröffnet, wobei damit kein Spielcasino gemeint ist, sondern ein Gesellschaftshaus, in dem getanzt, gespielt und diskutiert wird. Casino leitet sich aus dem lateinischen Wort Casa her, das übersetzt Haus bedeutet. 1939 wurde das alte Casino abgerissen und durch einen umstrittenen Neubau ersetzt. Heute besteht das neue "Stadtcasino", das sich im Besitz der Casino-Gesellschaft Basel befindet, einem gemeinnützigen Verein, aus zwei Bauten: einem entkoppelten, eher unattraktivem Kopfbau mit Gastronomie und einem frei stehenden, eleganten Konzerthaus mit großem Konzertsaal, das direkt neben der Barfüsserkirche steht.

"Der Musiksaal war schon immer akustisch ein Juwel. Das ist unser höchstes Gut", schwärmt Thomas Koeb, Direktor vom Stadtcasino Basel, beim Rundgang durch das Haus. 1876 wurde der Saal als Anbau an das alte Casino erbaut, entworfen hat ihn Johann Jakob Stehlin. Der Saal ist Stammhaus des Sinfonieorchesters Basel und ist aufgrund der hervorragenden Akustik international gerühmt.

Historische Aufnahmen des Casinos in Basel

Eine historische Aufnahme des Casinos.

(Foto: Staatsarchiv Basel)

Im August 2020 wurde das Konzerthaus wiedereröffnet, nachdem es unter der Leitung der Basler Stararchitekten Herzog & de Meuron komplett erneuert und erweitert wurde. Eine Sanierung war längst überfällig geworden. "Die Künstler kamen wegen des Saals, aber es gab kein richtiges Foyer, zu wenige Backstage-Räume, keine Lüftung, und die Technik war veraltet", berichtet Koeb.

Nachdem ein Konzept von Zaha Hadid per Volksentscheid abgelehnt wurde, hat man 2012 die Basler Architekten Herzog & de Meuron mit einer Studie beauftragt. "Neben der grundsätzlichen städtebaulichen Situation waren architektonisch der historische Musiksaal von 1876, der Hans-Huber-Saal und Erneuerungen von 1905, die Anbauten aus den Dreißigerjahren sowie die mittelalterliche Kirche zu berücksichtigen. Das hat es für uns spannend gemacht", sagt Andreas Fries, Partner bei Herzog & de Meuron.

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Zwischen Barfüsserkirche und Stadtcasino bildet sich nun eine enge Gasse, wie man sie häufig in der Altstadt antrifft.

(Foto: Ruedi Walti/Herzog & de Meuron)

Den Architekten war schnell klar, dass sie etwas kreieren möchten, das wie eine Einheit wirkt: einen Palazzo, der aus dem Kernbau von 1876 herauswächst, der aber auch so selbstverständlich wirkt, als hätte es ihn schon immer so gegeben. Umstrittene Anbauten von 1939 wurden entfernt, die historische Rückfassade dabei freigelegt und einfach noch mal kopiert und nach außen versetzt. Eine einfache Idee, die jedoch in ihrer Umsetzung äußerst gelungen ist.

Die neue Fassade aus Kiefer unterscheidet sich nur unwesentlich von der historischen Fassade aus Stein: "Die Fugen unterscheiden sich leicht, damit das Holz arbeiten und das Wasser abfließen kann." Der grünliche Anstrich entspricht der ursprünglichen Farbgebung und ist der Sandsteinfassade der Basler Kunsthalle nachempfunden, die 1872 entstand. Der Neubau besticht so durch eine Schlichtheit und gewisse Coolness. Und wirkt vielleicht wegen der matten Farbgebung - die historische Fassade ist glänzend - modern, ohne die Umgebung zu übertünchen.

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Die Foyers bieten eine ringförmige Öffnung in der Mitte, so entsteht eine räumliche Verbindung.

(Foto: Ruedi Walti/Herzog & de Meuron)

Durch die Erweiterung des Stadtcasinos zur Barfüsserkirche hin konnten 30 Prozent mehr Fläche gewonnen werden, durch die hohen Räume 40 Prozent mehr Volumen. "Das hätte niemand gedacht auf so engem Raum", sagt Fries, der als zuständiger Partner das Großprojekt von Anfang bis zum Schluss begleitete.

Die Bauten kommen sich nun richtig nahe und bilden eine Gasse, wie man sie in der Basler Altstadt häufig sieht. An der engsten Stelle sind nur fünf Meter zwischen Barfüsserkirche und dem Erweiterungsbau. "Das erzeugt eine Spannung. Wir hatten aber nie Angst vor Nähe", so Fries. Auch die Denkmalpflege teilte diese Einschätzung. Denn im Mittelalter befanden sich um die Barfüsserkirche noch Klosteranlagen.

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Das zweite Obergeschoss bietet Sitznischen mit einem Guckfenster ins Foyer.

(Foto: Ruedi Walti/Herzog de Meuron)

Zeitweise waren bis zu zwölf Architekten von Herzog & de Meuron in das Projekt involviert: "Wir haben bis ins kleinste Detail die verschiedensten Elemente wie Türgriffe, Leuchten und Stühle entworfen", sagt Fries. Immer mit neuester Technik, aber großer Originaltreue gemäß historischer Zeichnungen.

Die Foyers bieten eine zentrale Öffnung und Durchblicke in den Ecken, auch die Treppenaugen und die Sitznischen in den Treppenhäusern erzeugen eine räumliche Verbindung. "Man kann hoch und herunter schauen. Das ganze Publikum wird zu einer Gruppe", sagt Fries. Die rote Brokattapete ist die gleiche wie sie die Firma Prelle in Lyon schon einmal 1875 für die Opéra Garnier gewoben und nun für das Stadtcasino wieder aufgelegt hat. Auch das von Herzog & de Meuron eigens entworfene Linsen-Parkett im Foyer ist darauf abgestimmt. "Johann Jakob Stehlin hat auch in Paris studiert und kam viel herum in der Welt. Vielleicht hätte er ja damals auch gerne etwas mehr gewagt in Basel", meint Fries.

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Auch das geschwungene Treppenhaus lädt zum Verweilen ein.

(Foto: Ruedi Walti/Herzog & de Meuron)

Doch nun zum Geheimnis des Stehlin'schen Saals: "Die Länge ist gleich der Breite und Höhe", sagt Koeb, was maßgeblich zur hervorragenden Akustik führt. Für die Sanierung wurde eigens ein Akustiker, Professor Karlheinz Müller, hinzugezogen, der jede kleinste Veränderung begutachtete: "Allein über die Höhe der Armlehne wurde drei Stunden diskutiert." An den Wänden wurden sechs Farbschichten freigelegt, "wobei man sich in Absprache mit der Denkmalpflege für die Wiederherstellung der Gestaltung im Zustand von 1905 entschied", sagt Fries. Die in den Sechzigerjahren aus akustischen Gründen zugemauerten Fenster wurden wieder geöffnet und als Kastenfenster mit mehreren, zentimeterdicken Glasscheiben ausgebildet. "Unser Wunsch war es, Licht in den Saal zu bekommen", sagt Fries. Kostenpunkt: 100 000 Schweizer Franken pro Fenster.

Insgesamt kostete der Umbau 77,5 Millionen Franken. "Das war eine Punktlandung", sagt Koeb, der betont, dass die Baukosten trotz vierjähriger Bauzeit plangemäß eingehalten wurden. Die Stadt Basel hat 38 Millionen Franken zugesteuert, den Rest hat die Casino-Gesellschaft mit Spenden von Basler Mäzenen getragen.

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Die Brokattapete ist die gleiche, wie sie die noch heute existierende Firma Prelle in Lyon 1875 für die Opéra Garnier in Paris gewoben und nun für das Stadtcasino wieder aufgelegt hat.

(Foto: Ruedi Walti/Herzog & de Meuron)

Basel hat zehn Orchester. "Die extrem hohe Dichte hängt auch mit den hervorragenden und preislich moderaten Konzerträumen im Stadtcasino Basel zusammen", meint Koeb, der darauf achtet, dass durch den Gastronomiebereich und die Vermietung der Säle die Kosten gedeckt sind. "Das Ziel ist immer eine schwarze Null zu haben." Und Koeb kann zuversichtlich sein. Das Sinfonieorchester Basel ist bereits gut in die neue Saison gestartet. Einen Haken gibt es noch: Wenn am 16. Oktober bei einer Concert-Lounge Electro auf Klassik trifft, also Orchester und DJs spielen, wird man es bedauern, dass im Saal aufgrund von Sicherheitsvorschriften die Stühle fest fixiert sind. Immerhin: Die ersten vier Stuhlreihen sind abmontierbar.

© SZ
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