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Atommüll:Eine globale Heraus­forderung

Die Entscheidung der Regierung, die Suche nach einem Endlager für radioaktiven Abfall neu aufzurollen, wirft bei Lesern Fragen auf. Vor allem: Warum nach so vielen Jahren nun doch nicht Gorleben? Und wieso will Bayern eine Extrawurst?

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Atomkraft nein danke - der Slogan gilt wohl nicht nur für Gorleben. Nach der Entscheidung der Bundesregierung, dass das Zwischenlager in Niedersachsen nicht als Endlager taugt, geht die Suche nun von Neuem los.

(Foto: Morris MacMatzen/Getty Images)

Zu "Strahlende Zukunft" vom 30. September, "Jenseits von Gorleben" und "Voll auf Abwehr" vom 29. September, "Das Experiment" vom 28. September sowie zur weiteren Berichterstattung zur erneuten Suche nach einem Endlager für Atommüll:

Warum Europa nicht geeignet ist

Meines Erachtens ist Deutschland, ja weitgehend auch ganz Europa, für ein Atommüll-Endlager nicht geeignet: Erstens ist Europa durchgehend dicht besiedelt oder mit Naturschutz-Gebieten durchzogen. Zweitens sind Salzstöcke gut wärmeleitend und gut wasserlöslich. Drittens ist auch Ton gut wärmeleitend, wenngleich auch nicht wasserlöslich. Und viertens ist Granitgestein zwar standfest, bildet aber auch Risse.

All diese geologisch empfohlenen Materialien für ein Endlager bringen Probleme mit sich, darin kann der Müll also nicht für 100 000 Jahre für die in dem Raum lebenden Menschen sicher geborgen werden, zumal es keine Behältnisse gibt, in dem Atommüll dauerhaft eingeschlossen ist. Es handelt sich daher bei der Endlagerung von Atommüll um eine globale Aufgabe ähnlich dem Klimaschutz, der weltweiten Bekämpfung von Infektionskrankheiten, etc. In den meisten Erdteilen allerdings werden derzeit weiter Atomkraftwerke gebaut, Atommüll aber kaum richtig entsorgt. Wir sollten unsere geologischen Bemühungen in unbewohnten Gebieten, also Wüsten, Steppen, etc. durchführen.

Dr. Wolfgang Herbolzheimer, Johannesberg

Wieso nicht doch Gorleben?

Mir ist absolut nicht klar, warum das Endlager Gorleben nicht verwirklicht wird. Auf mehreren technischen und geologischen Veranstaltungen - unter anderem schon auf der Nacht der Wissenschaften in Garching am 15. Mai 2010 - habe ich mehrere Experten gefragt, was gegen die Nutzung des Endlagers in Gorleben spricht. Mir wurde immer wieder gesagt, es gäbe keine technischen oder geologischen Gründe, die dagegen sprechen. Es seien rein politische Gründe, die eine Nutzung vereiteln. Sollte es so sein, kann ich nicht verstehen, warum letztere in einer so wichtigen Frage ausschlaggebend sein sollen. Ich habe dies auch der Bundesgesellschaft für Endlager per Mail mitgeteilt und um Antwort gebeten.

Fritz-Jürgen Lüdecke, Söchtenau

Bayern muss sich beteiligen

Es ist schon interessant, dass ausgerechnet eines der Bundesländer, das am meisten von der Kernkraft profitiert hat und in dem auch mit der größte Anteil am Atommüll produziert wurde, sich an der Suche nach einem Endlager nicht beteiligen will. Das werden die anderen Bundesländer kaum akzeptieren. Für den bayerischen Ministerpräsidenten wird das eine große Belastung werden bei einer eventuellen Kanzlerkandidatur. Da wird sich Markus Söder noch etwas einfallen lassen müssen.

Wenn Autor Bauchmüller schreibt, der Standort Gorleben müsse in der Suche - trotz der Zweifel an seiner geologischen Eignung - ergebnisoffen einbezogen bleiben, finde ich das aus mehreren Gründen falsch. Erstens gibt es dort bereits neben Ahaus (NRW) eines von zwei Zwischenlagern für hochradioaktiven Atommüll. Zweitens werden im Salzstock Asse unweit von Gorleben schwach- und mittelradioaktive Abfälle eingelagert. Die eingelagerten Fässer mit Atommüll mussten wegen eindringenden Wassers wieder herausgeholt werden. Der Salzstock kann daher wohl kaum als geeignet bezeichnet werden. Diese Region hat also schon eine gewaltige Last zu tragen und der dortigen Bevölkerung kann kaum noch mehr zugemutet werden.

Bayern wird sich wohl oder übel an der Suche beteiligen müssen. Ohne die Kernkraft wäre in Bayern der wirtschaftliche und technologische Fortschritt meines Erachtens so nicht möglich gewesen. Bei einer politischen Entscheidung zwischen Standorten, die nach wissenschaftlichen Kriterien geeignet sind, werden bestimmt Milliarden nachhelfen, vielleicht auch aus Bayern.

Ewald Kleyboldt, Traunstein

Halbwahrheiten fürs Volk

Die Aussage, dass die Auswahl nach streng wissenschaftlichen Maßstäben erfolgte, ist nur ein vorgeschobenes Argument. Die Auswahl wurde meiner Meinung nach rückwärtsgewandt erhoben und nur mit Argumenten zu Gesteinsarten, tektonischen Störungen sowie aus dem Bergbau unterlegt. Was wieder einmal nicht berücksichtigt wurde, ist der Klimawandel beziehungsweise der Umweltschutz, der durchaus Einfluss auf die Festlegung eines Endlagers nimmt. Alle predigen, dass sich Klima und Umwelt (Wassereinbrüche, starker Regen, lang anhaltende Trockenperioden, extreme Kälteperioden) in den nächsten 100 Jahren verändern, aber die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) hat dies nicht in ihre Entscheidungskriterien mit einbezogen. Also wieder mal Halbwahrheiten, mit denen die Bevölkerung gefüttert wird. Anschließend gibt man sich wieder überrascht, wenn die geschilderten Einflüsse das Projekt extrem verteuern oder gefährden.

Helmut Schuessler, Augsburg

© SZ vom 14.10.2020

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