Anschlag in Barcelona Ran an die Wurzeln

13 Tage sind seit den Anschlägen vergangen, älter ist die Frage: Muss sich die offene Gesellschaft an den Terror gewöhnen? Die Freiheit der Sicherheit zu opfern, sei nicht die Lösung, meint ein Leser. Hilfreicher wäre ein kritischer Umgang mit Saudi-Arabien.

"Anschlag auf die ganze Welt" und "Nicht hinnehmen" vom 19./20. August:

Nicht zu Helden machen

Ihre Schlagzeile "Anschlag auf die ganze Welt" zu Barcelona mag inhaltlich berechtigt sein. Gleichwohl war mein erster Gedanke, welch eine triumphale Aussage für die Täter und deren Anhänger.

Masoud Aqil, syrischer Kurde und Autor von "Mitten unter uns", warnt davor, diese Kriminellen zu Medienhelden zu machen. Er war 280 Tage Gefangener des IS und konnte während seiner Gefangenschaft beobachten, wie auf Smartphones die Berichterstattung in den westeuropäischen Medien vom IS verfolgt wird. Zudem ist er überzeugt, dass die Stilisierung der Terroristen zu Helden dem IS Tausende junger Leute zugetrieben hat.

Für die Hinterbliebenen der Opfer ist es kein Trost zu erfahren, dass dieser Anschlag der ganzen Welt gegolten hat. Sie betrauern den Verlust eines geliebten Menschen.

Eva-Maria Herbertz, Feldafing

Sich selbst hinterfragen

Erschrecken wir noch? Sind wir noch zutiefst betroffen und empört über die zerstörerische Macht des Terrorismus? Der Beitrag von Tomas Avenarius trifft das beunruhigende Unbehagen, dass wir uns mit den immer gleichen Redewendungen, ja Ausreden unserer Politiker und den oft nivellierenden Aussagen in den Medien wie Ritualen in der Öffentlichkeit abspeisen lassen, auf den Punkt. "Wir lassen uns unsere freiheitliche Gesellschaftsordnung nicht nehmen", "Wir lassen uns unseren Urlaubsspaß nicht verderben", "Absolute Sicherheit kann es nicht geben". Statt weinender entsetzter Menschen, die gerade dem Tod nahe waren oder unmittelbar durch Verletzung oder Tod eines Nächsten betroffen sind, werden klatschende Menschenmengen gezeigt, die "wir haben keine Angst" singen. Und natürlich ist der Hinweis wichtig: "Ab Nachmittag waren wieder alle Geschäfte geöffnet und Tausende Touristen strömten über die Flaniermeile." Tanzen wir auf dem Vulkan?

Natürlich haben wir alle Angst, vor allem um unsere Kinder und Enkel, die jetzt in der Ferienzeit überall in Europa unterwegs sind. Natürlich ist das beschwichtigende Gerede von der Unausweichlichkeit solcher Ereignisse wie jetzt in Barcelona banale Hilflosigkeit, ein Mangel an entschlossener Tatkraft und dem unablässigem Willen, gemeinsam das kriminelle, verirrt hilflose, zutiefst unmenschlich-böse Treiben mit aller Macht, Kreativität, aber auch selbstkritischer Reflexion, was die Wurzeln und Ursachen solcher mörderischer Prozesse anbelangt, aus der Welt zu schaffen. Müssten wir nicht selbstkritischer, ja rücksichtsloser gegen eingelaufene Systeme, wirtschaftliche Interessen und Verquickungen auf vielen Ebenen neu denken und agieren lernen?

Die Opfer fordern unsere Verantwortung. Helga Müller-Bardorff Garmisch-Partenkirchen Was schlägt Tomas Avenarius eigentlich konkret vor, um zu verhindern, wir würden den Terrorismus nur "hinnehmen?" Was meint er, wenn er schreibt, dass wir zu viel Toleranz bei der Religionsfreiheit üben? Wie sollen wir noch "schärfer" beobachten? Ist er der Meinung, dass wir nach bayerischer Gutsherrenart erst mal alle Gefährder unbegrenzt einsperren sollten? Dann gibt es eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass auch wirklich ein paar gefährliche Leute darunter sind. Man kann auch verschärft abschieben. Dann gibt es aber keine Gewissheit, dass die, die gesucht werden, nicht später wieder einreisen. Außerdem könnten wir alle Events so absichern, dass keine Lkw hereinfahren können. Das wäre aber sowohl logistisch wie finanziell ein sehr großes Problem. Mehr Polizei vor Ort: Das bedingt aber, dass wir sehr viel mehr Polizisten ausbilden und einstellen müssten. Oder wir könnten die vorhandenen Kapazitäten nutzen, die Woche für Woche unentgeltlich die Sicherheitsarbeit für stinkreiche Fußballvereine leisten. Als weitere Alternative müssten wir halt auf Großereignisse weitgehend verzichten, da diese immer Anziehungskraft für Attentäter bilden.

Diese Vorschläge passen mehr oder weniger schlecht zur Freiheit, wie wir sie uns vorstellen. Die westliche Wertegemeinschaft könnte aber auch versuchen, tiefer zu gehen und die Ursachen zu ergründen, und Strategien entwickeln, wie wir Menschen davon abbringen, ihr Heil durch das Töten anderer Menschen zu finden.

Eine Weg zu den Ursachen könnte sein, dass wir die Denkschule, aus der al-Quaida und IS kommen, nämlich den Wahhabismus, unter die Lupe nehmen. Wo kommt der her? Aus dem Land, an das auch die Deutschen Waffen liefern. Weil die so viel Geld haben, das sie durch den Verkauf von Öl bekommen, das wir so dringend benötigen. Embargo gegen Russland geht immer, eines gegen Nordkorea sowieso, aber gegen Saudi-Arabien oder Kuwait? Aber zu versuchen, die Ursache zu bekämpfen, ist mühsam und bedingt einen gewissen Verzicht. Das hat schon in der "Flüchtlingskrise" nicht geklappt.

Ja, wir können mehr Grenzen aufbauen, überwachen, einsperren, ausweisen, töten; aber verhindern können wir Attentate nie sicher. Aber wir werden unsere Freiheit Stück für Stück aufgeben. Panik und Angst sind schlechte Ratgeber. Aber in Zeiten von Terroranschlägen werden diese Ratgeber leider zu oft genutzt. Natürlich sollten wir den Terror nicht einfach hinnehmen. Das Gleiche sollte aber auch für die Macher von Gesetzen gelten, die keine Sicherheit bringen, aber unsere Freiheit weiter abbauen.

Thomas Spiewok, Hanau

Modernen Islam unterrichten

Man muss gegen die Ideologie angehen, die in den Köpfen verwurzelt ist, man muss die militanten Spielarten des Islamismus bekämpfen. Von entscheidender Bedeutung für die Ausrottung der irrsinnigen Ideologie ist die richtige Erziehung junger Muslime: Sie müssen von Kindheit an in Moschee, Elternhaus und Schule gegen Radikalisierung immunisiert werden. Nötig ist deshalb ein moderner Islam- und Koranunterricht. Ein solcher hat die Aufgabe, bestimmte Inhalte von Koran und Sunna mit einleuchtenden Argumenten als zeitgebunden und historisch bedingt zu relativieren und die Schülerinnen und Schüler auf diese Weise zum eigenen kritischen Denken zu erziehen. Anderenfalls sind sie jenen radikalen Islamisten hilflos ausgeliefert, die jeden noch so grundgesetzwidrigen Koranvers (Tötungsbefehle, vielfache Herabwürdigung der angeblich zur Hölle bestimmten und Allah verhassten Ungläubigen, brutale Körperstrafen bei Unzucht und Diebstahl...) wörtlich nehmen und für eine auch heute noch zu befolgende göttliche Weisung halten. Ohne einen solchen Unterricht sind die Schüler nicht in der Lage, den Radikalen argumentativ Paroli zu bieten.

Das beste Mittel gegen Radikalisierung ist also die Vermittlung eines aufgeklärten Islams.

Der in Bayern derzeit geltende Lehrplan für den Islamunterricht versagt völlig vor dieser Aufgabe. Teilweise verfälscht er die Realität durch Verschweigen geschichtlicher Fakten. Er schönt die Überlieferung ganz massiv und vermeidet peinlichst die theologische Widerlegung der radikalen, sogar Terror rechtfertigenden IS-Ideologie. Seine grundlegende Überarbeitung wäre deshalb dringend erforderlich. Offenbar ist aber der Einfluss konservativer Islamverbände bei der Gestaltung des Lehrplans gewaltig. Das Kultusministerium wirkt schwach und hilflos.

Wolfgang Illauer, Neusäß

Nichts beschönigen

Die Einstellung des traditionellen Islam in Bezug auf das Zusammenleben, das Verhältnis von Muslimen zum säkularen, toleranten Staat sowie das Verhältnis zum Recht sind fragwürdig bis problematisch. Das Zusammenleben mit Nicht-Muslimen ist durch Segregation geprägt, der ideale islamische Staat hat die Aufgabe, die Muslime gegen alle Nicht-Muslime zu verteidigen, und sieht die Scharia als über dem in ihrem Gastland geltenden Recht stehend an. Das sage nicht ich, sondern der Generalsekretär der größten Muslimvereinigung Indonesiens, Herr Kyai Haji Yahya Cholil Staquf. Des Weiteren muss auf Saudi-Arabien und Iran Druck ausgeübt werden, den Export ihres ultra-orthodoxen Islamverständnisses augenblicklich zu beenden, wozu nicht nur die Finanzierung von Moscheen in Europa, sondern auch die Beendigung der Unterstützung von weltweit operierenden Terrororganisationen zählt. Auch darf Religionsfreiheit kein Freibrief für Intoleranz oder Abschottung von der europäischen Kultur und der durch sie geprägten offenen Gesellschaft sein.

Dr. Ulrich Ernst Hackler, Bottrop