Afghanistan-Einsatz:Das Ende der Mission?

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Mit dem Großen Zapfenstreich in Berlin wird die Diskussion um den Einsatz in Afghanisten neu befeuert. SZ-Leser fordern eine komplette Aufarbeitung und eine Neubewertung des Verhältnisses zwischen Bundeswehr und Gesellschaft.

Großer Zapfenstreich zum Ende des Afghanistan-Einsatzes

Soldaten nehmen an dem Großen Zapfenstreich in Berlin teil, um den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr zu würdigen.

(Foto: Christophe Gateau/dpa)

Zu "Alles umsonst?" vom 14. Oktober, "Die Armee, weit weg", 13. Oktober, und "Aufarbeitung mit Hindernissen", 7. Oktober:

Unter Einsatz ihres Lebens

Der Fackelmarsch von uniformierten Soldaten im Zuge des Großen Zapfenstreichs vor dem Berliner Reichstagsgebäude am 13. Oktober 2021 um 19 Uhr sorgte bei vielen Zeitgenossen für helle Aufregung. "Ich finde Fackelmärsche von Uniformierten vor dem Reichstag richtig, richtig scheiße. Egal aus welchem Anlass", twitterte der Satiriker Jan Böhmermann. Hans-Christian Ströbele, ehemaliger Bundestagsabgeordneter der Grünen, kritisierte das Ritual aus Preußen und der NS-Zeit. "In dem Krieg (in Afghanistan, Anm. d. Verf.) starben über 175 000 Menschen - meist Zivilisten. Nichts ist gut in Afghanistan. Was gibt es da zu feiern?", schrieb Ströbele. Ein wahrer "Shitstorm" ergoss sich im Internet über den Großen Zapfenstreich, der erstmalig den Soldaten und Einsatzkräften im Zuge des Afghanistaneinsatzes galt - also selbstreferenzieller Natur war.

Stellvertretend für alle Soldaten, die in Afghanistan im Einsatz waren, meldete Oberstleutnant Kai Beinke, der den Großen Zapfenstreich kommandierte, Oberstabsfeldwebel Jens Burdinski und Oberfeldarzt Katharina Siegl das Antreten, nachdem der Yorcksche Marsch erklungen war; die Bundeswehrärztin Siegl war dreimal am Hindukusch, während Panzergrenadier Burdinski es auf rund 1700 Tage im Afghanistan-Einsatz gebracht hat. Beide haben zudem gemeinsam ein Gefecht erleben müssen, nachdem 2011 ein Schützenpanzer auf eine Sprengfalle gefahren war.

Woran stören sich so viele Menschen, zumal der Große Zapfenstreich sehr selten ist? Liegt es an den Ursprüngen in fernster Vergangenheit? Liegt es an der Fremdheit, Frauen und Männer in Uniform und mit Gewehren zu sehen? Dann mögen sich alle Kritiker bewusst machen, dass Tag für Tag in unser aller Namen so gekleidete und bewaffnete junge Menschen im In- und Ausland dem Frieden und der wehrhaften Demokratie die Ehre geben - und das unter Einsatz ihres Lebens. Wer das nicht mehr sehen mag oder kann, verschließt seine Augen vor der bitteren Wahrheit, dass ein Pazifismus ohne jede militärische Komponente die Bewohner Deutschlands den terroristischen und kriegerischen Gefährdungen in Gegenwart und Zukunft blindlings und grob fahrlässig ausliefert. Ein Anschlag im Inland genügt, und schon schreien alle nach Sicherheit und Frieden; dass dafür aber Soldaten notwendig sind, die zudem in Pandemiezeiten und während der Flutkatastrophe bis zur Erschöpfung Hilfsdienste geleistet haben, machen sich die Kritiker in ihren warmen, kuscheligen Wohnstuben nicht klar.

Wer einen Großen Zapfenstreich in Gänze ablehnt, offenbart in meinen Augen eine traurige Mischung aus Traditionsvergessenheit, fehlendem Sinn für ohnehin viel zu seltene bildmächtige Inszenierungen unseres Landes und Ablehnung jeglichen Patriotismus. Wer rechten Ideologien das Wasser abgraben will, muss gerade solche wenigen, absolut unverdächtigen Zeremonien befürworten! Ansonsten müssen wir wirklich jede deutsche Fahne, jeden Gesang unserer Nationalhymne, jeden uniformierten Staatsdiener aus unserem Alltag verbannen; Gott bewahre uns vor solch einem "fundamentalen Irrsinn".

Barbara Faber, Billstedt

Blasphemisch

Die Süddeutsche Zeitung berichtete über den Großen Zapfenstreich in Berlin. Leider wurde dabei nicht auf die Kritik an diesem Ritual eingegangen, die von christlicher und friedensbewegter Seite vorgetragen worden war. In einem Appell an die Verteidigungsministerin hatten rund 200 Personen und 24 Gruppen, initiiert von Pax Christi Bonn, diese aufgefordert, den Zapfenstreich abzusagen.

Sie bezeichneten es als blasphemisch, "Helm ab zum Gebet" zu befehlen, dann den Choral "Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart" zu intonieren und anschließend die Präsentation der Gewehre zu befehlen. Ein solches Ritual dürfe im weltanschaulich neutralen Staat nicht veranstaltet werden, argumentierten die Koordinatoren des Appells, zumal sich Jesus von Nazareth mit seinem ganzen Leben für die Botschaft der Gewaltlosigkeit eingesetzt habe.

Der Staat darf religiöse Symbole, Gebete, Gesänge oder Riten nicht dazu missbrauchen, militärische Einsätze pseudoreligiös zu überhöhen. Gegen ein weltanschaulich neutrales Gedenken ist nichts einzuwenden, wenn dabei auch der Opfer des Kriegseinsatzes auf der gegnerischen Seite gedacht würde. Immerhin hat der von einem Bundeswehr-Oberst befehligte Bombenangriff im September 2009 bei Kundus allein etwa 140 zivile Todesopfer gefordert.

Martin Singe, Bonn

Fehler nicht wiederholen

Nach dem Ende des Militäreinsatzes in Afghanistan mehren sich die Stimmen, die eine Aufarbeitung desselben fordern. Dabei sollte es vor allem darum gehen, die Irrtümer und Fehler der Vergangenheit zu erkennen, um ihre Wiederholung zu vermeiden. Das wird jedoch nur möglich sein, wenn alle Fragen untersucht werden, die sich in diesem Zusammenhang stellen. Eine bislang vernachlässigte Frage betrifft die Rechtmäßigkeit der Invasion Afghanistans vor 20 Jahren.

Staatliche Militäreinsätze sind gemäß der UN-Charta nur dann rechtmäßig, wenn sie zur Selbstverteidigung gegen Angriffe fremder Staaten stattfinden. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 sind von den UN als Angriff auf die USA und von der Nato als Bündnisfall gewertet worden. Beide Wertungen gingen fehl. Der Staat Afghanistan hatte die USA nicht angegriffen. Und der Angreifer al-Qaida war kein Staat, sondern eine private Organisation, gegen die man erforderlichenfalls mit Polizeikräften vorgeht, was man aber nur innerhalb des eigenen Staatsgebietes darf.

Die Entscheidung, Afghanistan anzugreifen, verstieß daher sowohl gegen die Bestimmungen der UN-Charta wie auch gegen die - weitgehend gleichlautenden - Bestimmungen des Nordatlantikpaktes. Sie war ein Fehler, den wir nicht wiederholen sollten. Um ihn zu rechtfertigen, erfand man den vagen Begriff des "Kriegs gegen den Terror". Aus ihm entstand in Afghanistan ein Bürgerkrieg, in dem sich die vom Westen entmachtete Regierung der Taliban und eine vom Westen eingesetzte Marionettenregierung gegenüberstanden.

Die Art der Kriegsführung, mit der die Nato Letztere unterstützt hat, hat die afghanische Bevölkerung nicht weniger terrorisiert, als das Taliban-Regime dies zuvor getan hatte. Mit einem Militäreinsatz wie demjenigen in Afghanistan kann man keinen Krieg gewinnen. Er war ein Fehler, den wir nicht wiederholen sollten.

Dr. Wolfgang Plasa, Berlin, ehemaligerBotschafter der EU, ehemaliger Chefberater des Präsidenten der Islamischen Republik Afghanistan

Evaluierung notwendig

Alles umsonst? Schwer zu sagen - es gab ja drei regierungsintern verfasste sogenannte Fortschrittsberichte zu Afghanistan, und der dritte und letzte vom Januar 2014 ließ bereits fast ungeschminkt erkennen, dass insbesondere eine politische Stabilisierung des Landes nicht geglückt war. Danach wurde wohl nur mehr ein das Ansehen wahrender Ausstieg gesucht. Wenn wir heute Licht ins Dunkel bringen wollen, wenn wir sowohl die Wünsche des amtierenden Bundespräsidenten in seiner teils sehr deprimierten Ansprache vom 13.10.2021 beantworten wollen als auch die vielen wohlgesetzten Fragen des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler auf der Kommandeurtagung vom 10.10.2005, dann hilft jetzt offenbar nur eine offene Evaluierung des gesamten Einsatzgeschehens seit 1992 - nach Zielen, nach Folgen und Nebenfolgen, nach Opfern, Kosten und Dauer.

Die Welt sollte uns Deutschen nicht gleichgültig sein. Aber neue Herausforderungen können wir erst dann verantwortungsvoll annehmen, wenn wir wissen: Wo haben wir der Welt genützt? Wo hingegen haben unser Einsatz und unsere Opfer unter dem Strich zu Schaden gereicht? Und die in den bisherigen 224 parlamentarischen Einsatzverfahren so prominent genutzte Vokabel "Bündnisfähigkeit" muss danach - bei allem natürlichen Pragmatismus - nicht unsere oberste Tugend bleiben.

Dr. jur. Karl Ulrich Voss, Burscheid

Die Rolle der Bundeswerhr

Es verfälscht die Berichterstattung vom Großen Zapfenstreich, dass das prominenteste deutsche Opfer des Afghanistan-Einsatzes, Bundespräsident Horst Köhler, unerwähnt bleibt. Er hatte auf dem Rückflug aus Afghanistan nach einem Truppenbesuch einen politischen Diskurs über die Rolle der Bundeswehr in der Gesellschaft gefordert. Die Gesellschaft, "die auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern". Nach heftiger Kritik seitens der Opposition und mangelnder Unterstützung durch seine Partei trat Köhler am 31. Mai 2010 zurück. Der geforderte politische Diskurs fand nicht statt.

Nun erwartet Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, dass Deutschland sich zu seinem militärischen Einsatz in diesem Krieg verhält, ihn kritisch bewertet. 93 000 deutsche Soldaten sind während des 20-jährigen Krieges in den Hindukusch geschickt worden. 59 Soldaten kamen bei dem Einsatz um. Er fragt sich an die Soldaten gewandt: "Sind nun das Leid, unsere Mühen, alle Verwundungen an Körper und Seele, alle verlorenen Menschenleben der vergangenen 20 Jahre umsonst gewesen?" Steinmeier hat sich zum Großen Zapfenstreich, wie die Süddeutsche Zeitung zu berichten weiß, "an diesem Mittwoch viel Zeit für die Bundeswehr genommen". Er legte Kränze nieder und fabulierte über 20 Mal Frühling, Sommer, Herbst und Winter in Berlin und Kabul. Er versicherte der Truppe: "Unser Land ist stolz auf Sie." Diese Phrase kleistert zu, was die Legitimationsschwäche der Politik für die innere Verfassung der Bundeswehr bedeutet. 2007 hatte "die Hälfte der Offizier-Studenten Kritik am 'politischen System' und am Zustand des Parlamentarismus angemeldet". Politiker und Militärs sind eindeutig überfordert. Medien und NGOs müssen den gesellschaftlichen Diskurs anstoßen.

Walther Grunwald, Berlin

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