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Achtsamkeit:Unsere Gesellschaft braucht kritische Stimmen

Yoga, Meditation zur Befeuerung des Geltungsdranges? Das ist einigen SZ-Lesern zu pauschal. Die Achtsamkeitsbewegung helfe, Konsumdenken zu überwinden. Jeder nach seiner Façon, keine zu engstirnigen Debatten bitte, so der Tenor.

Illu von Julia Schubert, bearbeitet für die Leserbriefe, nicht das Original

SZ-Illustration: Julia Schubert

Zu "Im geistigen Hamsterrad" sowie "Gefühlte Wahrheit", beide vom 11./12. Juli:

Probleme der Privilegierten

Was führt Sebastian Herrmann nicht alles an, mit dem die Menschen ihre Selbstgeltung zu steigern trachten. Materielle Güter sowieso, aber auch, von materiellen Möglichkeiten eher unabhängig, die spirituellen Errungenschaften der Religionen, Esoterikern, Gurus und Heilsbringern jeglicher Couleur. Nicht zu vergessen diejenigen, die durch Änderung der Ernährung persönliches Heil, Gesundheit und Glück nicht nur sich selbst, sondern der Gesellschaft versprechen. Es stellt sich die Frage, was gesellschaftlich unter Heil, Glück und Erfüllung verstanden wird. Geht es wirklich um einen ständigen Konkurrenzkampf, um ein "Besser, schneller, höher" als der andere? Zum Erreichen besserer Ergebnisse in Wissenschaft, Technik, Wirtschaft ist dies vielleicht nötig. Aber als privates Individuum? Wo bleibt die Grundzufriedenheit mit dem eigenen Leben?

Das krampfhafte Glück suchen ist ein Phänomen, das insbesondere diejenigen betrifft, die in einer wohlhabenden, wirtschaftlich gesicherten Situation leben. Die in besonderem Maße bereit sind, esoterischen Ideen, veganen Lebensweisen oder anderen Heilsbotschaften zu folgen. Ist ihnen bewusst, dass sie als Bürger Mitteleuropas per se privilegiert sind? Sie wohnen trocken und warm, es kommt so viel Trinkwasser aus der Wand, wie sie wollen. Zufriedenheit mit dem Leben erscheint mir der Schlüssel zum Glück und zu einem friedvollen Miteinander. Mario Kosche, Amberg

Seltsames Menschenbild

Ein Artikel mit einem Höchstmaß an Pauschalierungen und damit auch Undifferenziertheit. Zum Beispiel: "Yoga, Meditation und Achtsamkeit ... befeuern den eigenen Geltungsdrang." Abgesehen davon, dass hier ganz Verschiedenes und jeweils in sich auch sehr Differentes in einem Topf geworfen werden, kann diese Behauptung durch den Artikel allerhöchstens nur sehr oberflächlich und damit überhaupt nicht belegt werden, weil zum Beispiel die als Beleg angegebene Studie gleichfalls inhaltlich nur angedeutet wird. Jeder Mensch strebt also in erster Linie nach Überlegenheit? Ein ziemlich seltsames Menschenbild! Gerhard Hoffmann, Korbach

Besser achtsam als konsumistisch

Schade eigentlich, dass der Autor des Artikels Menschen, die Yoga oder Meditation betreiben oder einfach ein achtsameres Leben führen wollen, suggestiv gleichsetzt mit solchen, die in der Tat "bizarre esoterische Ideen" verfolgen. Damit bringt er erstere in Verruf! Grundsätzlich stellt sich wohl die Frage, ob es unserer Umwelt und dem Planeten Erde nicht gut täte, wenn möglichst viele Menschen sich in einem anderen "Koordinatensystem" bewegen (und möglicherweise dabei sogar nur den "eigenen Geltungsdrang befeuern") würden, als auf "große Häuser, große Autos ... oder anderes Blingbling" zu setzen?! Dr. Fred Fabich, Weilheim

Bewusster lebt es sich besser

Ja, es ist alles relativ. Auch Yoga, Meditation und Achtsamkeit. Das Ego, falls es das überhaupt gibt, wird besänftigt. So durfte ich über Jahrzehnte erfahren und beobachten, dass die Natur, die Tier- und Pflanzenwelt, uns Menschen Signale oder Botschaften zukommen lässt, die uns in der Tat helfen. Natürlich weiß ich, dass das alles auch von Stimmungslagen in einem selbst abhängig ist. Aber es ist kein Hamsterrad, wie im Artikel beschrieben wird. Wer die Stille wagt und sich darauf einlassen kann, wird auch beruhigende Erfahrungen machen. Und das Ego nimmt sich zurück.

Überlegenheit, Besitz, Autos, Markenkleidung, Schmuck oder anderes Blingbling sind dabei kaum von Bedeutung. Vielleicht geht es letztlich um mehr. Wie wollen wir leben? Wie können wir überleben? Alles wird existenzieller und konkreter. Kann es sein, dass uns Menschen inzwischen einiges klarer wird? Dass wir uns zum Beispiel bewusster werden und klarer sehen, wer wir sind und was wir tun oder zulassen? Es ist doch so einfach, an einem Beispiel: "Unser Abwasser von heute ist unser Trinkwasser von morgen." Wenn wir solche Botschaften beherzigen, leben wir anders. Gottfried Fauser, Bad Neustadt

Andersdenke nicht kleinmachen

Ich frage mich, ob wir verlernt haben, wie bedeutsam Kritik ist? Kritik als der Motor für Veränderung und das Lebenselixier einer Republik und Demokratie - nur in dieser haben kritische Stimmen das notwendige Echo. Kritik ist zu diskutieren, zu hinterfragen und damit gleichfalls offen für Kritik. Dies ist "das Prinzip der dauernden Fehlerkorrektur" (K. R. Popper, Vorwort zu "Das Elend des Historizismus", 1964). In beiden Artikeln wird auf kritische Geister und "anders als normal" lebende Menschen der Gesellschaft geblickt. Es geht um Yogis, Meditierende, Impfgegner, Menschen, die Achtsamkeit leben, Esoteriker und, dann alle in einem Topf, Verschwörungstheoretiker. Im Artikel "Hamsterrad" wird beschrieben, wie man von der Spiritualität über Geltungsdrang hin zu bizarren esoterischen Theorien befeuert wird. In "Gefühlte Wahrheit" wird von einer ähnlichen Personengruppe behauptet, das Gefühl und die Intuition werde über die Rationalität gestellt.

Eine offene Gesellschaft verträgt Kritik und verbessert sich. Eine verkniffene, ängstliche Gesellschaft verschanzt sich hinter dem "Kleinmachen" ihrer Kritiker. Die Kritik eines Impfgegners muss mir nicht schmecken. Aber ich kann mich über Impfschäden informieren und sollte den Beipackzettel einer FSME-Impfung ernst nehmen. Der Kern jeder Religion und Spiritualität ist Liebe, und eingebettet in ein "aufgeklärtes Vertrauen" (H. Küng, "Der Anfang aller Dinge") kann es zu der Richtschnur meines Handelns werden. Henning Klement, Hamburg

© SZ vom 28.07.2020

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