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WG-Leben:Eine Kommune für Jobnomaden

"Außerdem kannst du bei so vielen Leuten auswählen, mit wem du dich abgibst." Bis auf wenige Studenten und das ein oder andere schon länger im Job stehende Trennungsopfer wohnen in den beiden Düsseldorfer WGs ausschließlich Berufsstarter: Praktikanten, Auszubildende, Unternehmensberater, Controller, Blumenhändler, Ärzte, Staatsanwälte, Gastronomen.

Der jüngste Mieter ist 19, der Älteste 79. Das Durchschnittsalter der WG-Bewohner liegt bei 23, eine eigene Familie hat fast noch niemand oder eben nicht mehr. Die Arbeit ist daher ein wichtiges, vielleicht sogar das wichtigste Thema für die meisten WGNow-Bewohner.

"Durch die vielfältigen Kontakte hat man hier einfach mehr Berufschancen als ein normal arbeitender Mieter, der abends nach Hause geht und niemanden mehr trifft", hat WG-Gründer Klaus in den vergangenen drei Jahren, seitdem er das Post-Kommunardenleben aus der Taufe hob, beobachtet: "Das ist hier einfach eine unglaubliche Job-Community."

Uneingeschränkte Euphorie der Neuzugänge

Wer sich etwa gerade bewirbt, lässt sein Anschreiben nicht nur von einem, sondern gleich von fünf Mitbewohnern, die oft selbst erst kürzlich eine Bewerbung verfasst haben, gegenlesen und kommentieren - das gibt Sicherheit.

Die durchschnittliche Verweildauer in den beiden Groß-WGs beträgt sechs Monate. Die meisten Mieter räumen ihr Zimmer aber nicht aus Verdruss, sondern wegen des Studiums oder Jobs. Mit fast einem Jahr Aufenthalt in der Augustastraße gilt Noel bereits als Langzeitbewohner.

Er weiß, dass die große Schicksalsgemeinschaft um ihn herum nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile mit sich bringt. "Man wird Beziehungsaufbaumüde", sagt er. Die WG sei ein eigener Kosmos, in dem "man Gefahr läuft, andere Freundschaften und Beziehungen zu vernachlässigen". Die Partnerschaft mit seiner Zürcher Freundin hat der WG-Konkurrenz jedenfalls nicht standgehalten.

Tobi dagegen befindet sich noch ganz in der uneingeschränkten Euphorie der Neuzugänge. "Mir gefällt es sehr gut hier", schwärmt der 28-jährige Münsteraner, der vor zwei Wochen seine erste Stelle angetreten hat, als Wirtschaftsprüfungsassistent bei KPMG in Düsseldorf.

Schon jetzt arbeitet er, obwohl er noch gar keinen eigenen Fall hat, von acht bis 22 Uhr. Ein bisschen komisch hätten manche Kollegen zwar schon geschaut, als er im Büro berichtete, er lebe in einer Wohngemeinschaft. Doch die Vorteile, die das Leben in so einer großen Ersatzfamilie bringt, schätzt Tobi wie alle anderen WG-Bewohner als hohes Gut ein. "Das soziale Gefüge ist unbezahlbar."

© SZ vom 29.9.2007
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