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Studienabbrecher:Bewerbung ohne Abschluss

Jedes Jahr schmeißen 70.000 junge Menschen ihr Studium hin. Auf dem Arbeitsmarkt hat nur Chancen, wer sich gut verkaufen kann.

Nach vier Semestern Mathematik und Wirtschaftswissenschaften an der Uni Bochum hatte Rangolf Krüger endgültig genug vom Studieren: "Schon nach einem Jahr hatte ich festgestellt, dass mir das zu theoretisch ist."

Also bewarb er sich bei verschiedenen Unternehmen - und begann nach längerer Suche eine Lehre zum Versicherungskaufmann bei der Debeka.

Das war vor zehn Jahren. Inzwischen ist Krüger Geschäftsstellenleiter der Stuttgarter Filiale. Schon heute ist der 33-Jährige für 34 Mitarbeiter verantwortlich, weitere Aufstiegsmöglichkeiten stehen ihm offen.

Kein Wunder, dass er überzeugt ist, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Krüger glaubt, dass bei der privaten Versicherung Akademiker nicht bevorzugt behandelt werden, wenn sie nicht wirklich besser sind: "Durch Leistung kann es jeder schaffen, aufzusteigen und Karriere zu machen."

Diesen Eindruck möchte auch Gerd Benner herstellen, der bei der Debeka für Trainee-Programme zuständig ist. "Von unseren Außendienstmitarbeitern sind mehrere hundert Studienabbrecher", sagt er. Der Abschluss sei nicht entscheidend, sondern die Fähigkeit, mit Leuten umzugehen und sie zu überzeugen.

Ein Bewerber, der einige Semester studiert hat, müsse ihm im Bewerbungsgespräch plausibel machen können, warum er abgebrochen hat. Dann gebe es mehrere Möglichkeiten: "Sehr gerne" lasse man junge Leute, die drei bis fünf Semester studiert haben, eine Lehre beginnen - wie Krüger. "Die sind meist schon ein bisschen weiter", hat Benner festgestellt.

Wenn jemand bis zum Ende studiert habe, ohne die Abschlussprüfung erfolgreich abzuschließen, sei es in Ausnahmefällen sogar möglich, ihn in das normale Trainee-Programm für Akademiker zu übernehmen. "Es kann ja sein, dass derjenige zum Beispiel wegen familiärer Probleme nur kurzzeitig nicht den Kopf frei hatte."

Jeder Vierte beendet sein Studium vorzeitig

Laut der aktuellsten Studie der "Hochschul-Informations-System GmbH" (HIS) verlassen 27 Prozent aller deutschen und ausländischen Studenten ihre Hochschule ohne Abschluss. Jedes Jahr strömen 70.000 Studienabbrecher auf den Arbeitsmarkt. Fast alle haben mehr Semester auf dem Buckel als Rangolf Krüger, der rechtzeitig den Absprung geschafft hat.

Die durchschnittliche Studiendauer bis zum Abbruch hat sich HIS zufolge seit 1994 deutlich erhöht und liegt jetzt bei 7,6 Semestern. Die meisten Abbrecher gibt es in Sprach- und Kulturwissenschaften (33 Prozent an Unis, 22 an Fachhochschulen), die wenigsten in der Medizin (acht Prozent).

Die Gründe, warum junge Menschen ihr Studium nicht beenden, sind vielfältig. Laut der HIS-Studie waren für immerhin 17 Prozent der Studenten finanzielle Probleme ausschlaggebend für den Abbruch. Genauso viele gaben in der Umfrage an, sich beruflich neu orientiert zu haben. 16 Prozent gestanden, dass ihnen die Motivation gefehlt habe.

Für acht Prozent waren die schlechten Studienbedingungen nicht länger hinnehmbar. Seltenere Begründungen waren familiäre Probleme, Prüfungsängste oder Krankheiten.

Das Negativerlebnis, gescheitert zu sein, lässt bei vielen die Hoffnungen auf einen Job sinken.

Ein Problem, mit dem Anna-Maria Engelsdorfer aus dem Hochschulteam des Münchner Arbeitsamts beinahe täglich zu tun hat. Ihr Fazit klingt ernüchtert: "Momentan ist es für Studienabbrecher sehr schwer, einen Job zu finden, selbst mit Berufserfahrung." Sie versuche ihre Klienten zu überzeugen, sich doch noch an Uni oder FH durchzubeißen.

Wenn das nicht mehr möglich ist, bleibe nur eine Möglichkeit: "Es ist zwingend notwendig, sich gut zu verkaufen." Wenn man sich richtig präsentiere, sei die Lage nicht völlig aussichtslos. Ehemalige Jurastudenten hätten zum Beispiel die Chance, in der Versicherungsbranche unterzukommen.

Ein Internetportal informiert und vermittelt

Doch die Suche nach Unternehmen, die sich Abbrechern gegenüber aufgeschlossen zeigen, ist mühsam. Die "European Commerce & Service GmbH" hat die Marktlücke erkannt und vor zwei Jahren das Internetportal "www.studienabbrecher.com" von Studenten gekauft. Hier können Arbeitgeber Praktika und Jobs anbieten. Außerdem gibt es Tipps und rechtliche Infos. Darüber hinaus sollen hier ab November Arbeitssuchende die Möglichkeit bekommen, ihre komplette Bewerbungsmappe ins Netz zu stellen.

Bis zu 35.000 Nutzer hat die Seite pro Monat. "Die Nachfrage ist erschreckend gewachsen", sagt Matthias Gens, einer der Redakteure von studienabbrecher.com. Daher wolle man das Angebot ausbauen. Zumindest in einem Fall hat die Seite sogar einen Arbeitsplatz geschaffen: Ein anderer Redakteur ist selbst Studienabbrecher.

Wenn Matthias Gens gefragt wird, wie Bewerber ihre Chancen verbessern können, spricht er von "Soft Skills": "Wer sich verkaufen kann, kommt auch unter." Das klingt bekannt.

Wie schwierig die Jobsuche trotz solch gut gemeinten Ratschlägen ist, zeigt eine Anfrage bei Siemens. Dort habe man erkannt, dass auch Studienabbrecher die Anforderungen des Berufslebens meistern können, meint Gens. In der Pressestelle in München weiß man davon jedoch nichts. Nur so viel: Ein spezielles Trainee-Programm für Abbrecher gebe es nicht.

Da wird eine entsprechende Bewerbung in der Unternehmenszentrale kaum Aussicht auf Erfolg haben. Anders könnte es jedoch in Erlangen sein: Dort bietet die "Siemens Technik Akademie" zweijährige Berufsausbildungen an - auch für Studienabbrecher.