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Studentenproteste:Springende Fachidioten

Eklat bei der Pressekonferenz: Die Vorsitzende der Hochschulrektoren verlässt den Saal, wirbt später aber für eine "rationale Diskussion". Die Proteste an den Universitäten werden derweil fortgesetzt.

Trotz der Proteste gegen schlechte Studienbedingungen schreiben sich immer mehr junge Menschen an den Hochschulen ein. Die Zahl der Studienanfänger in Deutschland erreichte in diesem Jahr einen neuen Höchststand, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch mitteilte. Nach vorläufiger Berechnung begannen im Sommer- und Wintersemester insgesamt 423.400 junge Menschen ein Studium an einer Universität oder Fachhochschule. Genau die Hälfte davon sind Frauen. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Zahl der Erstsemester um fast sieben Prozent. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) sprach von einer "sehr erfreulichen Entwicklung". Ein Studium sei attraktiv, sagte Schavan, ohne direkt auf die Proteste an den Hochschulen einzugehen.

Verließ kurzzeitig den Saal, nachdem Studenten die Pressekonferenz gestürmt hatten: die Vorsitzende der Hochschulrektorenkonferenz Margret Wintermantel.

(Foto: Foto: dpa)

Insgesamt gibt es nun bundesweit 2,13 Millionen Studenten. Die Quote der Studienanfänger, also deren Anteil in einem Jahrgang, wuchs von 40,3 auf 43,3 Prozent. Bund und Länder hatten zuletzt als Ziel mindestens 40 Prozent vereinbart. Ende der neunziger Jahre lag die Quote erst bei 31 Prozent. Man sei einen guten Schritt vorangekommen, den künftigen Bedarf an Fachkräften zu decken, sagte Schavan. Im Bauingenieurwesen wuchs die Zahl der Studienanfänger mit 15 Prozent überdurchschnittlich stark. Auch in Maschinenbau, Informatik und Elektrotechnik gab es wieder etwas mehr Erstsemester. Besonders stark wuchs die Zahl der jungen Studenten an den Fachhochschulen. Bundesweit ist etwa jeder dritte Student an einer Fachhochschule eingeschrieben. Deren Ausbau hat derzeit in vielen Bundesländern Vorrang.

Sehr hoch war der Anstieg der Studienanfänger im Saarland (plus 15 Prozent). Wegen des verkürzten Gymnasiums verließen dort in diesem Jahr zwei Abiturjahrgänge gleichzeitig die Schulen. Auch in Bayern und Berlin gab es mit jeweils neun Prozent ein deutliches Plus. In Sachsen-Anhalt ging die Zahl der Studienanfänger dagegen leicht zurück.

"Verpflichtung für die Hochschulen"

Die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, nannte die Zahlen eine "Verpflichtung für die Hochschulen", gute Studienbedingungen zu schaffen. Wie bereits einen Tag zuvor in Leipzig stürmten am Mittwoch Demonstranten eine Pressekonferenz Wintermantels in Berlin. Etwa 40 Studenten machten ihrem Ärger über überfüllte Hörsäle, Studiengebühren und ein verschultes Studium Luft.

Nach Berichten von Teilnehmern sprang ein Student auf den Konferenztisch und rief, die Zustände an den Unis seien "haarsträubend", Studenten würden zu Fachidioten ausgebildet. Wintermantel verließ den Saal, kehrte aber später zurück und diskutierte mit den Demonstranten. Sie warb für eine "rationale Diskussion", räumte aber Mängel in den neuen Studiengängen ein. Nötig seien kleinere Seminare, damit Studenten und Professoren intensiver ins Gespräch kämen. Dafür benötigten die Hochschulen aber mehr Geld, sagte Wintermantel

Nordrhein-Westfalens Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) sagte dagegen, die Hochschulen in seinem Bundesland hätten eine "erheblich gewachsene Finanzkraft". Im nächsten Jahr stünden ihnen 600 Millionen Euro mehr zur Verfügung als 2005. Nun müssten sie das Geld auch nutzen, um mehr Lehrpersonal einzustellen. Pinkwart warnte davor, die Abschlüsse Bachelor und Master grundsätzlich in Frage zu stellen. Erste Erfolge der Reform zeigten sich daran, dass es immer mehr Studenten gelinge, innerhalb der Regelstudienzeit ihr Studium zu beenden. Der Kampf gegen Studienabbruch und lange Studiendauer war in Deutschland eines der Motive für die Einführung der neuen Abschlüsse.

Mit Geld allein ist es nicht getan

Das Deutsche Studentenwerk betonte, mit Geld allein für die Lehre sei es nicht getan. Die Studenten benötigten auch eine gute soziale Infrastruktur. Das Studentenwerk betreibt unter anderem Mensen und Wohnheime. Es klagt über sinkende staatliche Zuschüsse der Länder.

An mehreren Hochschulen hielten Studenten weiterhin Hörsäle besetzt. In Osnabrück ignorierten die Demonstranten ein Ultimatum der Universitätsleitung, die verlangt hatte, den großen Hörsaal am Mittwoch zu räumen. In einer Vollversammlung stimmte eine Mehrheit der anwesenden Studenten dafür, das Audimax weiter besetzt zu halten. In Oldenburg kündigten Studenten für Donnerstag erneut eine Demonstration an. In Städten wie München, Berlin und Jena besetzen Gruppen von mehreren hundert Studenten schon seit einer Woche oder länger Hörsäle. Trotz Beeinträchtigungen geht der reguläre Studienbetrieb aber weiter.

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