Sonderschulen Ausgeschlossen und abgeschoben

Keine Garantien

Die Kultusminister wollen sich allerdings drei Jahre Zeit geben, um die Inhalte der UN-Konvention umzusetzen. Und noch ist ungewiss, wie ernst es ihnen damit wirklich ist. Momentan streiten sich Politiker darüber, wie das englische Wort "inclusion" überhaupt zu verstehen ist. Während die Grünen in Niedersachsen bereits die Abschaffung der Förderschulen fordern und die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung großen Handlungsbedarf anmahnt, winken vor allem konservative Landesregierungen ab: Das differenzierte Förderangebot in Baden-Württemberg werde "auch in Zukunft der Garant dafür sein", dass für jedes Kind ein entsprechendes Schulangebot bereit stehe, lässt Kultusminister Helmut Rau (CDU) wissen. Im Klartext: Abgesehen von ein paar Nachbesserungen, kann alles so bleiben, wie es ist.

In Deutschland hängt es vor allem vom Wohnort ab, ob ein behindertes Kind zusammen mit Gesunden lernen darf. Während in Schleswig-Holstein mittlerweile schon fast jeder zweite Schüler mit "sonderpädagogischen Förderbedarf" in einer normalen Schule lernt, ist es in Bayern nicht einmal jedes fünfte Kind. Zwar sehen die meisten Schulgesetze der Länder vor, dass der gemeinsame Unterricht Vorrang haben sollte - aber garantieren will niemand dafür.

Einen Platz erhält ein behindertes Kind nur, wenn die nötigen Voraussetzungen erfüllt sind: Klassen mit freien Kapazitäten, zusätzliche Räume, Integrationshelfer. Immerhin verschickte Bayerns Ministerium vor kurzem erstmals ein Informationspaket an Grund- und Hauptschulen, wie sie Integrationshelfer beantragen können.

Jeglicher Perspektive beraubt

Bei der Suche nach einer Schule für ihr Kind fühlen sich Eltern wie Valerie Schulz oft allein gelassen. Sie klagen über Bürokratie und viel Unkenntnis. Allein in Hessen wurde in diesem Schuljahr 213 Kindern ein Platz an einer normalen Schule verwehrt. Für die Eltern kommt das einem Urteil gleich, das ihren Kindern jegliche Perspektive auf gesellschaftliche Teilhabe raubt. Denn gehen sie einmal in die Förderschule, bleibt ihnen der Weg zurück meist versperrt.

Natürlich finden sich mittlerweile auch etliche beherzte Schulleiter, die schwierige Schüler nicht loswerden, sondern besser integrieren wollen: zum Beispiel Wilfried Eberts aus Bad Harzburg in Niedersachsen. Er hat gewagt, wovor viele Kollegen zurückschrecken. Als vor zweieinhalb Jahren vier Eltern in seinem Büro standen und ihn anflehten, er möge ihre geistig behinderten Kinder am Werner-von-Siemens-Gymnasium aufnehmen, fasste er sich ein Herz. Er ging mit dem Vorschlag in die Schulkonferenz, führte kontroverse Diskussionen, redete gegen Ängste an und holte eine Berliner Professorin an die Schule, die die Lehrer auf ihre neue Aufgabe vorbereitete. Heute gehen die vier Jugendlichen in die siebte Klasse und alle Sorgen und Widerstände sind verschwunden.

"Am meisten profitiert haben die nichtbehinderten Schüler", sagt Eberts. Er erzählt die Geschichte einer zurückhaltenden Schülerin, die regelrecht aufblühte, als sie der kleinen Amelie, die das Down-Syndrom hat, beim Lesenlernen helfen durfte. In keiner Klasse seien Solidarität, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft so ausgeprägt, wie in der 7a.

20 Stunden in der Woche kommen in Bad Harzburg Integrationshelfer in die Klasse, manchmal ziehen sie sich mit ihren vier Schülern auch in einen Nebenraum zurück. Aber Sport, Musik, Religion und Biologie werden immer gemeinsam unterrichtet. Das Gymnasium würde heute gerne mehr behinderte Kinder aufnehmen, Anfragen gäbe es genug, sagt Eberts, aber die Platznot in seiner Schule spreche derzeit dagegen.