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Selbstdarstellung im Büro:Wir alle spielen Theater

So sauber auch immer unsere Prozesse aufgesetzt, so qualitätsgemanagt unsere Abläufe sein mögen, es kommt auf die Performance an: auf die Darstellung unseres Selbst nicht nach den überlieferten Regeln des Berufs, sondern nach denen der Darstellung selbst. Zur Darstellung der Leistung tritt regelmäßig die Leistung der Darstellung. Unser Auftritt. Unsere Performance. In den Charts.

Performance oder Performanz kam als Begriff zeitgleich mit Peter Druckers Erfindung des Managements in die Welt. Um 1955, als John L. Austin mit dem berühmt gewordenen Buch "How To Do Things with Words" die Sprechakttheorie begründete. Die Prägung des Begriffs fällt zeitlich zusammen mit der "performativen Wende in den Künsten", wie es Erika Fischer-Lichte, die führende Theoretikerin des Performativen in der Kultur, formuliert, ohne weiter nach der Verbindung zwischen Sprechakttheorie, Management und performativen Künsten zu fragen. Der Eindruck drängt sich auf, dass während sich das Theater enttheatralisiert (es wird "postdramatisch"), die übrige Wirklichkeit sich umso heftiger theatralisiert und dramatisiert.

Alles ist Kunst

Es gibt schon länger eine Allianz zwischen Management und Künsten. Beide haben Anteil an einer Überwindung der alten disziplinären Ordnungen in Richtung auf eine neue "performative Normativität". Wenn Manager wie Künstler unaufhörlich von Prozessen reden, die sie höher schätzten als fertige Werke oder Produkte, wenn sie die engen ständischen und disziplinären Grenzen ihrer Kunstsparten und Firmenbranchen geringschätzen und der Entgrenzung das Wort reden, wenn sie in Projekten denken und eben in Performanzen, Präsenzen, Präsentationen, dann könnte das die Vermutung belegen, dass Contemporary Art und Contemporary Management, diese amerikanischen Nachkriegs-Zwillinge, mehr miteinander verbindet, als das die verbliebenen Verächter der Kunst unter den Managern oder Verächtern des Managements unter den Künstlern wahrhaben möchten. Manager und Künstler, zwei dominante Sozialfiguren der Gegenwart, sind prominente Verkörperungen des "unternehmerischen Selbst" - und wir Büroangestellten haben an beiden Ordnungen Anteil.

Performance: Wenn wir gerade nicht an Viagra oder den Dax denken, sondern an die schönen Künste, dann fällt uns Marina Abramovic ein, wie sie in einem Kunstraum mit einer Drahtbürste blutige Rinderknochen von Fleischresten befreit und sich anschließend übergibt. Das war eine Performance, aber kein Happening. Anders als das Happening liefert die Performance weder "Befreiung und Tabubruch" noch "Ironisierung und Persiflage".

Sie ist, im Gegenteil, ernst bis zur Sakralität. Die künstlerische Performance ist heute ein Hüter des Sakralen, nicht nur in der Kunstwelt selbst, in der der Werkbegriff sonst an Aura verloren hat, sondern überhaupt in der sozialen Welt. Die Performance hat nicht nur das Happening ersetzt, sie hat sich eine dominante Stellung im Theatersystem erarbeitet (als "postdramatisches Theater"), aber auch im Tanzsystem und schließlich in der bildenden Kunst. Was könnte diesen Siegeszug der Performance oder des Performativen erklären?

Niemand muss mehr spielen

"Wir alle haben oder geben eine Performance", das bedeutet mehr als nur, dass wir alle Theater spielen, denn nun geht es nicht mehr um Rollenspiele und Rollenverhalten - unser Skript kennt keine Rollen mehr, ja es gibt nicht einmal mehr ein Skript außer unserer Kreativität - sondern um die Erzeugung sozialen Sinns und Werts durch Darstellung.

Der ganze Unterschied zur alten Rollen- und Theatralitätssoziologie besteht darin, dass heute niemand mehr Theater spielt, weil eben die Performance das Theater ersetzt hat. Das skriptlose Agieren des Kreativsubjekts hat die uralten Aufsage-, Einfühlungs- und Deklamationspraktiken des Theaters erfolgreich verdrängt. In der Performance erst erbringen wir den Nachweis, dass wir überhaupt ein Selbst haben und uns verlässlich von anderen unterscheiden. Dass wir "wir selbst" sind, wenn wir arbeiten, und nicht etwa nur Weisungsempfänger.

Der komplexe Aufbau der gouvernemental-autonomen Persönlichkeit erfordert zwingend die Performanz oder Performance: als Nachweis und Dokumentation meines Selbst, als seine Präsentation, als Ort seiner Evaluation. Die künstlerischen Performances, so radikal unkonventionell sie sich auch gebärden, tragen zur Modellierung unserer neuen, unternehmerischen Subjektivität erheblich bei. So gesehen ist die Performance die Kunstform unserer Zeit schlechthin. Es ist so, wie Aldo Legnaro schreibt: