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Reformpädagogik:Erwachen in Wolkenkuckucksheim

Die Reformpädagogik wollte eine humane Schule schaffen, die jedes Kind schützt. Jetzt muss die Theorie geprüft werden, um das Ideal zu retten.

Tanjev Schultz

Die sexuelle Gewalt gegen Kinder, der massenhafte Missbrauch in Schulen und Internaten haben nicht nur die katholische Kirche, sondern auch die Reformpädagogik in Verruf gebracht. Entsetzen lösen die Verbrechen selbst aus, aber auch die Abgründe zwischen hehren Idealen und grausamer Praxis.

Entweiht und entzaubert

Durch die Missbrauchsfälle an der weltlichen Odenwaldschule ist eine Art Heiligtum der Reformpädagogen entweiht und entzaubert worden. Das Etikett "Reformpädagogik" steht für viele unterschiedliche Strömungen, die aber eines eint: der Wunsch, eine humane Schule zu schaffen, die jedem Kind gerecht wird, es ernst nimmt, achtet und schützt.

Die Reformpädagogik hatte schon immer Gegner, ja Feinde, die sich über deren Idealismus und ihren weltverbesserischen Impetus ärgerten. Jetzt fühlen sie sich bestätigt und können eine angebliche Wolkenkuckucksheim-Pädagogik angreifen, eine Pädagogik also, die bestenfalls naiv sei und schlimmstenfalls verbrecherisch. Aber diese Art der Kritik ist unfair und allzu schlicht. Zwar müssen sich Reformpädagogen davor hüten, die sexuelle Gewalt an der Odenwaldschule und anderen Einrichtungen als "Einzelfälle" herunterzuspielen, die mit pädagogischen Konzepten überhaupt nichts zu tun hätten. Pauschales Verdammen und Verwerfen einer ganzen Theorietradition wäre jedoch falsch und überzogen.

Historischer Fortschritt

Dass verbale Demütigung, körperliche Strafen und sexuelle Gewalt gegen Kinder heute überhaupt als Skandal erlebt werden, ist ein historischer Fortschritt, um den sich viele Reformpädagogen verdient gemacht haben. Auch in normalen Schulen gibt es längst, ohne dass Lehrern und Schülern das bewusst sein müsste, reformpädagogische Elemente: die Mitbestimmung von Schülern, das selbständige Lernen in Projekten, die Wertschätzung verschiedener Begabungen und die Rücksichtnahme auf unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten.

Aus reformpädagogischer Sicht sind viele Schulen noch immer nicht gut genug. Aber um wie viel menschlicher geht es im Allgemeinen zu, verglichen mit der langen Geschichte des Machtmissbrauchs in der Erziehung. Im 16. Jahrhundert nannte Montaigne die Bildungsstätten seiner Zeit "wahre Kerker der gefangenen Jugend": "Man komme nur in die Klassen beim Verhör der Lektionen! Da hört man nichts als Schreien der Kinder unter Schlägen und sieht nichts als zorntrunkene Präzeptoren."

Zu oft gebrochenes Tabu

Das ging noch Jahrhunderte so weiter, bis es den Humanisten und Reformpädagogen endlich gelang, die Gewalt gegen Kinder in ein - leider noch zu oft gebrochenes - Tabu zu verwandeln. Nun herrscht weitgehend Konsens, dass Kinder schlecht lernen und Schaden nehmen, wenn man Furcht in ihre Seelen streut. Der Druck auf die Schüler ist allerdings vielerorts wieder gewachsen, Schulangst ein verbreitetes Leiden geworden. Schon deshalb bleibt der reformpädagogische Impuls wichtig: Man darf den Schüler nicht reduzieren auf ein Objekt der Notengebung, man muss in ihm auch die Person sehen und anerkennen.

Warnung vor den Gurus

Lehrer wären aber völlig überfordert, wenn sie für jeden Schüler Vertrauter oder gar echter Freund sein wollten. Hier muss sich die Reformpädagogik von überzogenen Erwartungen verabschieden. Sie darf sich auch niemals mehr den begründeten Verdacht zuziehen, Grenzverletzungen und sexuelle Übergriffe zu dulden, zu verharmlosen und als harmlose Zärtlichkeiten ideologisch zu verschleiern.

Mehr Nüchterneit täte gut

Reformpädagogen haben ihre Idole und Gurus, und man kann, nach allen Erfahrungen, nur davor warnen, ihnen blind zu folgen. Gerade den Deutschen, die sich gern in metaphysischen Schwärmereien ergehen, täte mehr Nüchternheit gut. Der amerikanische Pragmatismus John Deweys ist ein besseres Vorbild als die schwülstige Erziehungsromantik der Landheim-Bewegung.

Reformpädagogen müssen ihre Sprache, ihre Theorie und Praxis radikal prüfen. Sie müssen auf Distanz gehen zur verschwiemelten Rede vom "pädagogischen Eros". Und sie müssen sich fragen, wie aufdringlich ihre Fürsorge sein darf und in welcher Umwelt Pädophile leichtes Spiel haben, unentdeckt zu bleiben. Das Verheerende am Fall der Odenwaldschule ist ja nicht nur, dass die Täter dort lange Zeit ungestört waren. Erschütternd ist auch, dass die Opfer, die bereits Ende der neunziger Jahre auf den Missbrauch hinwiesen, im kumpelhaften Ton, bei fortgesetztem hemmungslosen Duzen, erst hingehalten und dann abgewiesen wurden. Nur ihrer Beharrlichkeit ist es zu verdanken, dass endlich das ganze Verbrechen zu Tage tritt.

Die Idee bleibt bestechend

Die reformpädagogische Idee bleibt bestechend, jede Schule als Polis zu verstehen, in der gemeinsames Handeln geübt und die Demokratie gelebt wird. Demokratie in der Schule kann auch dazu beitragen, Kinder und Jugendliche zu stärken und zu schützen vor dem Machtmissbrauch von Erwachsenen. Doch die Schulgemeinschaft darf sich nicht völlig abkoppeln von der Gesellschaft, der Öffentlichkeit und dem Rechtssystem, das sie umgibt. Sie ist nicht autark, und sie muss gut kontrolliert werden. Die schulische Polis darf nie wieder in eine Despotie münden - weder in eine autoritäre Herrschaft noch in eine Tyrannei intimer Gewalt.

© SZ vom 24.03.2010/holz

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