Psychischer Druck in der Grundschule:Keine Macht den Noten

Lesezeit: 3 min

Sie bekam Ärger mit dem Schulamt, weil ihre Schüler zu gute Noten hatten. Doch die Grundschullehrerin Sabine Czerny lässt nicht locker in ihrem Kampf gegen den Zensuren-Zwang.

Christian Bleher

Es gibt eine Reihe wissenschaftlicher Studien, die nachweisen, dass Noten lügen. Schon vor 40 Jahren hat der Schulforscher Karlheinz Ingenkamp "Die Fragwürdigkeit der Zensurengebung" erörtert. Es gibt auch viele Lehrer, die das Erteilen von Noten als problematisch empfinden. Nun rechnet eine Lehrerin, die seit 14 Jahren an staatlichen Grundschulen unterrichtet, mit einem System ab, das aus ihrer Sicht unnötigerweise Verlierer produziert.

Schulstartpaket bleibt ungeschmälert

Sabine Czernys Credo lautet: Alle Kinder können lernen. Diese Überzeugung hat sie sich auch nicht nehmen lassen, nachdem sie in Konflikt mit der Schulbehörde geraten war, weil die Kinder ihrer Klassen in der Regel besser abschnitten als die der Parallelklassen.

(Foto: dpa)

Die bayerische Lehrerin Sabine Czerny, 38, hat ein Buch mit dem Titel Was wir unseren Kindern in der Schule antun - und wie wir das ändern können verfasst, das an diesem Montag im Südwest Verlag erscheint (384 Seiten, 17,99 Euro). Darin schreibt sie, warum nach ihrer Ansicht die Schulnoten und das Aufteilen der Schüler auf verschiedene Schultypen den natürlichen Lerneifer bremsen - auch den der leistungsstarken Schüler - und verhindern, dass jedes Kind seine Talente entfalten kann.

Czernys Credo lautet: Alle Kinder können lernen. Diese Überzeugung hat sie sich auch nicht nehmen lassen, nachdem sie in Konflikt mit der Schulbehörde geraten war, weil die Kinder ihrer Klassen in der Regel besser abschnitten als die der Parallelklassen. Unmittelbar nach Erscheinen eines entsprechenden Artikels vor zwei Jahren in der Süddeutschen Zeitung wurde Czerny an eine andere Schule versetzt. Im vergangenen Jahr wurde ihr von der Bayerischen Pfarrbruderschaft ein Preis für Zivilcourage verliehen. Auch die damalige Bundespräsidenten-Kandidatin Gesine Schwan lobte die Pädagogin für ihren Mut. Doch dem Druck, hinreichend schlechte Noten zu erzeugen, hatte sich die Lehrerin bereits vor der Versetzung beugen müssen. Courage brauchte es nun allemal, als aktive Lehrerin ein kritisches Buch aus der Praxis vorzulegen.

Wenn Lehrer der weiterführenden Schulen nichts gegen Noten haben, weil sie ja jeden Tag tatsächlich erhebliche Leistungsunterschiede feststellen, hält Czerny dagegen, dass die Kollegen nicht den Anfang einer Schullaufbahn sähen. In ihrem Buch beschreibt sie, was in den Klassenzimmern der Grundschulen passiert, seit in Bayern bereits in der zweiten Klasse Noten gegeben werden und Lernzielkontrollen durch Proben ersetzt wurden. Es sind Geschichten von Kindern, die nach und nach den Glauben an sich verlieren.

Proben sind verbunden mit der Erwartung, die gesamte Notenskala auszuschöpfen. Und so gab es plötzlich auch bei Czerny Notendurchschnitte zwischen 2,6 und 3,4. Als es auch bei ihr ausreichend Fünfer und sogar Sechser gab, war sie erschüttert von den Reaktionen: So hatte ein zuvor lernbegieriger und ausgeglichener Schüler kaum mehr Freude am Lernen, gab die Proben oft ab, wenn noch viele Aufgaben ungelöst waren, starrte abwesend vor sich hin oder musste einfach losheulen. Zum Muttertag schrieb er in der Klasse einen Brief: "Mama, ich bin halt so. Ich bin halt so."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema