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Plädoyer fürs Multijobbing:"Was tue ich da, was mir Freude bereitet?"

Nun sind zwar viele Menschen latent unzufrieden im Beruf, gleichzeitig aber überfordert mit der Frage: "Was würdest Du denn gerne machen?"

Die Überforderung rührt meist daher, dass zwei Gedanken parallel laufen: Idee und Wirtschaftlichkeit. Man überlegt sich nicht nur, was man machen, sondern gleich auch, ob man damit Geld verdienen könnte. Dahinter steckt wiederum die Annahme, dass man einen Job hat, der einen ernähren muss. Deshalb ist zu Beginn ein Gedankenexperiment sinnvoll: Wenn es normal wäre, fünf Jobs zu machen, welche wären das? Häufig kommt man dann auf Kindheits- oder Jugendträume. Archäologe, Polizistin oder Arzt.

Mit Mitte 30 beginnen doch die wenigsten noch ein Medizinstudium.

Das stimmt. Aber wer früher Arzt werden wollte, hat vermutlich ein Bedürfnis danach, anderen zu helfen und mit anderen im Austausch zu sein. Um diese dahinterstehenden Interessen und konkreten Tätigkeiten geht es. Was tue ich da, was mir Freude bereitet? Auch Freizeitbeschäftigungen sind eine echte Fundgrube: also Hobbys oder Ehrenämter, die man mal hatte, aktuell hat oder haben wollen würde.

Und wenn man kein Hobby hat?

Alternativ kann man sich auch überlegen: Was macht mir in meinem Leben Spaß? Wobei das oft gar nicht so einfach ist: Wir sind heute vernunftgeleitetes Denken gewohnt - über das nachzudenken, was uns Spaß macht, kommt uns fast ungehörig vor. Einfacher ist da für viele schon die Frage nach den eigenen Stärken zu beantworten: Was gelingt mir immer wieder gut? Wenn ich meine Talente und Interessen notiert habe, geht es darum, beides sinnvoll miteinander zu verbinden.

Wie muss ich mir das konkret vorstellen?

Ich habe früher zum Beispiel gerne mein Rennrad repariert: Nachdem ich daran rumgebastelt hatte, lief es wieder. Daraus könnte man ein gewisses handwerkliches Geschick und Problemlöse-Kompetenz schließen. Mich interessiert außerdem schon immer alles, was mit Essen zu tun hat - und ich bin fasziniert von der Glücksforschung. Das sind Talente und Interessen, die erst mal beliebig wirken. Aber genau darum geht es: Alles aufzuschreiben, was irgendwie infrage kommen könnte, und dann zu überlegen, was sich kombinieren ließe. Handwerk und Glücksforschung? Passt eher nicht. Aber Handwerk und Essen passt sehr gut. Daraus ist dann in meinem Fall die Idee entstanden, Kekse zu backen und an Leute zu verkaufen, denen gutes Essen wichtig ist, die aber keine Zeit haben, selbst in der Küche zu stehen: Chefs.

Was ist mit den Dingen, die man ursprünglich mal gelernt oder studiert hat?

Beim Brainstormen sollte man sich davon freimachen. Aber die meisten werden ja etwas gelernt haben, an dem sie zumindest irgendwann mal Freude hatten. Wenn die nicht komplett erloschen ist, kann man sich beim Kombinieren schon überlegen, ob man die alte Leidenschaft nicht in neuer Form wieder entfachen könnte. Außerdem muss man sich bei beruflichen Veränderungen auch immer die Frage stellen: Was geht gerade? Viele Leute warten ihr Leben lang darauf, dass sich die perfekte Job-Chance eröffnet. Nur kommt die in den seltensten Fällen. Deshalb ist es besser, mit einem schon vorhandenen Stoffflicken anzufangen - am einfachsten: dem, was man aktuell macht - und zunächst weitere Flicken dranzunähen. Vielleicht hängt das Ausgangsstück irgendwann als Überrest am Rand und kann einfach weggeschnitten werden. Vielleicht ist es auch weiterhin das Herzstück des Flickenteppichs.

Multitasking, Überstunden, ständige Erreichbarkeit: Viele Arbeitnehmer fühlen sich schon mit einem Job gestresst. Kommt es beim Multijobben nicht automatisch zum Burn-out?

Das ist Ansichtssache. Ich finde es auslaugend, fünf Tage die Woche, acht Stunden am Tag vor einem Rechner zu sitzen und die immer gleichen Arbeitsabläufe zu wiederholen. Aber wer sich heute schon in seinem Job vollkommen erschöpft fühlt, für den ist Multijobbing tatsächlich nichts. Mein Buch richtet sich an die Unterforderten, nicht an die Überforderten.

"Das Job-Patchwork-Buch" von Beate Westphal ist im Campus Verlag erschienen.

© SZ.de/jobr/jst/tob
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