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Plädoyer fürs Multijobbing:"Mit nur einem Job würde ich unruhig schlafen"

Fünf Beschäftigungen - das klingt nach prekären Lebensverhältnissen, nicht nach persönlicher Erfüllung. Berufsberaterin Beate Westphal sieht das ganz anders. Die überzeugte Multijobberin fordert: Schluss mit der beruflichen Bequemlichkeit.

Von Johanna Bruckner

Als Jugendliche wollte Beate Westphal Herzchirurgin werden. Heute verkauft die 44-Jährige selbstgebackene Vanilleherzen an Chefetagen und Kinos, arbeitet als Berufsberaterin (oder wie sie selbst sagt: "Traumjobdetektivin") und fördert mit ihrer Stiftung unternehmerisches Denken. Die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin und Kulturmanagerin ist leidenschaftliche Multijobberin - und hat darüber jetzt ein Buch geschrieben.

SZ.de: Frau Westphal, warum jagen viele von uns dem einen Traumjob nach, der uns ein Leben lang erfüllt?

Beate Westphal: Das ist zunächst eine Generationenfrage. Unsere Vorfahren hatten nicht nur einen Job. Sie haben das Feld bestellt, auf dem Hof die Tiere versorgt, genäht und nebenbei die Kinder versorgt. Mit der Industrialisierung hat sich Arbeit sehr stark spezialisiert und es wurde selbstverständlich, einen Beruf 30 Jahre und länger auszuüben. Diese Einstellung haben die Nachkriegsgenerationen verinnerlicht und wiederum an ihre Kinder weitergebenen. Die erleben allerdings gerade, dass das Arbeitsweltbild ihrer Mütter und Väter nicht mehr der Realität entspricht. Sie selbst hangeln sich von Zwei-Jahres-Vertrag zu Zwei-Jahres-Vertrag, sind scheinselbstständig oder müssen nach einem Jahr die Stelle wechseln, weil ihr Arbeitgeber pleite ist.

Ist der Traumjob also eine Illusion?

Es ist illusorisch zu glauben, dass wir all unsere Interessen in einem einzigen Job befriedigen können. Und ich finde es auch wirtschaftlich hochriskant, sich komplett von einem Arbeitgeber abhängig zu machen. Da würde ich unruhig schlafen.

Beate Westphal

Berufsberaterin und Buchautorin Beate Westphal

(Foto: Gregor Hohenheim)

Andererseits ist man als Angestellter bei Arbeitslosigkeit abgesichert. Dieses Auffangnetz hat ein Selbstständiger nicht.

Eben da greift das Multijobbing-Prinzip: Denn man verliert ja in den seltensten Fällen alle Jobs auf einmal. Außerdem ist unser Sicherheitsbedürfnis vollkommen überzogen und irrational. Wir tun so, als würde, wer in Deutschland keinen festen Job hat, auf der Straße stehen und verhungern. Dabei haben wir mit die besten sozialen Sicherungssysteme weltweit, Essen und Unterkunft sind gesichert - auch für Selbstständige. Wenn wir ehrlich sind - und mit wir meine ich vor allem Menschen mit einer guten Ausbildung oder einem Hochschulabschluss - hindern uns eher die Furcht vor Veränderung und schiere Bequemlichkeit daran, beruflich etwas auszuprobieren. Wir reden uns ein, das Risiko sei zu groß sei. Aus meiner Sicht ist es aber das viel größere Risiko, am Ende seines Arbeitslebens zu dem Schluss zu kommen: Eigentlich habe ich nie das getan, worauf ich wirklich Lust hatte.

Für viele Multijobber klingt das wie Hohn. Sie kommen trotz mehrerer Beschäftigungen gerade so über die Runden.

Multijobbing hat bei uns ein schlechtes Image, ja. Aber aus schierer Existenznot mehrere Einkunftsquellen zu brauchen, ist nur die eine Seite der Medaille. Viele Menschen schöpfen ihr Potenzial nicht voll aus. Mein Ansatz ist, sich zu überlegen, welche Talente und Interessen man hat und sich daraus ein "Job-Patchwork" zu gestalten.

Ist das auch was für die alleinerziehende Mutter, die jeden Monat einen gewissen Betrag braucht?

Mein Konzept richtet sich nicht an Menschen, die keinerlei finanzielle Spielräume haben. Ich spreche Leute an, bei denen die Einkommenssituation erst mal eine untergeordnete Rolle spielt, die sich im Job selbst verwirklichen wollen.

Aber es geht doch im Leben nicht nur um die Arbeit: Man will auch Zeit für Familie und Freunde haben und das nötige Geld, um auch mal ins Kino oder Restaurant zu gehen.

Klar, Multijobbing ist mit einem Nine-to-Five-Job nicht vergleichbar. Aber man macht ja nicht an einem Tag alle Jobs, sondern vielleicht zwei, jeweils vier Stunden lang. Und man ist zudem zeitlich flexibler - ich kann nach den ersten vier Stunden eine Pause einlegen und beispielsweise zum Sport gehen. Außerdem rate ich nicht dazu, seinen sicheren gutbezahlten Job von heute auf morgen aufzugeben.

Sondern?

Ein erster Schritt könnte sein, sich zu überlegen, ob und wie man mit seinem Hobby Geld verdienen kann. Warum sind wir so darauf festgelegt, dass der Job den Lebensunterhalt sichert und die Freizeit für Lebensfreude sorgt? Warum kann es nicht auch umgekehrt sein? Das Gute am Multijobben ist: Man setzt sich aktiv und kreativ mit dem Thema Geldverdienen auseinander. Man ist gezwungen, sich Gedanken um Einkommen, Rücklagen und Steuern zu machen.

"Was tue ich da, was mir Freude bereitet?"

Nun sind zwar viele Menschen latent unzufrieden im Beruf, gleichzeitig aber überfordert mit der Frage: "Was würdest Du denn gerne machen?"

Die Überforderung rührt meist daher, dass zwei Gedanken parallel laufen: Idee und Wirtschaftlichkeit. Man überlegt sich nicht nur, was man machen, sondern gleich auch, ob man damit Geld verdienen könnte. Dahinter steckt wiederum die Annahme, dass man einen Job hat, der einen ernähren muss. Deshalb ist zu Beginn ein Gedankenexperiment sinnvoll: Wenn es normal wäre, fünf Jobs zu machen, welche wären das? Häufig kommt man dann auf Kindheits- oder Jugendträume. Archäologe, Polizistin oder Arzt.

Mit Mitte 30 beginnen doch die wenigsten noch ein Medizinstudium.

Das stimmt. Aber wer früher Arzt werden wollte, hat vermutlich ein Bedürfnis danach, anderen zu helfen und mit anderen im Austausch zu sein. Um diese dahinterstehenden Interessen und konkreten Tätigkeiten geht es. Was tue ich da, was mir Freude bereitet? Auch Freizeitbeschäftigungen sind eine echte Fundgrube: also Hobbys oder Ehrenämter, die man mal hatte, aktuell hat oder haben wollen würde.

Und wenn man kein Hobby hat?

Alternativ kann man sich auch überlegen: Was macht mir in meinem Leben Spaß? Wobei das oft gar nicht so einfach ist: Wir sind heute vernunftgeleitetes Denken gewohnt - über das nachzudenken, was uns Spaß macht, kommt uns fast ungehörig vor. Einfacher ist da für viele schon die Frage nach den eigenen Stärken zu beantworten: Was gelingt mir immer wieder gut? Wenn ich meine Talente und Interessen notiert habe, geht es darum, beides sinnvoll miteinander zu verbinden.

Wie muss ich mir das konkret vorstellen?

Ich habe früher zum Beispiel gerne mein Rennrad repariert: Nachdem ich daran rumgebastelt hatte, lief es wieder. Daraus könnte man ein gewisses handwerkliches Geschick und Problemlöse-Kompetenz schließen. Mich interessiert außerdem schon immer alles, was mit Essen zu tun hat - und ich bin fasziniert von der Glücksforschung. Das sind Talente und Interessen, die erst mal beliebig wirken. Aber genau darum geht es: Alles aufzuschreiben, was irgendwie infrage kommen könnte, und dann zu überlegen, was sich kombinieren ließe. Handwerk und Glücksforschung? Passt eher nicht. Aber Handwerk und Essen passt sehr gut. Daraus ist dann in meinem Fall die Idee entstanden, Kekse zu backen und an Leute zu verkaufen, denen gutes Essen wichtig ist, die aber keine Zeit haben, selbst in der Küche zu stehen: Chefs.

Was ist mit den Dingen, die man ursprünglich mal gelernt oder studiert hat?

Beim Brainstormen sollte man sich davon freimachen. Aber die meisten werden ja etwas gelernt haben, an dem sie zumindest irgendwann mal Freude hatten. Wenn die nicht komplett erloschen ist, kann man sich beim Kombinieren schon überlegen, ob man die alte Leidenschaft nicht in neuer Form wieder entfachen könnte. Außerdem muss man sich bei beruflichen Veränderungen auch immer die Frage stellen: Was geht gerade? Viele Leute warten ihr Leben lang darauf, dass sich die perfekte Job-Chance eröffnet. Nur kommt die in den seltensten Fällen. Deshalb ist es besser, mit einem schon vorhandenen Stoffflicken anzufangen - am einfachsten: dem, was man aktuell macht - und zunächst weitere Flicken dranzunähen. Vielleicht hängt das Ausgangsstück irgendwann als Überrest am Rand und kann einfach weggeschnitten werden. Vielleicht ist es auch weiterhin das Herzstück des Flickenteppichs.

Multitasking, Überstunden, ständige Erreichbarkeit: Viele Arbeitnehmer fühlen sich schon mit einem Job gestresst. Kommt es beim Multijobben nicht automatisch zum Burn-out?

Das ist Ansichtssache. Ich finde es auslaugend, fünf Tage die Woche, acht Stunden am Tag vor einem Rechner zu sitzen und die immer gleichen Arbeitsabläufe zu wiederholen. Aber wer sich heute schon in seinem Job vollkommen erschöpft fühlt, für den ist Multijobbing tatsächlich nichts. Mein Buch richtet sich an die Unterforderten, nicht an die Überforderten.

"Das Job-Patchwork-Buch" von Beate Westphal ist im Campus Verlag erschienen.

© SZ.de/jobr/jst/tob
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