Lifestyle-Müsli als Geschäftsidee Großer Erfolg mit kleinen Körnern

Das Lieblingsfrühstück als Vollzeitbeschäftigung: Drei Studienfreunde haben die erste Mahlzeit des Tages zu ihrer Geschäftsidee gemacht. Und daraus ein erfolgreiches Unternehmen.

Von Anna Günther

Der richtige Start in den Tag erlaubt kaum Kompromisse. Ob Wurst auf Brot, Kaffee pur oder Obstsalat: Passionierte Frühstücker bleiben ihrem Geschmack meist treu, fremdartige Frühstücksbräuche sorgen im Urlaub schon mal für Dramen und bringen den ganzen Tag durcheinander. "Müsli mit Joghurt? Nee, ich mag's lieber mit Biomilch statt als homogene, breiige Masse", sagt Max Wittrock. Kaum ein Morgen vergeht ohne Müslischale, ein Cerealienfanatiker sei er aber nicht, findet jedenfalls der 29-Jährige, und das sei auch keine auswendig gelernte Marketingfloskel, fügt er eilig hinzu.

München, 10.4.2012 / Foto: Robert Haas 'myMüsli' am Viktualienmarkt Max Wittrock

(Foto: Robert Haas)

In der Endphase seines Jurastudiums in Passau gründete der Münchner mit Hubertus Bessau und Philipp Kraiss eine Firma, die aus 80 zertifizierten Bio-Zutaten individuelle Müslis herstellt. Kunden bestellen ihren Mix im Internet, die Cerealien bringt die Post. Das Frühstück im Laden habe vor allem praktische Gründe, sagt Wittrock, dort treffe sich das Team jeden Morgen, um den Tag zu besprechen. Und er bekomme Kaffee und Essen, ohne sich extra kümmern zu müssen. Den Passauer Laden gibt es bereits seit vier Jahren, laut Wittrock ein "Mega-Experiment, und die Frage ist, wie nischig kann man sein?" Müsli, Haferbrei und Kaffee gibt es. Mehr nicht. Für ein Frühstück reicht das. Seit kurzem führen Wittrock, Kraiss und Bessau ihr Nischen-Experiment auch in München durch. Vor wenigen Tagen eröffneten sie einen Laden am Viktualienmarkt.

Die Entscheidungen treffen sie gemeinsam, doch die Aufgaben sind klar verteilt: Wittrock kümmert sich um Öffentlichkeitsarbeit und Fairtrade-Kaffee, Bessau um IT und Marketing, Kraiss widmet sich den Finanzen und der Produktion, darüber hinaus "machen wir wie bei jedem Startup alle irgendwie alles", sagt Wittrock.

Die Idee, ein individuelles Müsli herzustellen, entstand 2005 auf dem Weg zum Badesee. Dabei stehen in jedem Supermarkt meterweise Cerealien in allen Farben und Geschmacksrichtungen in den Regalen. Das seien aber nur Kompromisse, findet Wittrock, denn "immer ist irgendetwas drin, was man nicht mag". Die Jungunternehmer setzten auf den Trend in kaufkräftigen Kreisen, möglichst individuell und möglichst "bio" sein zu wollen. Bis die Vermarktung via Internet klar war, vergingen Monate, doch "es war nicht zu erwarten, dass uns jemand die Idee klaut", sagt Wittrock entspannt.

Am 30. April 2007 ging "myMüsli" online, nach zwei Wochen waren die Verpackungen ausverkauft. Schon lange mischen die drei Geschäftsführer nicht mehr selber, die Firma sitzt mittlerweile im Gewerbegebiet, das Trio beschäftigt 100 Mitarbeiter, und die Mischung der Cerealien übernimmt seit Ende 2011 teilweise eine Maschine.

Im Münchner Laden am Viktualienmarkt duftet es nach Holz und Kaffee, Pyramiden aus Müslidosen türmen sich in den Schaufenstern, und immer mal wieder drücken sich Neugierige an den Fenstern die Nasen platt. Hinein kommen wenige, es ist ruhig an diesem Vormittag, doch Wittrock sieht's gelassen. Der Laden habe ja erst aufgemacht, und wenn das Konzept nicht funktioniere, lasse man es eben oder probiere etwas Neues, sagt er unbekümmert.

Überhaupt scheint den Wahl-Passauer wenig aus der Ruhe zu bringen: Die Verantwortung für 100 Mitarbeiter bereite ihm keineswegs schlaflose Nächte, die Krise habe das Team nicht gespürt. Skrupel für die Müsli-Idee seinen Job als TV-Journalist zu schmeißen? Habe er auch nie gehabt, sagt Wittrock entspannt ans Fenster zum Viktualienmarkt gelehnt. "Warum auch, ein Unternehmen zu gründen, ist großartig, und wir waren nach dem Studium alle in einer extrem privilegierten Situation: keine Schulden, keine Kinder, keine Hypothek, und wir haben in WGs in Passau gewohnt."

Zwar habe seine Mutter Waltraud nicht unbedingt gejubelt, als er den Schritt in die Selbständigkeit verkündete, aber: "Wir waren sehr überzeugend, und was hat man denn in dieser Lebensphase zu verlieren? Mit einem Studienabschluss und schuldenfrei, was kann denn groß passieren?", meint Wittrock. Wäre die Idee gescheitert, hätte er kaum Geld verloren, aber eine tolle Zeit erlebt, viel dazugelernt und ein anderes Konzept umgesetzt. Der Verantwortung sei sich das Trio aber sehr bewusst, betont er. Die Firma wachse langsam, jede Entscheidung werde wohlüberlegt - Lässigkeit hin oder her.

Einen Ausgleich zum Job? Braucht der Jungunternehmer nicht, die Frage danach lässt Wittrock stutzen: "Wofür denn, es ist extrem cool, was wir jeden Tag machen, wir sind ein großartiges Team, und es macht extrem Spaß, zusammenzuarbeiten." Beschwerden von Freunden sind nicht zu erwarten: Einige arbeiten in der Firma, und sogar das Kaffee-Startup von Wittrocks Freundin gehört zum Müsli-Unternehmen.

Großonkelhafte Weisheiten über den Ernst des Berufslebens scheint Wittrock bewusst zu ignorieren. Vom Klischee des aufstrebenden Nachwuchs-Entrepreneurs ist der 1,89 Meter große Obermenzinger mit Karohemd, Wuschelhaar und Sticker-beklebtem Laptop weit entfernt. Fragt man im Münchner Geschäft nach Herrn Wittrock, blicken einen ratlose Gesichter an - im Team ist er schlicht Max. Eine familiäre Atmosphäre sei sehr wichtig, erklärt Wittrock, Arbeiten mache so mehr Spaß, und die Firma konnte anfangs keine hohen Gehälter bezahlen. "Und warum unterschreibt dann jemand trotzdem?" Weil er viel Verantwortung, eine positive Arbeitsatmosphäre bekomme und mit Leidenschaft dabei sei, beantwortet er selber.

Überhaupt "Leidenschaft", das Wort benutzt Wittrock oft, und besonders beim Thema Essen, gerne auch zusammen mit verschiedensten Superlativen. Die Begeisterung zeigt sich auch physisch: Spricht Wittrock, gestikuliert er mit den Händen, das Thema ist egal. Doch geht es um Lebensmittel oder ausgefeilte Speisen, scheinen seine Hände ein feuriges Eigenleben zu führen. "Durchnerden" nennt er seine fast übersteigerte Affinität scherzhaft.

Zurzeit versuche er, die Salsiccia-Mozzarella-Zwiebel-Pizza von Chris Bianco zu rekonstruieren. Der Amerikaner gelte als der beste Pizzabäcker der Welt, schwärmt Wittrock, er selbst sei kurz davor, sich einen Räucherofen für den Mozzarella zu kaufen. Sein Freundeskreis versuche, das Baguette von Anis Bouabsa nachzubacken. "Das ist gar nicht so einfach", sagt Wittrock und lacht. Die Brote des Franzosen tunesischer Abstammung wurden 2008 zu den Besten von Paris gekürt und landeten auf dem präsidialen Frühstückstisch im Elysée-Palast. Doch Baguette am Morgen? Seine Leidenschaft bleibt dann doch Müsli.

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